"Ich will nicht aus dem Lot geraten"

Kaum Zeit, dem Schreibtisch zu entfliehen: Mathias Brodkorb <foto>Dieter Hansmann</foto>
Kaum Zeit, dem Schreibtisch zu entfliehen: Mathias Brodkorb Dieter Hansmann

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30. Juli 2012, 08:00 Uhr

Schwerin | In den Sommerinterviews befragt unsere Redaktion Spitzenpolitiker in Mecklenburg-Vorpommern. Mit Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) sprach Marlis Tautz.

Herr Brodkorb, arbeitet der Bildungsminister in den Ferien anders als in der Schulzeit?

Brodkorb: Ich bin mehr im Haus als üblich. Das eröffnet die Möglichkeit, Dinge, die liegen geblieben sind, aufzuarbeiten. Auf mich warten jetzt noch etwa 50 Briefe aus Schulen, die ich lesen will.

Wo haben Sie Ihren Urlaub verbracht?

Seit neun Jahren mache ich Sommerurlaub im schönsten Bundesland, immer am selben Ort, am liebsten im selben Hotelzimmer im Klützer Winkel - für mich eine der schönsten Gegenden des Landes.

Wie oft waren Sie im Urlaub dienstlich beschäftigt?

Es ist schwer, in 14 Tagen Abstand zu gewinnen. Ich habe täglich ein bisschen gearbeitet, allerdings nur zwei bis drei Stunden.

Nimmt Ihre Frau das klaglos hin?

Natürlich nicht. Aber sie weiß, wie das bei mir ist: Wenn ich mich in eine Idee verbissen habe, gibt es nur zwei Möglichkeiten - entweder ich kriege das aus meinem Kopf, indem ich ein Schriftstück erzeuge, oder ich nehme mir diese Zeit nicht und denke den ganzen Tag darüber nach. Da ist es doch besser, den Kopf für den Urlaub freizuarbeiten.

Was haben Sie sich für Ihr zweites Schuljahr als Minister vorgenommen? Zunächst privat?

Nicht aus dem Lot zu geraten. Wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, privater Welt, Familie, Freunden? Ich will aufpassen, dass sich diese Grenze nicht Schritt für Schritt verschiebt. Aber das ist ein Kampf, den man jeden Tag hat.

Und dienstlich?

Das nächste Jahr wird das konzeptionell entscheidende für die gesamte Legislaturperiode. Die Arbeitsgruppen zu Attraktivität des Lehrerberufs und Inklusion - Schwerpunkte der Schulpolitik - legen ihre Ergebnisse noch in diesem Jahr vor. Das geschieht auch nicht zufällig, sondern mit Blick auf den Doppelhaushalt 2014/15. Im kommenden Jahr werden sich also durchaus einige grundlegende Entscheidungen ergeben. Entscheidungen, die hoffentlich bis mindestens 2020 Bestand haben.

Welche Aufgaben als Minister haben Ihnen besondere Freude bereitet?

Die Lehrersprechstunden und die Kollegiumsbesuche. Es war zwar total anstrengend, immerhin haben wir allein in der ersten Runde etwa 350 Einzelgespräche absolviert. Doch auf keinem anderen Wege hätte ich in so kurzer Zeit so viel lernen können.

Welche Aufgaben hätten Sie lieber nicht erledigt?

Dazu schweige ich diplomatisch. Es ist meine Aufgabe, alle Herausforderungen mit der gleichen Inbrunst anzunehmen.

Haben Sie etwas, das Ihnen über besonders anstrengende Tage hilft?

Meine Familie. Wenn ich nach Hause komme und mein Töchterchen läuft kreischend und freudestrahlend auf mich zu, dann sind die Akten schnell vergessen.

Haben Sie schon mal drüber nachgedacht, wo Sie Ihre Tochter einschulen?

Mit Amtsübernahme waren mir zwei Dinge klar: Erstens werde ich für alles der Prügelknabe sein und zweitens ist meine Überlebenswahrscheinlichkeit in diesem Amte, wenn man historische Erfahrungen zugrunde legt, gering. Und da die Legislaturperiode nicht reicht, um mein Kind grundschulfähig zu machen, stelle ich diese Überlegung zurück bis nach der nächsten Landtagswahl.

Stört Sie diese geringe Überlebenswahrscheinlichkeit?

Ich halte sie zumindest für nicht gut. Die Auswirkungen dessen, was wir jetzt auf den Weg bringen, werden frühestens in fünf oder zehn Jahren messbar sein. Am

Ende wird ja abgerechnet über die Schülerleistung. Schulabbrecherquoten, Abiturientenquoten. Leistungsniveaus sind es, die interessieren. In zwei, drei Jahren kann es in diesem Bereich keine messbaren Erfolge geben. Egal, wer so ein Amt innehat: Gerade im Bildungsbereich permanent zu wechseln, ist mit Sicherheit ungünstig.

Ließe sich also schlussfolgern, dass der künftige Bildungsminister auch Brodkorb heißen sollte?

Schlussfolgern kann man alles Mögliche. Ich spreche aber nur eine schlichte Wahrheit aus, von der vor allem die Lehrer in unserem Lande ein Lied singen können. Das ist völlig personenunabhängig. Gerade weil ich um meine Sterblichkeit in diesem Amte weiß, habe ich mich ja um den Schulfrieden zur Inklusion bemüht. Erstmals seit der Wende haben sich alle demokratischen Kräfte auf einen politischen Weg geeinigt unabhängig davon, wer die nächsten Landtagswahlen gewinnt und wer Bildungsminister wird.

Sozialministerin Schwesig konnte im Landeshaushalt Millionen Euro zusätzlich für Kitas locker machen. Wa rum gelingt so etwas nicht auch dem Bildungsminister?

Zunächst: Auch ich freue mich über Verbesserungen im Kita-Bereich und trage sie voll mit. Die Messlatte für gute Schulpolitik hat aber zwei Aspekte: Erstens, wie überzeugend sind die Konzepte. Zweitens, wie zufrieden sind die Lehrer. Es kann dazu gehören, zusätzliches Geld auszugeben, und das wird mit Sicherheit auch passieren im Doppelhaushalt 2014/15. Doch halte ich es für grundfalsch, gerade in der Bildungspolitik die Finanzfrage als erste zu stellen. Ich bleibe dabei: Wir können viele Dinge tun, die nichts mit Geld zu tun haben, indem wir Unsinniges unterlassen.

Zum Beispiel?

Seit Jahren legt jede Schule aufgrund eines gesetzlichen Auftrages ihre Bewertungsmaßstäbe selbst fest. Es gibt Grundschulen, die nur bei 100 Prozent eine Eins geben, und solche, bei denen 80 Prozent reichen. Diese Regelung erscheint völlig abwegig angesichts von Zentralabitur und möglichst vergleichbaren Standards bundesweit. Bei 600 Schulen haben wir den Verwaltungsaufwand 600-mal. Eine landeszentrale Regelung wäre nicht nur bildungspolitisch überzeugender, sondern auch eine massive Entlastung für die Schulen. Wir können etwas Kluges machen und sparen dabei Arbeitsaufwand. Und das ist nur ein Beispiel.

Sie haben angekündigt, Lehrer künftig wieder zu befördern. Wann ist damit zu rechnen?

Das muss Teil des Gesamtpaketes sein, das die Arbeitsgruppe zur Attraktivität des Lehrerberufs vorlegt. Zum Beispiel würde ich Folgendes sinnvoll finden: Wir haben im Land Kollegen, die zentrale Prüfungen vorbereiten. Ich möchte, dass das in Mecklenburg-Vorpommern als Auszeichnung gilt. Die besten Lehrer müssten daran mitwirken und zumindest die Kommissionsvorsitzenden das auch in der Besoldung spüren. Grundsätzlich sind Beförderungsregelungen aber mitbestimmungspflichtig. Wir werden also mit dem Lehrerhauptpersonalrat darüber sprechen.

Könnten Sie sich vorstellen, zu Konditionen Ihres Ministeriums als Lehrer für Altgriechisch an einem Gymnasium anzufangen?

Altgriechisch habe ich vor allem als Hilfswissenschaft für die Philosophie studiert. Ihr gilt meine Leidenschaft. Wenn Sie also fragen, ob ich Philosophie unterrichten würde in diesem Land? Ja.

Wie kommen Sie als Vegetarier auf offiziellen Terminen zurecht?

Ich habe mich schon vor vielen Jahren entschlossen, kein Fleisch zu essen - nicht weil es nicht schmeckt, sondern weil wir uns als moderne Gesellschaft den Fleischkonsum unter für die Tiere schwierigen Bedingungen leisten. Wenn aber der Gockel bei mir auf dem Tisch liegt, mache ich ihn ja auch nicht dadurch lebendig, dass ich ihn nicht esse. Da könnte ich höchstens noch den Gastgeber brüskieren. Das hätte keinen Sinn. Also esse ich das Fleisch. Wenn es sich ergibt, würde ich mich vielleicht erkundigen, ob ich beim nächsten Mal auch etwas ohne Fleisch bekommen könnte.

Sie wurden gebeten, für dieses Gespräch einen Ihrer liebsten Orte in Schwerin auszuwählen. Warum fiel die Wahl auf Ihr Büro?

Weil auf meinem Schreibtisch so viele Akten liegen, die ich durcharbeiten muss, dass ich einfach nicht die Zeit hatte, mich auch nur einen Schritt unnötig wegzubewegen.

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