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Leipziger Buchmesse : Im Reißwolf zweier Diktaturen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die am Schaalsee lebende Natascha Wodin spürt in „Sie kam aus Mariupol“ ihrer Mutter nach, die als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam

Wenn die Lehrerin mal wieder von den Gräueltaten der Russen erzählt, wie sie während des Zweiten Weltkrieges kleine Kinder mit ihren Stiefeln zertreten hätten, weiß die junge Natascha Wodin schon, dass ihre deutschen Klassenkameraden nach Schulschluss wieder Hetzjagden auf sie veranstalten werden. Also distanziert sich das 1945 in Fürth als Kind verschleppter sowjetischer Zwangsarbeiter geborene Mädchen von ihren Eltern. Zehn ist Natascha, als die Mutter sich das Leben nimmt. Die ist ihr darum „mehr ein Gefühl als eine Erinnerung“, schreibt Natascha Wodin in ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“, für das sie gerade den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik erhalten hat. Selten lagen die Juroren so richtig.

Wodin, die eigentlich Wdowin heißt, was ihr Verlag für unaussprechbar hielt und es eindeutschte, begibt sich auf Spurensuche nach der früh verstorbenen Mutter. Immer und immer wieder hat sie im Lauf der Jahrzehnte versucht, etwas über sie herauszubekommen, so dass es im Grund nur eine Art Spielerei ist, als sie den Namen mal wieder ins Internet eingibt. Umso überraschter ist sie, als sie einen Treffer landet. Sie weiß nicht, ob sie sich freuen soll: „Ich starrte auf den Namen meiner Mutter auf dem Bildschirm und hatte dabei das Gefühl, dass die notdürftige Identität, die ich mir im Lauf meines Lebens zusammengebastelt hatte, zerplatzte wie eine Seifenblase.“

Das aber ist erst der Anfang. Immer mehr erfährt sie über ihre Mutter Jewgenia und deren Verwandte, von denen kaum einer eines natürlichen Todes gestorben ist, so dass sie es bald bereut, mit ihren Recherchen begonnen zu haben.

1944 wird die Mutter von den Nazis verschleppt und muss in einem Leipziger Rüstungsbetrieb des Flickkonzerns Flugzeuge montieren, die später über ihre eigenen Landsleute Bomben abwerfen. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1945 wird sie als „Displaced Person“ in ein Lager für ehemalige „Ostarbeiter“ eingewiesen. Zurück in ihre Heimat kann sie nicht. Dort gilt sie als Kollaborateurin der Deutschen und muss Arbeitslager oder gleich die Exekution fürchten.

In Deutschland aber wird die nach all den Erlebnissen seelisch kranke Frau nie heimisch und nimmt sich schließlich das Leben. „Sie war in den Reißwolf zweier Diktaturen geraten, zuerst unter Stalin in der Ukraine, dann unter Hitler.“

Schon mit ihrem Schlüsselroman „Nachtgeschwister“ (2009), in dem sie über die Ehe mit Wolfgang Hilbig schrieb, hat die in Berlin und am Schaalsee lebende Natascha Wodin bewiesen, dass sie bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus gehen kann. Auch der aktuelle Roman lässt den Leser betroffen zurück, erzählt er doch mit der sehr persönlichen Lebensgeschichte der Mutter auch die der 26 bis 27 Millionen Zwangsarbeiter, die von den Nationalsozialisten als billige Arbeitskräfte deportiert wurden, um in Deutschland die an der Front kämpfenden Männer zu ersetzen. 30 000 Zwangsarbei-terlager gab es in Nazi-Deutschland. Wenig ist über sie bekannt. Natascha Wodin schafft es, indem sie ihre eigene Familiengeschichte erzählt, diesen Namenlosen ein Gesicht zu geben und das Andenken an die Opfer zu bewahren. Nicht nur ein gutes Buch also, auch ein wichtiges.


 

Natascha Wodin:  Sie kam aus Mariupol. Rowohlt, 366 Seiten, 19,95 Euro,  ISBN 978-3-498-07389-3
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol. Rowohlt, 366 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-498-07389-3

 
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