„Im Leistungssport ist kein Platz für Demokratie"

Beim Sprint am Zinnowitzer Strand hat Arthur Abraham (r.) gegen  Weltmeister Yoan Pablo Hernandez (M.) klar die Nase vorn. Fotos: Dietmar Pühler
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Beim Sprint am Zinnowitzer Strand hat Arthur Abraham (r.) gegen Weltmeister Yoan Pablo Hernandez (M.) klar die Nase vorn. Fotos: Dietmar Pühler

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17. Juli 2012, 09:49 Uhr

Wolgast | Für den gebürtigen Pommern Ulli Wegner ist die Insel Usedom schon fast wie eine zweite Heimat geworden. Mindestens einmal im Jahr weilt er hier am Ostseestrand, um seine Boxer vom Team Sauerland auf wichtige Welt- und Europameisterschaftskämpfe vorzubereiten. Dieser Tage hat der 70-jährige Boxtrainer den Weltmeister im Cruisergewicht Yoan Pablo Hernandez (Kuba), den Europameister im Halbschwergewicht Eduard Gutknecht, den Intercontinentalmeister im Mittelgewicht Dominik Britsch sowie den Ex-Weltmeister im Mittelgewicht Arthur Abraham ins dreiwöchige Trainingslager nach Zinnowitz mitgebracht.

Im Mittelpunkt des Interesses steht natürlich Arthur Abraham, der vor drei Jahren die Gewichtsklasse gewechselt hat und sich bisher mit mäßigem Erfolg durch das Super-Mittelgewicht boxt. Doch in diesem Jahr hat er bereits zwei Siege auf seinem Konto und am 25. August fordert er in Berlin den amtierenden WBO-Weltmeister im Super-Mittelgewicht Robert Stieglitz heraus.

Nur ein Sieg zählt

Für Wegner ist Abrahams Kampf "eine ganz wichtige Entscheidung für seine weitere Laufbahn". Ulli Wegner vertraut seinem Schützling, auch wenn er ihm vor zwei Jahren nach der Niederlage gegen Carl Froch beim Super-Six-Turnier im Super-Mittelgewicht Passivität und fehlenden Willen vorgeworfen hat. "Arthur hat ein unwahrscheinliches Leistungsvermögen", sagt der erfahrene Trainer, der darauf baut, dass Abraham dieses in gut sechs Wochen auch abrufen wird. "Alles andere als ein Sieg gibt es hier nicht".

Damit spielt der im vorpommerschen Penkun aufgewachsene Starcoach da rauf an, was er kürzlich bei der Vorstellung seines Buches "Mein Leben in 13 Runden" im Seebad Heringsdorf als Maxime vorgab: "Unser Anspruch muss sein, die Weltspitze zu beherrschen". Nicht mehr und nicht weniger. "Vieles habe ich mir durch die Strenge meines Vaters angeeignet", fügte er hinzu. Vielleicht hängt ihm deshalb auch der Ruf an, ein harter Hund zu sein. Wegner selbst formuliert es anders: "Im Leistungssport ist kein Platz für Demokratie. Ich bin der Bestimmer."

Wobei ihm natürlich die vielen Erfolge als Amateur- und seit 1996 als Profitrainer Recht geben. Arthur Abraham hat er im Mittelgewicht zum Weltmeister gemacht, und das will er in anderthalb Monaten nun auch im Super-Mittelgewicht. Dafür muss sein Schützling schwitzen und malochen. Ohne Schweiß kein Preis. Am Zinnowitzer Strand rennt sich "King Arthur" zusammen mit Hernandez, Britsch und Gutknecht die Lunge aus dem Leib. Achtmal sprinten die harten Jungs durch den tiefen Sand.

"Sechs-Sekunden-Läufe im anaeroben Bereich" nennt es der Coach. Nach acht Durchgängen meldet sich Eduard Gutknecht zu Wort: "Trainer, wie lange noch?". Der gibt keine Antwort, schickt die Vier aber wieder zum etwa fünfzig Meter entfernten Volleyballnetz. Hier ist der Start für ein neuntes und zehntes Mal. Jetzt ist Arthur Abraham derjenige, der feststellt, dass der einsetzende Regen die Gesundheit der Sportler gefährden könnte.

Wegner kennt kein Pardon und lässt die Boxer ein elftes und zwölftes Mal rennen. Erst als der Regen zu stark wird und eine Unterkühlung der Muskulatur droht, beendet der Maestro das Training. Was Felix Magath im Fußball ist, ist Ulli Wegner im Boxen. Die einen sagen Quälix, die anderen sind überzeugt, dass der Trainer nur so das Maximum an Leistung aus seinen Schützlingen herauskitzeln kann.

Ehrenbürger der Stadt Anklam

Noch bis zum 20. Juli dauert das Grundlagentraining am Strand und in der Boxhalle in Zinnowitz. Drei Trainingseinheiten, bis zu viereinhalb Stunden in der Summe, sind hier täglich zu absolvieren. Dazu kommt reichlich Regeneration in der Sauna oder im Schwimmbecken des Sporthotels Baltic Zinnowitz, das seit über zwanzig Jahren vom ehemaligen Buxtehuder Handballtrainer Hans Dornbusch geleitet wird. Ulli Wegner schätzt das Hotel, "wo wir hervorragend betreut werden".

Die Freundschaft zu Dornbusch verbindet ihn mit Usedom, aber auch die Sporthalle in der Inselstadt Usedom. Die trägt seit einem Jahr seinen Namen und darauf ist der Berliner Boxtrainer mächtig stolz, ebenso wie auf die Ehrenbürgerschaft in seiner Heimatgemeinde Penkun.

Nun soll Ulli Wegner auch noch Ehrenbürger der Stadt Anklam werden, wenn es nach den beiden CDU-Leuten Matthias Lietz und Bernd Schubert geht. Der Bundestagsabgeordnete Lietz und sein Landtagskollege Schubert hatten Wegner am vergangenen Dienstag in Zinnowitz besucht und spontan die Idee zur Ehrenbürgerschaft geboren.

Lietz verfasste flugs eine Pressemitteilung, in der es heißt: "Ulli Wegner ist ein Anklamer Junge. Er hat in seiner Biografie voller Freude und mit spürbaren Emotionen von seinen Anklamer Jahren zwischen 1957 und 1960 berichtet. Neben seiner Ausbildung zum Traktoren- und Landmaschinenschlosser spielte er in der Juniorenliga bei Traktor Anklam und in der Bezirksklasse bei Aufbau Anklam. Mehr Werbung für unsere Stadt als diese Erwähnungen in seinem gerade erschienenen Buch können wir uns wohl nicht wünschen."

Wegner selbst war überrascht und erfreut zugleich. "Es ist doch klar, wenn man so eine Ehre bekommt, ist man stolz darauf." Zu Anklam habe er eine innere Verbindung sagt er, aber auch zu Kühlungsborn, wo er von 1961 bis 1963 bei der Marine stationiert war und zur Insel Rügen, wo er vor exakt 27 Jahren am 11. Juli seine Frau Margret kennenlernte. Mit Usedom schließlich schließt sich der Kreis. In der Sportschule Zinnowitz ist er seit 1982 Dauergast mit zig Trainingslagern und das Hotel Baltic ist längst sein zweites Zuhause geworden. Hier bekommen seine Boxer das Grundlagentraining, mit dem sie dann gestählt in ihre großen Boxkämpfe gehen.

Mit 70 Jahren noch nicht müde

Dort sitzt dann Ulli Wegner in der blauen Ecke und kitzelt mit Sprüchen wie "Nun hau doch mal rein, du Pfeife." oder: "Du musst ein Indianer sein, hörst du nicht?" die letzten Reserven aus seinen Boxern. Der Magier am Ringseil ist mit 70 Jahren noch nicht müde. Aufhören wird er erst dann, "wenn ich nicht mehr die Kraft habe". Erst dann wird er sich zur Ruhe setzen und mit seiner Frau Margret nach Penkun zurückkehren, wo alles begann.

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