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Volksaufstand in 67 Orten im Nordosten : Im Gedenken an die Helden des 17. Juni

vom

Der Landtag und zahlreiche Repräsentanten des öffentlichen Lebens in MV haben gestern des Volksaufstandes in der DDR vor 60 Jahren gedacht.

svz.de von
erstellt am 17.Jun.2013 | 08:11 Uhr

Schwerin/Berlin | Der Landtag und zahlreiche Repräsentanten des öffentlichen Lebens in Mecklenburg-Vorpommern haben gestern in Schwerin des Volksaufstandes in der DDR vor 60 Jahren gedacht. Im Nordosten habe es in 67 Städten und Gemeinden Demonstrationen gegeben, sagte Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD) bei der Veranstaltung im Konzertfoyer des Mecklenburgischen Staatstheaters.

Dazu gehörten Proteste von Bauern in Muchow bei Ludwigslust ebenso wie Kundgebungen und Streiks auf den Werften in Rostock, Warnemünde, Stralsund und Wismar. In Teterow wurde die Freilassung politischer Häftlinge gefordert.

Bretschneider zollte den Aufständischen von 1953 Dank und Anerkennung. Sie hätten den nachfolgenden Generationen auch die Risiken von Demonstrationen in einer Diktatur vor Augen geführt. "Ohne die überlieferten Bilder rollender Panzer hätten sich die Montagsdemonstrationen im Spätherbst 1989 vielleicht nicht in der Friedlichkeit ereignen können", meinte sie.

Die Staatsmacht schlug den Aufstand vom 17. Juni 1953 mit Hilfe der Sowjetarmee nieder. "Im kollektiven Gedächtnis scheinen die mutigen Frauen und Männer vom 17. Juni heute nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen", bedauerte die Landtagspräsidentin. Auf regionaler Ebene sei die Erinnerung fast ganz verschwunden. Gedenkveranstaltungen wie diese, die der Landtag im vergangenen Jahr beschlossen hatte, seien deshalb wichtig. Am Abend wurde in Stralsund ein Denkmal für die Aufständischen mit der Aufschrift "Wir sind das Volk 1953 1989" enthüllt.

Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marita Pagels-Heineking, bedauerte in Stralsund laut vorab verbreitetem Redemanuskript, dass DDR-Unrecht auch 23 Jahre nach dem Fall der Mauer oft noch regelrecht in die Öffentlichkeit gezerrt werden müsse. "Viele würden am liebsten einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung ziehen und die Vergangenheit unter einem Mantel des Schweigens begraben." Der Grund sei wohl, dass die meisten Teil der Diktatur waren. "Nur ganz wenige haben aktiv Widerstand geleistet", so Pagels-Heineking. "Die meisten von uns, und da schließe ich mich ein, haben die ,Diktatur des Proletariats akzeptiert, toleriert, mit ihr sympathisiert oder sie sogar aktiv unterstützt." Das sei in Ost und West gleichermaßen der Fall gewesen.

In Berlin würdigte gestern Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Mut der Aufständischen vom 17. Juni. Frauen und Männer hätten ihre Angst überwunden und seien gegen Unterdrückung und Willkür der SED-Machthaber auf die Straße gegangen, sagte Merkel bei dem zentralen Gedenken auf dem Berliner Friedhof Seestraße.

Der 17. Juni 1953 stehe in einer geschichtlichen Linie mit dem Mauerfall im Herbst 1989, betonte Merkel. Obwohl die Massenerhebung blutig niedergeschlagen wurde - die Sehnsucht nach Freiheit habe sich nicht niederschlagen lassen, sagte Merkel. Die Botschaft des Aufstandes sei heute, all jenen beizustehen, die diskriminiert und ausgegrenzt und deren Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

In 700 DDR-Orten waren damals mehr als eine Million Menschen auf die Straße gegangen. Aus sozialen Protesten, etwa gegen höhere Arbeitsnormen, entwickelte sich der Ruf nach Freiheit und Demokratie. Der Aufstand wurde mit Panzern der sowjetischen Besatzungsmacht niedergewalzt. Danach vollstreckte die DDR-Justiz massenhaft Unrechtsurteile gegen Aufständische. "Rädelsführer" wurden standrechtlich erschossen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, die Stadt bezeuge ihren tiefen Respekt vor jenen, die sich einst gegen die SED-Diktatur erhoben.

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