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Knochenbank : Im Bankschließfach bei minus 80 Grad

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Altentreptower Dietrich Bonhoeffer Klinikum lagern ganz besondere Schätze – nur für bestimmte Gelenkersatz-Operationen werden diese Knochen hervorgeholt

svz.de von
erstellt am 19.Apr.2016 | 12:00 Uhr

In dieser Bank ist alles anders. Hier gibt es weder Geldautomaten noch Kontoauszugsdrucker. Keine Überwachungskameras. Kein Sicherheitspersonal. Immerhin: Den Schlüssel zum Allerheiligsten bekommen nur Personen mit einer besonderen Berechtigung, und auch die nur gegen Unterschrift. Und wer den „Tresor“ öffnen möchte, muss sich vorher in ein Protokoll eintragen. Vor allem aber muss er sich beeilen, denn steht die Tür zu lange offen, wird ein Alarm ausgelöst. Droht nämlich die Temperatur über minus 70 Grad zu klettern, wären alle Einlagen unwiederbringlich verloren.

Die Einlagen in dieser Bank sind Knochen. Hüftgelenksköpfe, um ganz genau zu sein. Sie werden in der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Dietrich Bonhoeffer Klinikum in Altentreptow aufbewahrt – in einer lokalen Knochenbank. Als diese vor zwei Jahren vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) zertifiziert wurde, war sie die erste im Nordosten. Mittlerweile gibt es laut Lagus eine weitere an der Asklepios Klinik in Pasewalk.

Im Altentreptower Bonhoeffer Klinikum hat sich die Orthopädie des relativ kleinen Krankenhauses auf Hüft- und Kniegelenksersatz spezialisiert, mehr als 1000 Patienten werden dort pro Jahr operiert. „Bei Wechseloperationen, bei denen sich zum Beispiel das künstliche Gelenk gelockert hat und es dadurch zu größeren Defekten der Knochensubstanz kam, spielt das Material aus der Knochenbank für uns eine wichtige Rolle“, erläutert deren Leiter, der Orthopäde Dr. Klaus Stadtkus.

Zwar könnte man diese Defekte auch mit Knochenzement, Metallteilen oder Kunststoff auffüllen, die beste Verankerung der neuen Prothese gewährleistet aber das natürliche Knochenbankmaterial, erläutert der Mediziner. Denn auch wenn es von einem Fremdspender stammt, wächst es bei entsprechender Präparation – in ca. 5 Millimeter kleine Kugeln zerteilt und mit dem Blut des Empfängers vermischt – in den körpereigenen Knochen ein und bietet so dem Kunstgelenk optimalen Halt. Gewonnen wird das Knochenmaterial von Patienten, die erstmals ein künstliches Hüftgelenk bekommen. Ihr Einverständnis und umfangreiche Voruntersuchungen vorausgesetzt, wird der dann nicht mehr benötigte eigene Knochen aufbereitet und eingelagert.

Das geschieht unmittelbar im Anschluss an die Gelenkersatz-Operation noch unter den sterilen Bedingungen des OP. „Zuerst werden sämtliche Knorpelreste vom Knochen entfernt, dann kommt dieser in einen sterilen Spezial-Thermosbehälter, in dem er über 90 Minuten bis auf eine Kerntemperatur von 80 Grad erwärmt und dadurch desinfiziert wird“, erklärt Stadtkus. Aus dem Sud, der dabei entsteht, werden mikrobiologische Proben gezogen, die 14 Tage lang bebrütet werden. Erst danach, wenn die Besiedlung mit Krankheitserregern endgültig ausgeschlossen werden kann, erfolgt die Freigabe des Knochenmaterials zur Transplantation.

Bis er seinem Empfänger eingesetzt wird, wird der Knochen in einem Tiefkühlschrank bei minus 80 Grad aufbewahrt. „Theoretisch ist das bis zu fünf Jahre lang möglich, tatsächlich verbrauchen wir das Knochenmaterial aber nach spätestens einem Jahr“, erläutert der Orthopädie-Oberarzt. Denn zeitgleich werden immer nur fünf Hüftgelenksköpfe eingelagert. Trotz der großen Zahl von Gelenkersatz-Operationen in Altentreptow sind nämlich nur bei einem Bruchteil, jährlich ungefähr bei 30 Eingriffen, Defekte so ausgeprägt, dass auf das Material aus der Knochenbank zurückgegriffen werden muss. Auch hier handelt es sich überwiegend um Patienten mit Hüftgelenks-Problemen. Der menschliche Knochen wird – deutlich seltener – aber auch zum Auffüllen von Defekten im Knie- oder Schulterbereich genutzt sowie bei Knochensubstanzverlusten infolge von Tumorerkrankungen.

Hintergrund: Banken ohne Geldeinlagen

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es neben den beiden lokalen Knochenbanken zudem sieben Gewebebanken. In Sachen Nabelschnurblut und -gewebe gibt es eine Adresse: die Seracell Stammzelltechnologie GmbH in Rostock.


Die drei Hornhautbanken befinden sich in Schwerin (Standort Helios Kliniken) und an den Unis in Rostock und Greifswald.


Das Kinderwunschzentrum in Rostock ist die einzige Adresse für die Aufbewahrung von Ei- und Samenzellen – die Zulassung bezieht sich lediglich auf die autologe Verwendung bei Paaren. Das heißt, sie kommen nur bei den Personen zum Einsatz, aus deren Körper sie stammen.

Die Patienten sind dem Verfahren gegenüber sehr aufgeschlossen, haben Stadtkus und seine Kollegen in der Orthopädie beobachtet. Sowohl bei Spendern als auch bei Empfängern könne er sich an keinen Fall erinnern, in dem ein Patient abgelehnt hätte. „Warum auch, es geht um Knochen, den derjenige nicht mehr braucht.“ Und bei den Empfängern seien der Leidensdruck und der Verlust von Lebensqualität so groß, dass sie dankbar jede Möglichkeit annehmen, ihre Beschwerden zu lindern, hat der Orthopäde beobachtet.

Allerdings können medizinische Gründe gegen eine Spende sprechen. Eine ganze Reihe von Vorerkrankungen – Hepatitis, HIV, Syphilis, aber auch Hüftgelenks-Nekrosen oder schwere Osteoporose – werden labordiagnostisch ausgeschlossen, außerdem müssen Patienten umfangreiche Fragebögen ausfüllen. „Das alles ist, wie auch die mikrobiologische Testung des Knochenmaterials, Teil der sehr strengen Auflagen, die mit dem Führen einer Knochenbank verbunden sind“, erklärt Stadtkus. Zu diesen Auflagen gehört auch die Zertifizierung durch das Lagus. Sie erlaubt dem Bonhoeffer Klinikum nur das Führen einer „Lokalen Knochenbank“, das heißt, es darf nur Material für den Einsatz im eigenen Haus aufbereitet und eingelagert werden. „Überzählige“ Hüftgelenksköpfe, so Stadtkus, würden allerdings nicht einfach entsorgt, sondern an die Gewebebank der Berliner Charité übergegeben, die weitergehende Befugnisse hat und das Material später weitervermarktet. Beide Häuser würden seit Jahren in dieser Hinsicht kooperieren.

Am Bonhoeffer Klinikum, so Stadtkus, werden bereits seit mehr als 20 Jahren menschliche Knochen aufbereitet und zum Schließen großer Defekte eingesetzt. „Muss heute bei einem Patienten, der damals operiert wurde, der Gelenkersatz erneuert werden, ist das eingesetzte Knochenmaterial immer noch stabil“, betont der Oberarzt.

 

 

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