Retdachhäuser : Im Sommer kühl und im Winter warm

Leben im Reetdachhaus: Elisabeth und Gerolf Partisch
Leben im Reetdachhaus: Elisabeth und Gerolf Partisch

Familie Beth und Familie Partisch leben unter Reetdächern

svz.de von
11. November 2014, 11:45 Uhr

Heimelig fühlt sich Christiane Beth unter ihrem Reetdach. „Im Sommer ist es schön kühl und im Winter kuschelig warm.“ Seit 15 Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Banzkow bei Schwerin. 311 Jahre alt ist das Hallenhaus, das sie „in recht desolatem Zustand“ auf einer Zwangsversteigerung erwarben. „Wir haben uns in das Haus verliebt und den Kauf bis heute nicht bereut.“ Die eine Hälfte des Reetdaches mussten sie erneuern lassen, die andere wurde ausgebessert. Eine besondere Pflege, so Beth, brauchte das Dach bislang nicht.

Vorerst bietet der unausgebaute Dachboden Fledermäusen Unterkunft. „Eine Zeitlang hatte sich auch eine Schleiereule einquartiert. Darüber haben wir uns gefreut“, so die Hausbesitzerin. Wer unter einem Reetdach wohnt, dürfe nicht pingelig sein, allein wegen der vermehrt auftretenden Spinnen. Sie ist stolz auf ihr altes Haus mit dem echten Natur-Dach. Und wenn sie irgendwo ein altes Bauernhaus sieht, das mit Wellblech eingedeckt wurde, „dann blutet mir das Herz“.

Auch Elisabeth Partisch findet, es sei eine feine Sache, unter einem Reetdach zu wohnen. Vor 43 Jahren haben ihr Mann Gerolf und sie ihr Haus in Dümmer geschenkt bekommen. „Es war baufällig und die Eigentümerin hatte kein Geld für Reparaturen.“ Aber anderer Wohnraum war kaum zu bekommen damals für die beiden LPG-Arbeiter. Längst waren Reetbündel vom First gerutscht, weil die Drähte verrostet waren. Neues Reet war nicht zu bekommen. „Das meiste Reet wurde in den Westen exportiert.“ Um Pfannen aufs Dach zu legen, hätten die Partischs den Dachstuhl erneuern müssen. Aber Holz gab es für sie nicht. „Darum sind wir über die Dörfer bis ins Sperrgebiet gefahren und haben von leer stehenden Häusern das Reet abgebunden.“ Die LPG-Baubrigade hat geholfen, es aufs Dach zu bringen. Inzwischen ist ihr Dach wieder reparaturbedürftig. „Mir ist schon ein bisschen bang vor dem nächsten Sturm“, sagt Elisabeth Partisch.

Für ein neues Reetdach fehlt das Geld. Wenn es hart auf hart kommt, wird das weiche Reet einem harten Dach weichen müssen.


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