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Regine-Hildebrandt-Preis verliehen : Ihr Ein und Alles: das Nichts

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In den Köpfen gibt es die Mauer noch, sagt man. Auf dem Rothener Hof nicht. Irgendwo im mecklenburgischen Nichts kämpfen Kreative aus ganz Deutschland zusammen gegen die Folgen des Strukturwandels.

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erstellt am 25.Nov.2011 | 09:47 Uhr

Borkow | Eigentlich ist Takwe Kaenders Erzieherin. Eigentlich. Sie steht in ihrer Werkstatt, hält sich eine Maske vor das Gesicht und setzt das Schweißgerät an. Ein grelles Licht beleuchtet die Backsteinwände der Schmiede auf dem Rothener Hof. Hier hat Kaenders vor elf Jahren eine Heimat für ihre künstlerische Arbeit gefunden. Vor der schweren Holztür stehen große Eisenskulpturen, die Arbeiten der Künstlerin. "Damals konnte ich mir eigentlich kaum vorstellen aus der Riesenstadt Berlin auf’s mecklenburgische Land zu ziehen", erinnert sich die 48-Jährige. Da war die Angst vor dem Nichts. Dem Nichts, das inzwischen ihr Ein und Alles ist.

Im Dach gibt es noch ein paar Löcher

Hinter der Tür der Werkstatt liegt der ehemalige Kuhstall. Der Verein hat ihn umgebaut. In der ersten Etage gibt es einen riesigen Veranstaltungsraum. Dielenboden, eine kleine Bühne, Scheinwerfer an der Decke. Das Dach haben die Mitglieder geflickt. "Als wir hierher kamen, hatte es Löcher ohne Ende", sagt Kaenders. Im hinteren Bereich ist das Dach noch immer mit Löchern übersät.

Unter dem Saal lagert Achim Behrens sein Holz, neben dem Lager hat der Tischler seine Werkstatt. Der Tischler ist Tischler. Kein eigentlich. Seine Werkstatt hat er seit 2005 auf dem Rothener Hof. "Vorher habe ich bei mir zu Hause gearbeitet, aber irgendwie musste ich da mal raus", sagt der 60-Jährige. Bereut hat er das nie. Meistens arbeitet er an Möbeln für seine Kunden. Er arbeitet ausschließlich auf Bestellung. Und das kann dauern. "An einer Küche arbeite ich auch schon mal ein halbes Jahr", sagt der Holzliebhaber. Günstig ist so eine Küche am Ende nicht. Aber einzigartig. Und genau darauf kommt es auf dem Rothener Hof an. In der Werkstatt duftet es nach Holz, Sägespäne liegen auf dem Boden, in den Regalen stapeln sich Bretter. Behrens schiebt seine Baskenmütze ein Stück zurück. "Bei uns ist alles im Fluss", sagt er, "manche kommen, manche gehen - dadurch gibt es hier immer wieder neue Ideen."

Am Abend mit es ein kleines Menü

Im kleinen Restaurant auf dem Hof steht Richard Scherer an der Kaffeemaschine und schäumt Milch auf. Es gurgelt und zischt. Eigentlich ist Scherer Soziologe. Eigentlich. In dem kleinen Restaurant steht er am Herd und kocht. Immer abends gibt es ein kleines Menü. Heute auf der Speisekarte: Bœuf Stroganoff, ein Ragout aus Filetspitzen vom Rind und Zwiebeln. Eigentlich wollte Scherer sein Restaurant für diese Saison schon schließen. "Aber es kommen immer wieder Anmeldungen und deshalb mache ich noch ein paar Wochen weiter", sagt der Mann mit den etwas wilden grauen Haaren. Für heute Abend haben sich vier Gäste angemeldet. "Aber am Ende werden es sowieso immer ein paar mehr", sagt der 57-Jährige, lacht und dreht sich eine Zigarette. Plötzlich steht Christian Lehsten in der Tür des Restaurants. "Hallo", sagt er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme und rückt seine Brille zurecht. Eigentlich ist Lehsten Fotograf. Eigentlich. Vor ein paar Jahren hat er das Gutshaus in Rothen gekauft. Mit seiner Familie wohnt er gegenüber des Restaurants, bietet Gästen Zimmer an. Seeblick inklusive. "Schöner geht’s nicht", sagt der 64-Jährige.

Inzwischen hat der Verein 50 Mitglieder

Vor genau zehn Jahren gingen die Kreativen aus ganz Deutschland an den Start. Sie machten sich auf, das Gelände rund um das alte Gutshaus zu retten. Anfangs beäugten die Dorfbewohner sie kritisch. "Wahrscheinlich haben sie gedacht: ,Jetzt kommen die Körnerfresser, die Grünen, die Ökos, die Linken’", sagt Richard Scherer. Doch längst sind er und die anderen im Dorf angekommen. Hier gibt es die Mauer in den Köpfen nicht mehr. Der Unterschied zwischen Ossi und Wessi - hier ist er überwunden. Kleine Tricks haben dabei geholfen. "Ich habe mich nicht als Diplom-Metallbildhauerin vorgestellt, sondern gesagt, dass ich hier eine Schmiede eröffne", sagt Takwe Kaenders. Das kam an. Seitdem hat sie schon an vielen Traktoren herumgeschweißt.

Morgen wird der Verein Rothener Hof in Berlin mit dem Regine-Hildebrandt-Preis ausgezeichnet. Der Preis geht außerdem an die Initiative "Quillo - Neue Musikvermittlung auf dem Land" aus der Uckermark.

Den mittlerweile 50 Vereinsmitgliedern in Rothen ist ein kleines Wunder gelungen. Sie haben einem vom Aussterben bedrohten Dorf mit schmalen Mitteln und viel Einsatz Leben eingehaucht. Kulturelles Leben, künstlerisches Leben, Menschlichkeit und Wärme. Sie haben viel gemacht aus dem wenigen. Regine Hildebrandt hätte das bestimmt gefallen.

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