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Peter-Michael Diestel in Schwerin : Im Blick auf sich und die Geschichte

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Als letzter Innenminister der DDR hat er Geschichte gemacht. Peter-Michael Diestel liest am Donnerstag in Schwerin aus seiner Biografie und zieht seine ganz persönliche Bilanz.

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erstellt am 25.Jan.2011 | 09:18 Uhr

Schwerin | Er hat Geschichte gemacht und wahrscheinlich würde Peter-Michael Diestel sagen: Er hat Geschichte gemacht wie so viele Ostdeutsche es getan haben, mit hohem persönlichen Risiko, 1989/1990. In "Diestel - Aus dem Leben eines Taugenichts" zieht der letzte Innenminister der DDR gemeinsam mit Verfasser Hannes Hofmann nicht nur ein, sondern seine Bilanz. Morgen liest Diestel in Schwerin aus dem Buch. Philip Schroeder hat vorab mit ihm gesprochen.

Herr Dr. Diestel, Sie sind ein viel beschäftigter Anwalt, sind Sie nicht noch zu jung, um biografische Rückschau zu halten?

Ich bin jung, gutaussehend, und meine stärkste Eigenschaft ist Bescheidenheit. Spaß beiseite: Ich beschreibe zwei wichtige Jahre aus einer Perspektive 20 Jahre danach.

Das Buch "Leben eines Taugenichts" changiert zwischen Autobiografie und sehr nahem biografischem Porträt, wie hat sich diese Form ergeben?

Es sind die sehr persönlichen Erlebnisse eines Mannes, der im Zentrum der Wiedervereinigung agierte und seine Abenteuer und Erlebnisse aus einer sehr persönlichen Sicht wiedergibt. Dabei lege ich keinen Wert darauf, zu gefallen., sondern ich habe meine Motive und Positionen dargestellt.

Ein Titel, angelehnt an Eichendorff, ein Titelbild, erinnernd an das berühmte Bismarck-Porträt von Franz von Lenbach.

Da haben sie Recht. So hat man sich in vergangenen Jahrhunderten porträtieren lassen. Ich finde, es ist schade, dass so ein gemaltes Porträt nicht mehr modern ist. Ein Schweriner Maler - Paul Eisel, einer der wenigen in Deutschland, die diese Qualität aufweisen - hat das Bild gemalt. Mit dem Titel und dem Porträt wollte ich eine provozierenmde Spannung aufbauen. Was mir durchaus gelungen ist.

Wie ist in Hinblick auf die Autorenschaft das Verhältnis der Anteile von Diestel - und der von Hannes Hofmann? Auf dem Cover wirkt es eher, als wären Sie der Hauptautor.

Anwälte schreiben nicht gerne, sie diktieren auschließlich. Ich habe mich mit Hannes Hofmann hingesetzt und stundenlange Diktate, untersetzt mit Unterlagen aus meinem persönlichen Archiv, zu Papier gebracht. Dann haben wir uns nochmal hingesetzt und gemeinsam alles das wieder herausgenommen, worüber wir erst in Jahren und Jahrzehnten reden dürfen.

Als Autor habe ich Hannes Hofmann vorgeschoben, damit der Anwalt Diestel die Angriffe gegen den Verlag und den Autor parieren kann. Leider hat es diese Angriffe noch nicht gegeben.

Trotzdem sind es natürlich meine Erinnerungen und Erlebnisse und daher sehr subjektiv.

Sie waren 1989 und 1990 im Auge des historischen Sturms. Warum haben Sie nicht in der historisch eher rechenschaftlichen Ich-Form geschrieben?

Ich war der zweite Mann in der Hierarchie der Macht während der Phase der Wiedervereinigung, die Entwicklung und das Ergebnis der Einheit haben mein Leben bestimmt. Ich hätte es als vermessen empfunden, mich mit der Ich-Form ins Zentrum zu stellen. Ich lege Wert darauf, das die gewählte Erzählform meine persönlichen Eindrücke transportiert.

Sie sind jemand, der einen eigenen Standpunkt abseits des Mainstreams nicht scheut - wie erleben Sie bei den Lesungen die Reaktionen des Publikums darauf?

In meinem Buch ist in der Tat eine andere Sicht auf die deutsche Einheit dargestellt, als sie heute meist als gültig behauptet wird. In meinen Augen haben die friedliche Revolution und die deutsche Einheit ihre Ursachen ausschließlich im Mut und der Zivilcourage der Ostdeutschen, die allesamt Kopf und Kragen riskiert haben, um das kommunistische Joch abzuwerfen und in die deutsche Einheit gehen zu können. Da unterscheide ich mich sehr und ausdrücklich von denen, die den Ostdeutschen das Verdienst um die deutsche Einheit nehmen wollen.

DDR, war sie ein Unrechtsstaat oder nicht, diese Debatte hat auch das Jahr 20 nach der Einheit beherrscht. Was sagen Sie - auch als Jurist mit der Erfahrung von zwei Systemen - auf diese Gretchenfrage?

Die DDR war ein Staat, der zwingend in der Folge des Zweiten Weltkrieges entstanden ist. Die Ostdeustchen haben sich diesen Staat nicht ausgesucht, ihnen wurde für 45 Jahre das Joch des Kommunismus auferlegt. Als Unrechtsstaaten sollten eher Staaten gelten, in denen heute noch die Todesstrafe gilt, in denen Menschen zur Bestrafung auf den elektrischen Grill gelegt werden. Das sind leider auch Staaten, mit denen wir angeblich unverbrüchlich verbunden sind.

Sie meinen die USA?

In der Tat. Zugespitzt, aber: Ja.

Sie haben die DDR mit revolutioniert, vielleicht auch mit abgewickelt - wie fällt denn Ihre Einheitsbilanz aus?

Ich habe aus tiefster innerer Überzeugung mit Gleichgesinnten die DDR abgeschafft. Ich bin glücklich mit der deutschen Einheit. Auch wenn die Frage gestattet sein muss, ob wir Deutschen angesichts der unermesslichen Grausamkeiten in den Jahren 1933 bis 1945 diese Einheit verdient haben. Ja, es ist eine Gnade, aber ich genieße dieses Glcük nach wie vor und werde es immer im Herzen tragen. Ich weiß aber sehr wohl, dass es einige Holperigkeiten für einige Menschengruppen gegeben hat.

Was sagen Sie den Menschen, die sich heute als Verlierer der Einheit sehen?

Denen sage ich: Organisiert euch, kämpft für eure Interessen. Und schickt vor allem keine Pappnasen in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.

Die CDU macht immer noch mit "rot-roten" Schreckensszenarien Wahlkampf, Sie haben 1990 mit den Altkadern im Innenministerium pragmatisch zusammengearbeitet, wie sehen Sie die Linkspartei?

Die Stärke der Linken resultiert auch heute noch aus der politischen Hilflosigkeit der bürgerlichen Parteien, die damals die Mehrheit der ostdeutschen Eliten durch dümmliche Ausgrenzung in die PDS/Linkspartei gedrängt haben und immer noch drängen. Das war ein großer politischer Fehler nach der Wiedervereinigung. Leider hat auch meine eigene Partei dieses Problem inhaltlich noch nicht erfasst.

Bewegend für die Menschen in unserem Land ist auch eine Frage, die Sie als ehemaligen Vereinschef vielleicht auch noch umtreibt: Wie geht es weiter mit dem FC Hansa? Sind Sie noch hin und wieder im Stadion?

Der FC Hansa spielt eine hervorragende Rolle in einer Liga, die die Verantwortlichen für diesen Verein ausgesucht haben. Es ist leider nach meiner Amtszeit mit dem Verein systematisch bergab gegangen und der derzeitige Stand ist einfach nur drittklassig. Durchschnitt und Hilflosigkeit sind Zwilligsgeschwister.

Wollten Sie Bilanz ziehen - und wenn ja, wie fällt sie aus? "Aus dem Leben eines Taugenichts?" mit oder ohne Fragezeichen?

Zu dem Sinn des Fragezeichens muss sich jeder selbst eine Meinung bilden. Ich sehe das so: In der Zeit, in der ich Verantwortung hatte, war ich nur für den Frieden zuständig, und ich habe diese Aufgabe erfüllt. Ich würde alles wieder so entscheiden, wie ich es entschieden habe. Deshalb würde ich das Fragezeichen stehen lassen. In diesem Sinne bin ich unbelehrbar.


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