zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 06:47 Uhr

KZ Wöbbelin : „Ich war neun Jahre alt“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Peter Havaš – der jüngste Häftling im Konzentrationslager. Heute vor 69 Jahren wurde er befreit.

Leichten Schrittes, eine schicke Sonnenbrille auf der Nase, öffnet Peter Havaš die Tür. Er lacht. Kurzes silbergraues Haar, elegantes Jackett, ein dunkelgraues Hemd, ein gutaussehender Mann, der schon auf den ersten Blick sympathisch wirkt. Er ist Professor für Architektur und, kaum vorstellbar, ehemaliger KZ-Häftling.

Prof. Havaš setzt sich an den grauen Tisch, die Bibliothek der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin im Rücken, und berichtet über sein Leben. „Ich bin das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg in Ludwigslust“, beginnt er. Mit Ludwigslust ist Wöbbelin gemeint. „Nach dem Krieg habe ich meine Mutter wiedergefunden, in Bergen-Belsen“. Nach einer kurzen Pause: „Ich wollte unter die ganze Geschichte des Zweiten Weltkriegs einen dicken Strich ziehen. Das habe ich geschafft!“ Erst, am 60. Jahrestag der Befreiung, besuchte er die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück und erzählte Jugendlichen „von dieser Sache“.

Es fiel Peter Havaš schwer an diesen Ort zu kommen. Beim Betreten des Lagers wäre er am liebsten wieder umgekehrt. Die Bilder seiner KZ-Haft standen ihm wieder vor Augen.


Die Toten wurden weggeworfen


Am 9. September 1935 erblickte Peter Havaš in Spišská Nová Ves, in der östlichen Slowakei, in einer jüdischen Familie, das Licht der Welt. In den kleinen Städten am Fuße der Hohen Tatra sprach die Bevölkerung slowakisch, ungarisch und deutsch. Der Großvater betrieb ein Elektrogeschäft, in dem sein Vater Zoltan und seine Mutter Lilli mitarbeiteten. Havaš Vater war Kommunist. 1941 verhafteten faschistische, antisemitische Einheiten der Slowakei (Hlinka-Garde) den Vater. 1943 wurde er erneut festgenommen und kam in das KZ Lublin-Majdanek. Mit Einverständnis der slowakischen Regierung marschierte im August 1944 die deutsche Wehrmacht in das Land ein. Die noch in der Slowakei lebenden Juden fielen in deutsche Hände. Peter Havaš wurde mit seiner Mutter und deren Eltern verhaftet, nach Presov deportiert, weiter nach Auschwitz. „Wir kamen auf die bekannte Mengele-Rampe. Wir, die Leute haben nicht gewusst, wo sie sind und was das bedeutet“, erinnert sich der damals Neunjährige. „Man hat uns aus dem Waggon rausgeworfen, die Toten weggeworfen, ja wirklich.“ Nach drei Tagen bekamen sie Wasser und Steckrübensuppe. Anschließend trieb man die Häftlinge zurück in die Waggons – weiter nach Ravensbrück. Dort trafen sie am 9. November 1944 ein.


Schutzengel im KZ Ravensbrück


„Vor dem Kommandanturgebäude in Ravensbrück wurde ich von meiner Mutter getrennt. Die Frauen kamen nach rechts, die Männer nach links. Ich stand bei meiner Mutter, dort hat mich der SS-Mann weggerissen und zu den Männern geschickt.“ Havaš Stimme erstickt fast: „Ich war ganz allein.“ Neun Jahre alt, klein, ungeschützt, der Todesmaschinerie ausgeliefert. Die Färbung seiner Stimme lässt die Zuhörer grausame Einsamkeit fühlen. Während des Erzählens ist der Professor scheinbar ein anderer Mensch geworden. Das fast spitzbübische Lächeln ist ernst und traurig, überschattet.

Peter hat ein wenig Glück. Er kommt als Hilfskraft in die SS-Küche. Dort ist es warm, beim Kartoffelschälen kann er ab und zu „eine rohe Kartoffel schlucken“. Doch seine Füße erfrieren im harten Winter 1944/45. Die Lagerärzte im „Revier“ schneiden Stück um Stück seiner Schuhe und verfaultes, schwarzes Fleisch von seinen Füßen. Die beiden tschechischen Ärzte, an deren Namen sich der 78-Jährige heute noch erinnert, werden seine Schutzengel. Mit einem Trick behalten sie Peter auch nach seiner Genesung im Krankenrevier. Im April wird das KZ Ravensbrück angesichts der nahenden Front geräumt. Am 23. April 1945 kommt der Junge mit anderen Häftlingen aus dem Ravensbrücker Lazarett ins KZ Wöbbelin. Der Transport trifft nach dreitägiger Fahrt im Lager ein.

Es ist der 26. April, die Baracken überfüllt. „Auf dem Appellplatz lag ein Berg Toter. Es gab eine Latrine, einen zwei Meter tiefen Graben mit einem Holz-Balken darüber. Viele Häftlinge waren so schwach, dass sie in diesen Graben gefallen und erstickt waren. Ich musste durch einen Berg Tote trampeln, um die Latrine zu erreichen.“ Havaš wird von der Erinnerung übermannt, weggetragen, kehrt mit allen Sinnen zurück ins Lager: „Dieses Gefühl spüre ich noch heute in meinen Beinen!“ In seiner Stimme schwingen Albträume und Verzweiflung. „Manche Erinnerungen sind total verschwunden, weg, andere sind so klar, als wäre es gestern gewesen“, sagt er. Die Befreiung durch die amerikanische Armee am 2. Mai 1945 ist für ihn bis heute sein „zweiter Geburtstag“.

„Am 2. Mai kam auf einmal ein Offizier mit Revolver durch das Haupttor. Er schrie auf deutsch: ,Ihr seid frei'. Alle Häftlinge rannten durch das Tor hinaus. Nach ein paar Minuten kamen sie wieder zurück. Was sollen wir machen?“ Peter wusste nicht, wohin er gehen sollte, wusste nicht, ob Mutter, Vater, Großeltern noch am Leben waren. Da war sie wieder, diese schreckliche Einsamkeit. Es ist ein großer dunkelhäutiger Offizier, in der Erinnerung von Peter Havaš zwei Meter groß, der das Kind in seine Obhut nimmt. Er wird ihm später, zum Abschied seine amerikanische Mütze schenken. „Ich durfte drei Tage nichts anderes essen, als salzige Armeeschokolade, weil andere Häftlinge durch zu viel Essen, nach dem Hungern, gestorben sind.“ Nach drei Tagen schließt sich Peter Havaš drei jungen Polen an, die sich auf den Weg nach Westen machten, in die englische Zone.

In Celle findet er eine Spur, die ihn zu seiner Mutter führt. Eine Ärztin erinnere sich, an eine Frau Havaškowa aus dem KZ Bergen-Belsen, die in einem Lazarett in Bergen liegt. Sie ist sterbenskrank, hat Flecktypus und Gelbsucht, wiegt 36 kg. Mit seinem polnischen Freund Gustav, Peter Havaš bedauert, dass er den Nachnamen nicht kennt, fährt er ins Lazarett. „Wir kamen an und gingen durch ein Spalier. Ich sehe es bis heute, die Überlebenden haben mich betrachtet, wie, wie ein Wunder.“ Das Wort stolpert langsam aus Havaš Mund. Er spricht mit einer seltsamen Betonung, als könne er es immer noch nicht glauben. Er ist gedanklich zurück in dem Zimmer mit sechs schrecklich ausgemergelten Frauen, von denen keine seine Mutter zu sein scheint. Doch ehe sich die Einsamkeit in seinem Herzen Platz nimmt, schreit eine der Frauen: „Peter“ und fällt in Ohnmacht. „Das war meine Mutter. Ich bin bei ihr geblieben“, der Sohn macht eine Pause.

Es folgen schnelle Sätze. Mutter und Großmutter hatten sich in Bergen-Belsen wiedergefunden. Die Großmutter war drei Tage nach der Befreiung in den Armen ihrer Tochter gestorben. Mutter und Sohn kehren gemeinsam in die Tschechoslowakei zurück. Der Vater lebt nicht mehr. Peter Havaš holt die Schule nach, studiert Architektur, promoviert, heiratet 1962, wird Vater eines Sohnes. 1987 habilitiert er zum Professor für Architektur. 2008 geht er in den Ruhestand. „Und jetzt bin ich hier! Zum ersten Mal, nach 68 Jahren”, sagt Peter Havaš , am 1. Mai 2013. Er sitzt in einer Gesprächsrunde in der Gedenkstättenbibliothek. Die Tür öffnet sich und Susanna Havaškowa kommt herein. Sie sagt etwas auf slowakisch zu ihrem Mann, beide lachen. Havaš Gesichtszüge entspannen sich, der sympathische Professor ist zurückgekehrt.

Gestern waren Peter Havaš und seine Frau wieder in der Gedenkstätte zu Gast – und erzählte Jugendlichen „von dieser Sache“. Seine Geschichte fließt in die neue Ausstellung zum KZ-Außenlager in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin ein.


HINTERGRUND

Das KZ-Außenlager in Wöbbelin
„Wir konnten das KZ Wöbbelin riechen, bevor wir es sehen konnten“, erinnerte sich der kommandierende General der 82. US-Luftlandedivision, James M. Gavin. Das jüngste Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme wurde am 12. Februar 1945 errichtet und existierte nur zehn Wochen, bis zum 2. Mai 1945. Es hatte keine Gaskammern, trotzdem starben hier mehr als 1000 Menschen aus 23 Nationen. Ab Herbst 1944 entstand zwischen Ludwigslust und Wöbbelin ein kleines Holzbarackenlager, der sogenannte „Reiherhorst“, errichtet von  Zwangsarbeitern und Kriegsgefangen. Mitte Februar kamen 500 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme, die in unmittelbarer Nähe des „Reiherhorst“ ein Kriegsgefangenlager für amerikanische Piloten aufbauen sollten. Zwischen dem 15. und 26. April 1945 trafen verschiedene Evakuierungstransporte, hauptsächlich aus den Außenlagern des KZ Neuengamme, in Wöbbelin ein. Viele Häftlinge waren bereits vorher aus anderen Lagern wie Mittelbau-Dora, Braunschweig-Schillstraße, Sachsenhausen nach Ravensbrück verschleppt worden und tagelang unterwegs. Sie wurden in die unfertigen Steinbaracken eingepfercht. Fenster, Fußböden fehlten. Es gab nur eine Wasserpumpe und unzureichende Nahrung. Etwa 5000 Häftlinge waren im Lager.

Soldaten der 82. US-Luftlandedivision befreiten am 2. Mai 1945 das Konzentrationslager. Ab dem 3. Mai wurden die Häftlinge im Krankenhaus und in verschiedenen Lazaretten in Ludwigslust sowie in Lübtheen und im Flugzeughangar in Techentin untergebracht. Die Opfer bestattete man auf Anweisung der Amerikaner an zentralen Plätzen in Ludwigslust, Hagenow und Schwerin. Nach dem Krieg dienten die Gebäude als Notunterkunft für Flüchtlinge und Umsiedler.

1965 eröffnete die erste Ausstellung über das KZ Wöbbelin im Museumsgebäude.

2005 entstand ein Gedenkplatz am ehemaligen Lagergelände. Dunkle Klinkersteine tragen 783 Namen und 43 Nummern von Opfern. Am 2. Mai 2014 werden 22 weitere Namenssteine hinzu kommen. Zur Erinnerung an die Befreiung des KZ Wöbbelin findet jährlich am 1./2. Mai eine Begegnung der Generationen statt.



 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen