zur Navigation springen

Technik : Im Orbit mit Know-how aus Brandenburg

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Mann aus der Mark pendelt nach Den Haag, um am Galileo-Satellitenprojekt mitzuarbeiten. Den Erfolg seiner Arbeit sieht er erst, wenn alles wieder vorbei ist

Ursprünglich wurden Navigationssysteme erfunden, um präziser Krieg zu führen. Russland und die USA beherrschen diesen Markt. Europa hat das Galileo-Projekt als Pendant zu GPS entwickelt. Der Unterschied: Es sei eine Sache des Friedens, heißt es bei der ESA.

Satelliten sind ein bisschen dumm. Und außerdem sind sie geltungsbedürftig. „Hier bin ich! Hier bin ich!“, funken sie unablässig zur Erde – jedenfalls wenn sie Teil eines Navigationssystems sind. Vier Satelliten sind notwendig, damit Otto Normalbürger von seinem Auto-Navi die Aufforderung bekommen kann, dass er bitte wenden soll, weil er schon wieder falsch abgebogen ist.

Man könnte meinen, dass sich Satelliten um das Wohlergehen der Menschen kümmern. Sie an ihr Ziel bringen. Doch was ist, wenn Satelliten für Kriege gebraucht werden? Und der sichere Zugang zu ihnen und ihre Funktion gestört wird?

Zurzeit vertrauen die meisten Menschen westlicher Staaten auf GPS. Die Abkürzung steht für Global Positioning System. Es wurde vom US-Militär erfunden und dient bis heute der zielgenauen Steuerung von Raketen und anderen Waffensystemen. Die Anwendung im zivilen Bereich kam erst später und ist heute alltäglich.

Deshalb ist die Abhängigkeit von den USA groß. Und deshalb gibt es seit Jahrzehnten Bestrebungen Europas, sich von GPS zu emanzipieren. „Der Unterschied ist, dass wir keine militärischen Anlagen bauen, sondern ein zivil geführtes und weltweit verfügbares Navigationssystem“, erklärt Dietmar Wegner. Das Projekt trägt den Namen Galileo. Die Reverenz geht an den italienischen Philosophen, Mathematiker, Physiker und Astronomen Galileo Galilei (1564-1642). Er war einer der ersten Menschen, der ein Fernrohr nicht zur Feindbeobachtung nutzte, sondern gen Nachthimmel richtete.

„Ich habe als Kind schon Teleskope gebaut, nur funktionierten die nicht richtig“, erzählt Dietmar Wegner. Der promovierte Ingenieur arbeitet bei der Europäischen Weltraumorganisation (European Space Agency, kurz ESA) im Technologie-Zentrum im niederländischen Den Haag. Er ist mitverantwortlich für die Sicherheitsanalyse des Galileo-Systems und die Zuverlässigkeitsanalyse der Satelliten. So ein Technikwunder ist übrigens rund 700 Kilogramm schwer.

„Das Tragische an meinem Job ist, dass ich erst den Erfolg sehe, wenn das Gerät zwölf Jahre lang trotz Störungen funktioniert und schließlich in den Friedhof-Orbit gelenkt wird“, erklärt der in Kienitz (Märkisch-Oderland) geborene Wegner etwas wehmütig. Die Blumensträuße gehen an die Erfinder, er sei meist der Spielverderber. „Ich bin derjenige, der die schlechten Nachrichten überbringt“, so Wegner. Etwa wenn er nachweist, dass bestimmte Umstände den Verlust eines Satelliten riskieren oder der Nutzer am Boden ein fehlerhaftes Signal empfangen könnte. Auf den Kopf fallen könne der Flugkörper jedoch niemandem. „Der Satellit würde bei einem Absturz wie eine Sternschnuppe verglühen, hier unten würde keine Schraube ankommen“, erklärt der Ingenieur, der seit 2007 bei der ESA arbeitet und sich damit einen Kindheitstraum erfüllt hat.


Ein bisschen Frieden dank Weltraumprojekt


Und wie es dann immer so ist, wenn man außerhalb der Heimat lebt: Dietmar Wegner verliebte sich. In das Land, in die Umgebung. „Ich bin wassersüchtig“, gesteht er, der typisch niederländisch jeden Tag mit dem Fahrrad 17 Kilometer zu seiner Arbeitsstätte von Scheveningen nach Noordwijk fährt. Dass Holländer genauso wie Kienitzer häufig unter Wassermassen leiden und Wege finden müssen, dem Naturelement Herr zu werden, schreckt Wegner nicht. Nein, er fühlt sich dem Wasser verbunden. Von seinem Haus in Kienitz, das er jeden Monat mindestens einmal aufsucht, blickt er direkt auf einen Deich. Dessen Bauweisen gehen auf Erfahrungen Niederländischer Deichbauer zurück. Dahinter fließt die Oder und hält sich noch zurück, liegt zahm in ihrem Bett.

Durch sein Engagement in den Niederlanden und seiner Pendelei zwischen den Ländern ist Dietmar Wegner nicht nur ein Weltenbummler geworden, sondern auch ein überzeugter Europäer. „Was die ESA mit Galileo auf die Beine stellt, ist eine friedensstiftende Maßnahme“, sagt er. Das Projekt bringe Europa auf zivilem Weg zusammen. Denn viele europäischen Länder wollen nicht nur ein Stück des Kuchens abhaben, sondern Teil des Kuchens sein. Gleichberechtigte Kontrollzentren stehen in Italien und Deutschland, in Spanien kümmert man sich um die Sicherheit der Galileo-Dienste. In Deutschland werden die Satelliten gebaut, in den Niederlanden erprobt, und Frankreich trägt mit Stützpunkten rund um die Erde zur globalen Infrastruktur bei. Mit zahlreichen Nicht-EU-Ländern wurden Vereinbarungen getroffen, Bodenstationen als Referenzsysteme zu bauen.


90 Milliarden Euro in 20 Jahren


Diese sind notwendig, um die Navigationssignale weltweit zu überwachen und dem Satelliten eine Rückmeldung über ihre Position im Orbit zu geben. Russland brachte bereits mehrere Galileo-Satelliten mit Sojus-Raketen in den Orbit. Dort schwirren derzeit insgesamt vier dieser Satelliten umher. Diese arbeiten schon jetzt exakter als GPS, im nächsten Jahr könnte mit zwei weiteren Satelliten der erste Navi-Service angeboten werden. Dann wird es möglich sein, den Autofahrer darüber zu informieren, wenn er sich auf der falschen Spur einer Autobahnabfahrt befindet.

Das, was schon läuft, ist das sogenannte EGNOS, ein Erweiterungssystem zu GPS. Mithilfe dessen kann man Positionen auf drei bis einen Meter genau bestimmen und etwa Flugzeuge zu ihrer Landebahn leiten. Bis ins Jahr 2020 ist die Finanzierung beider Projekte gesichert. Sieben Milliarden Euro wurden im November 2013 vom Europäischen Parlament bewilligt.

Aus kommerzieller Sicht sollen Galileo und EGNOS der Wirtschaft in den kommenden 20 Jahren 90 Milliarden Euro einbringen. Es geht um die Synchronisierung von Stromversorgungsnetzen, die Ausweitung von Netzen für elektronischen Handel und Mobiltelefonie, um Straßen-, Eisenbahn-, See- und Luftverkehrsmanagement, um Such- und Rettungsdienst.

Die Satelliten kreisen in etwa 23 300 Kilometern Höhe um die Erde. Ihnen Gesellschaft leisten dort nur noch die GPS-Satelliten sowie die „Sputniks“ der Russen, die während des Kalten Krieges ebenfalls ein unabhängiges Navigationssystem entwickelt hatten.

„Viel Trubel ist dort oben nicht, deshalb werden sie sich kaum in die Quere kommen“, sagt Dietmar Wegner. Den mag er selbst ja auch nicht, genauso wenig wie das Abenteuer im Weltraum. „Ich bin eher jemand, der auf Sicherheit setzt“, erklärt der 54-Jährige. Das sei auch der Grund, warum er mit seinen Satelliten lieber nicht den Platz tauschen würde. „Ein Blick aus der ISS muss gewaltig sein, aber der Aufwand davor und danach wäre mir nichts“, sagte er. Er bleibe lieber am Boden und blicke durch sein nicht selbst gebautes Teleskop hinauf.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen