Premiere Fritz Reuter-Bühne : Ik freu mi up de Wesseljohr

Saskia Kästner, Katharina Waldmann genannt Seidel, Kerstin Westphal (v.l.) hinten: Michael Ellis Ingram und Tina Landgraf
Saskia Kästner, Katharina Waldmann genannt Seidel, Kerstin Westphal (v.l.) hinten: Michael Ellis Ingram und Tina Landgraf

Premiere der Fritz Reuter-Bühne im Großen Haus des Staatstheaters

svz.de von
15. April 2017, 16:00 Uhr

Die erste Frage, ob Wechseljahre ein abendfüllendes Thema sind, ist seit Mittwochabend beantwortet. Sie sind es. Eindeutig! „Willkamen in de Wesseljohrn!“

So nämlich heißt diese – sagen wir einmal – satirische Revue für vier Frauen und fünf Handys, die bei der Fritz-Reuter-Bühne an besagtem Abend im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin Premiere hatte. Tina Landgraf hat dafür Tilmann von Blombergs „Heiße Zeiten“ ins Plattdeutsche übertragen.

Die zweite Frage, wie das Stammpublikum der Reuter-Bühne diese durchaus neuartige musikalisch mit rund 20 Ohrwürmern aus sieben Jahrzehnten Rock- und Popgeschichte gespickte Bühnenshow aufnehmen würde, ist ebenfalls positiv beantwortet. Es ging von Anfang an temperamentvoll mit; kein Song ohne Szenenapplaus.

„Schuld“ daran sind natürlich die vier Darstellerinnen, die sich Regisseur Christoph Reiche für die „Wesseljohr“ ausgesucht hat: Kerstin Westphal, Saskia Kästner, Tina Landgraf und Katharina Waldmann genannt Seidel. Dieses spiel- und sangesfreudige Damenquartett brannte in rasantem Tempo über zwei Stunden ein wahres Pointenfeuerwerk ab.

Die vier Frauen in den „besten Jahren“, die da im von Bühnenbildner Harry Behlau überwiegend in frauenbewegtem Lila angestrichenen Flughafen-Wartebereich zusammentreffen, lassen nichts zum Thema aus.

Es geht um Sex und Kinder, Hitzewallungen, Alter, Jugendwahn und Körperkult, Gulasch, One-Night Stands, Schönheitscremes, Haushalt und Werbung – mal witzig und derb, mal auch ein wenig sentimental. Wie’s ausgeht, wird natürlich nicht verraten...

Und dazu immer – je nach Stimmung und Thema – die passenden ewiggrünen Oldie-Melodien, solo und im Ensemble, allerdings mit neuen niederdeutschen Texten. Da wird dann schon mal für Anja (Tina Landgraf) aus Tammy Wynettes „Stand by your man“ ganz fix ein „Stah Dienen Mann“. Für Anja, Gabriele und Viola werden aus „What a Feeling“ im Handumdrehen Depressionen, ereilt das „Fever“ von Old Elvis die Doris (Katharina Waldmann genannt Seidel) als Hitzewallung vorm Konsum-Kühlregal. Roy Orbisons „Pretty Woman“ mutiert zum Song über den Karriere-Stress von Gabriele (Saskia Kästner). Viola (Kerstin Westphal) sinniert zur Melodie von Tina Turners „We don’t need another hero“ über den Verlust von Elan und Idealen der Jugendzeit.

Da wird nicht nur mit vollem Einsatz gespielt und gesungen, sondern auch unentwegt getanzt. Für alle vier ein Zwei-Stunden-Marathon für Stimmen und Physis. Es ist nicht nur unmöglich, sondern wäre auch äußerst ungerecht, hier eine der Actricen besonders hervorzuheben.

Deshalb nur noch ein Wort zur weitgehend an den Rand gedrängten Männlichkeit. Das Publikum erlebt mit Michael Ellis Ingram aus Missouri/USA nicht nur den Musikalischen Leiter und Begleiter der „Wesseljohr“-Revue, sondern auch den meines Wissens ersten plattdeutsch (und auch chinesisch) sprechenden US-Amerikaner auf dieser Bühne. Roman Wergow als gesamtes Bodenpersonal des Parchimer Airports erntete gleich zu Beginn beim Aufhängen der „Geiht hüt nich“-Schilder den ersten Lacher.

So gab es von Beginn bis Schluss viel Heiterkeit im Saal und Beifall von einem sich offenbar gut unterhalten fühlenden Publikum. Was will man mehr? Höchstens eine Zugabe. Und die gab’s natürlich auch.

Helmut Schultz




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