Honecker-Pastor : „Ich würde es heute wieder tun“

Pastor i. R. Uwe Holmer war am Freitag zu Gast in St. Marien.
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Pastor i. R. Uwe Holmer war am Freitag zu Gast in St. Marien.

Der Mann, bei dem Honecker wohnte: Pastor Uwe Holmer las in der Parchimer St. Marienkirche

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19. November 2014, 11:55 Uhr

„Erstens: Die Kirche ist darum gebeten worden. Zweitens: Wir haben keinem anderen Menschen dadurch einen Platz weggenommen. Drittens: Wir haben nicht aus Sympathie gehandelt.“ Was sich vordergründig wie eine Rechtfertigung anhörte, war von Uwe Holmer so nicht gemeint. Als der heutige Pastor im Ruhestand und damalige Leiter der Hoffnungstaler Anstalten am 30. Januar 1990 die Eheleute Honecker in das Pfarrhaus in Lobetal bei Bernau aufnahm, sei er von Verzeihen und Vergeben als Grundpfeiler des christlichen Glaubens geleitet worden. „Ich würde es heute wieder tun.“

Über die zehn Wochen des Asyls schrieb Holmer das Buch „Der Mann, bei dem Honecker wohnte“. Daraus sollte er jetzt in der Winterkirche von St. Marien lesen. Der Andrang war derart groß, dass die Zuhörer kurzerhand in das kühle Kirchenschiff umzogen.

Es habe große Überwindung gekostet, den meistgehassten Mann der ehemaligen DDR privat zu beherbergen und damit gegen die Wut der Bevölkerung abzuschirmen, räumte Uwe Holmer ein. „Diese Entscheidung war anfangs für viele Menschen unverständlich.“ Die Folge seien Schmähbriefe und sogar Bombendrohungen gewesen. Doch durch viele Gespräche, in denen er seine Position verdeutlichen konnte, habe er bei den aufgebrachten Menschen zur Deeskalation beigetragen und langsam Respekt erworben. „Es wollte nie jemand in Lobetal gewaltsam eindringen“, so der Autor. Er habe Erich Honecker nicht als grausamen oder brutalen Diktator, sondern als fanatischen und ideologisch verbohrten Parteifunktionär erlebt. Die gemeinsamen Mahlzeiten in Lobetal habe er stets mit einem Gebet eröffnet. „Honi lernt beten“ hatte nach dieser Information dann auch prompt ein Boulevardblatt getitelt.

Nachdem die Volkskammer beschloss, die von der DDR-Bevölkerung als Funktionärs-Privileg kritisierte Waldsiedlung in Wandlitz künftig als Sanatorium zu nutzen, wurde den Eheleuten Honecker am 22. Dezember 1989 mitgeteilt, dass „ein kurzfristiger Auszug“ erforderlich sei. Am 3. Januar 1990 mussten sie ihre Wohnung in Wandlitz räumen. „Das muss wohl mächtig demütigend gewesen sein.“


Neue Wege nicht mit altem Hass gehen


Das Ehepaar Honecker wohnte – abgesehen von einer Unterbringung in einem Ferienhaus in Lindow – die im März 1990 schon nach einem Tag wegen heftiger Proteste abgebrochen werden musste – bis zum 3. April 1990 bei Holmer. Dann siedelte das Ehepaar in das sowjetische Militärhospital bei Beelitz über. „Die Beherbergung der Eheleute Honecker ist nicht der Höhepunkt meines Lebens.“ Vergebung sei eine lebensnotwendige Tugend, betonte Holmer. Diese Haltung sei ihm nicht leicht gefallen, weil er ständig mit dem SED-Regime kollidierte. Als Pastor geißelte er von der Kanzel herab die deutsche Teilung; in einem Interview mit der Aktuellen Kamera weigerte er sich, den Arbeiterstaat zu loben. Acht Inoffizielle Mitarbeiter hatte die Staatssicherheit in Lobetal auf ihn angesetzt. „In der DDR Pastor zu sein ,war wie ein Partisan umgeben von Feinden.“ Seinen Kindern sei der Besuch der Oberschule verweigert worden. „Doch Bitterkeit frisst das Herz auf.“ Deshalb habe er auch einem ehemaligen Bautzen-Häftling geraten, seinen persönlichen Weg des Verzeihens zu finden. „Wir können doch nicht im Vaterunser beten ,Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘, und dann nicht danach leben.“ Um wahre Freiheit zu erlangen, gelte es, nach seinem Gewissen zu handeln. „Neue Wege kann man nicht mit altem Hass gehen.“



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