Missbrauchsprozess in Schwerin : Im Angesicht der Opfer

Der 41-Jährige Angeklagte Peter B. im Landgericht Schwerin
Der 41-Jährige Angeklagte Peter B. im Landgericht Schwerin

Peter B., wegen vielfachen Kindesmissbrauchs angeklagt, mit betroffenen Kindern konfrontiert

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25. Januar 2016, 20:55 Uhr

Nur selten kommt es in einem Gerichtssaal zu einer so spannungsgeladenen, stillen Konfrontation wie heute am Landgericht Schwerin. Der Angeklagte Peter B. zog den Kragen seines Pullovers noch höher ins Gesicht und die Kapuze seines Parkas noch tiefer in die Stirn als am ersten Prozesstag vor drei Wochen. Direkt vor ihm saßen drei seiner 15 jungen Opfer und elf der betroffenen Eltern. Als Nebenkläger müssen sie nicht hinten auf den Zuschauerbänken die Verhandlung verfolgen. Heute saßen sie noch vor dem Staatsanwalt und konfrontierten Peter B. im Gerichtssaal mit ihrer Anwesenheit, mit ihren Blicken und mit ihren Tränen.

Peter B., Gründer und faktischer Leiter des Schweriner Jugendtreffs „Power for Kids“, ist wegen vielfachen sexuellen Kindesmissbrauchs angeklagt. Seit 2007 hat er sich an mindestens 15 Jungen im Alter zwischen sieben und 13 Jahren vergangen. Darunter ist ein Siebenjähriger, den er mehrfach vergewaltigt hat. Der 41-jährige hat die Taten pauschal gestanden. Den Blicken seiner Opfer aber stellte er sich gestern nicht. Selbst als er die Kapuze herunternehmen musste, versuchte er, sein Gesicht so weit wie möglich zu verbergen.

Die drei Jungen sahen einen Haufen Elend vor sich. Als Peter B. in Handschellen und Fußfesseln in den Saal geführt wurde, war den Kindern möglicherweise klar, dass sie von B. nichts mehr zu befürchten haben. Vielleicht war es ihnen eine kleine Genugtuung. Nichts ist übrig von dem selbstbewussten Jugendclubchef, der sich das Vertrauen der Kinder erschlich und es missbrauchte. Selbst Lokalpolitiker und Manager wickelte der redegewandte Peter B. früher um den Finger. Die einen steigerten so den Ruf des Jugendtreffs und die Spendenbereitschaft. Die anderen verkauften B.’s Verein, dem viele Mittellose angehören, sogar einen Wohnblock. Aus den Mietüberschüssen finanzierte B. auch die Vereinsarbeit. Oft fuhr er mit den Kindern ins Spaßbad oder einen Abenteuerpark in der Heide. Als Lohn für die (für die Kinder) kostenlosen Ausflüge, wollte Peter B. von einigen Jungs allerdings, dass sie sich ihm nackt zeigten oder sich in den Schritt fassen lassen. Einem versprach er, mit einem ferngesteuerten Auto spielen zu dürfen, wenn er ihn anfassen dürfe. Den anderen Betreuern oder gar den Eltern erzählten sie in der Regel nichts, weil ihnen sonst „Ärger mit Peter“ drohte. Nur einer der Jungen vertraute sich vor fünf Jahren seiner Mutter an. Die aber glaubte ihm nicht, wie er der Polizei sagte. Die Zeugenaussage wurde gestern verlesen. Darum sei er froh, „dass jetzt alles herausgekommen ist“.

Peter B. droht ein zweiter Prozess. Einige seiner Opfer haben weitere schwere sexuelle Gewalttaten B.’s angezeigt. Da im nächsten Verfahren mögliche Zeugen unvoreingenommen sein müssen, verließen gestern auch die drei Jungen und einige der Eltern vorzeitig den Gerichtssaal. Zurück blieben unter anderem zwei Mütter, die kaum ihre Tränen zurückhalten konnten. Und ein Vater, dem eine stille Wut ins Gesicht geschrieben stand. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Mit einem Urteil ist Mitte Februar zu rechnen.

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