zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 08:39 Uhr

Verladung der Tu-134 : Im Tiefflug ins Museum

vom

Demontage per Großkran: Ex-Stasi-Tupolew landet nach über einem Vierteljahrhundert Standzeit in einem vorpommerschen Garten im brandenburgischen Cottbus

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2017 | 20:45 Uhr

Die letzten Rosen sind verblüht im Garten von Brigitte und Ernst Baumann im vorpommerschen Grünz bei Penkun. Schweren Herzens verabschiedeten sich die Besitzer eines Wirtshauses von einem längst geplatzten Traum: Mehr als ein Vierteljahrhundert beherbergten die heute 80-Jährigen ein riesiges Passagierflugzeug sowjetischer Bauart zwischen Sträuchern, Obstbäumen und Gemüsebeeten auf ihrem Grundstück gegenüber der Dorfkirche. Gestern hob der Düsenjet zum letzten Mal ab.

Die Tupolew Tu-134A wollten die Baumanns eigentlich zu einem extravaganten Eiscafé herrichten, bekamen aber keine Genehmigung. Nun ging der verrostete Flieger ein letztes Mal in die Luft – Stück für Stück am Kranhaken, unter den staunenden Blicken einiger Zaungäste. In Teilen auf vier Tiefladern verstaut sollte das Flugzeug in der Nacht ins 260 Straßenkilometer entfernte Flugplatzmuseum Cottbus transportiert und dort zum größten Exponat werden.

7 Uhr: Mit der aufgehenden Sonne rollt der Autokran für bis zu 800 Tonnen Traglast in Baumanns Garten. Die Anspannung steigt. „Jetzt holen wir dich nach Hause“, meint Michael Knebel, Mitglied im Museumsverein und früher selbst Navigator der DDR-Interflug auf einer Tu-134A. „Ich kenne den Laden, wir kriegen die Maschine ganz sicher wieder zusammengesteckt“, sagt er beinahe liebevoll.

Für 10000 Euro kaufte das ehrenamtlich betriebene Museum in diesem Frühjahr die Tupolew der Baumanns. Mindestens 30000 Euro kosteten Abbau und Transport, sagt Projektleiter Enrico Peiler. Der Cottbuser Elektro-Meister arbeitet fast jedes Wochenende und viele Urlaubstage für das 1994 auf dem früheren Militärflugplatz eröffnete Museum, das bisher knapp 50 Flugzeuge und Hubschrauber vor dem Verschrotten rettete. Die Tu-134A werde das Highlight auf dem 60000 Quadratmeter großen Museumsgelände, so Peiler.

 

Vor Jahren war sich der Verein mit der Bundeswehr bereits handelseinig, die wollte eine ausgemusterte Transall nach Cottbus fliegen. Doch die Idee ging nicht auf, weil die Stadt inzwischen Start- und Landebahn mit Solaranlagen zupflastern ließ. Dann bekamen die Luftfahrtfreaks Wind von der vergessenen Tupolew im Gemüsegarten – und machten flugs ein Kaufangebot.

10 Uhr: Die erste Tragfläche schwebt am Haken. 3,5 Tonnen, kein Ding, meint der Kranführer. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt Ernst Baumann das Aufladen. Eigentlich sei er froh, die Maschine abzugeben. „Da kommt sie in gute Hände und wird restauriert.“ Brigitte Baumann sagt, sie sei glücklich. „Das wäre ein zu großer Nachlass für die Kinder gewesen.“ Dennoch: Der Jet habe viele Neugierige nach Grünz und in ihr Gasthaus gelockt, das in dem winzigen Dorf nur schwer zu halten sei.

Die Grünzer Tupolew, Baujahr 1972, hat eine turbulente Geschichte. Früher flog die 29 Tonnen schwere und 35 Meter lange Maschine für die sowjetische Aeroflot, bis sie Mitte der 1980er-Jahre via Berlin-Schönefeld und schließlich über Land in die Uckermark transportiert wurde. Nur wenige Kilometer südlich von Grünz entfernt bildete auf einem geheimen Gelände in Wartin bei Prenzlau die Staatssicherheit der DDR Antiterroreinheiten aus. Fotos zeigen eine Übung an der Tu-134A zur Befreiung von Geiseln im Falle einer Flugzeugentführung. Auch Gastwirt Baumann kannte die Gerüchte um den Trainingsflieger der Stasi. 1991 zogen die Baumanns mit vielen Helfern die praktisch noch flugfähige Tupolew durchs Tal der Randow zu sich nach Hause. „Die haben wir mit neun Traktoren zwei Tage lang übers Feld geschleppt, einige Male versackt sind wir, ein riesiger Aufwand!“ Brigitte Baumann war damals nicht begeistert: „Wir wollten gerade an die Ostsee fahren, dann kam der Ernst mit dem Flugzeug an. Wat denken Sie, wie ich da sauer war!“

Der Plan, ein Café einzurichten, scheiterte an der Gewerbeaufsicht. Die Behörde verlangte eine lichte Höhe des Gastraums von 2,40 Meter, die Passagierkabine misst zwei Meter. Eine Betonplatte sollte dem Flugzeug untergeschoben werden, unmöglich für die Wirtsleute. Sie gaben auf. Verschrotten? Da wäre jede Menge Sondermüll angefallen…

Seit März nun waren Enrico Peiler und seine Mitstreiter immer wieder in Grünz und bereiteten den Abtransport vor. Insgesamt 3800 Arbeitsstunden dauerte der Abbau. Tragflächen, Tragwerke, Fahrwerke wurden vom Rumpf des Fliegers getrennt, mehr als 200 schwere Bolzen gelöst, dokumentiert, beschriftet.

Punkt 12 Uhr wird die zweite Tragfläche über die – nun flügellose – Tupolew gehoben. Dann folgen kleinere Teile: Triebwerke, Fahrwerke, Seiten- und Höhenruder. Zum Glück spielt das Wetter mit. Um 16.15 Uhr das Finale – im zweiten Versuch gelang das Takeoff für den 14 Tonnen schweren Rumpf.

Für den eigentlichen Schwerlasttransport über die Autobahn 11 sind ein, zwei Nächte eingeplant. Morgen soll abgeladen werden. Danach wird das Flugzeug in Cottbus wieder montiert und gesichert, bevor im kommenden Jahr die Aufarbeitung beginnt. Künftig soll eine Ausstellung in der Maschine über deren Historie berichten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen