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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : „Ich war erschöpft und kraftlos“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eberhard Schudlich aus Neustadt-Glewe erinnert sich an grausame Bilder auf dem Weg nach Berlin: Unzählige tote Soldaten lagen auf den Straßen

Eberhard Schudlich stammt aus Lichtenow im Kreis Friedeberg, südöstlich von Stettin gelegen. Er war fünf Jahre alt, als die Familie ihr Zuhause verlassen musste. Während der Flucht erkrankte er an Typhus und überlebte dank der Fürsorge seiner Familie.

Lichtenow, ein kleines Neumärkisches Dorf im Kreis Friedeberg war uns ein gutes Zuhause. Mitten durch das Dorf führte eine breite, gut asphaltierte Straße, die Nr. 1 – heute die E 22. Bis zur Kreisstadt Friedeberg waren es fünf Kilometer. Wir wohnten an dieser schönen Straße, das heißt, der Gemüsegarten reichte bis dorthin. Alles war in Ordnung. Alle hatten Arbeit und Auskommen. Mein Opa, der im 1. Weltkrieg ein Bein verloren hatte, besaß als Sattlermeister eine eigene Werkstatt im Haus. Mein Vater, den ich nie kennen gelernt habe, weil er gleich zu Beginn des Krieges Soldat wurde, fiel 1944.

Etwas getrübte Stimmung kam auf, als ständig Truppentransporte auf unserer dann für uns gesperrten Straße kamen und nach Osten fuhren. Wenig später über-querten uns unzählige Fliegerverbände. Ich war fünf Jahre alt geworden und sollte zu Ostern 1945 in die Schule. Da nahm das Unheil des 2. Weltkrieges seinen Lauf. Immer wieder forderten Beauftragte und Armeeoffiziere uns auf, das Haus zu verlassen. Sie drohten uns damit, es anzuzünden.

Im Januar begann die Flucht. Es ging nur langsam vorwärts. Da wir nicht weit entfernt kampierten, gingen meine Mutter und die Tante noch einmal zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Es war aber zu spät. Unser Wohnhaus stand wie angekündigt in Flammen. Schleppend ging die Reise auf Nebenstraßen weiter Richtung Oder. Die deutsche Wehrmacht im Rückzug hatte alle Hauptstraßen versperrt, so mussten wir warten, wenn wir solche überqueren wollten. Am dritten Tag war es dann soweit, die ersten Russenfahrzeuge holten uns ein, kontrollierten den Treck auf versteckte Soldaten und Lebensmittel. Die Lebensmittelkiste auf unserem Wagen wechselte ohne ein Wort auf einen T34 der Russen. Nur ein großer Steintopf mit Schweineschmalz blieb unser.

Die unterwegs immer länger werdende Wagenkolonne wurde neu geordnet. Opa und mein Onkel Siegfried mussten auf einen anderen Wagen als Gespannführer. Wir – Oma Rosalie, Mutter Erika, Tante Lene mit Artur und Richard – blieben zurück. Es ging in zwei verschiedene Richtungen weiter und wir sollten uns vor der Oder wieder treffen. Eine Illusion. Obwohl wir annähernd die gleiche Richtung hatten, haben wir uns nie wieder gesehen. In Zanzhausen mussten wir zusehen, wie eine Gruppe deutscher Soldaten gefangen genommen und vor unseren Augen erschossen wurde.

Wir näherten uns der Oder. Auf einer Brücke wurden wir von der deutschen Wehrmacht gestoppt. Wir sollten alle über das Eis mitsamt den Wagenkolonnen. Da wir auf der rampenähnlichen Auffahrt nicht wenden konnten, durften wir noch rüber fahren. Die nach uns kamen, versuchten, über das Eis zu gelangen. Durch die Last gab das Eis nach und ganze Gespanne verschwanden in der kalten Flut.

Wenig später ging es zu Fuß weiter. Die ausgemergelten Menschen hatten nur noch wenig Kraft und es reichte nur für kurze Strecken. Die Sterblichkeit unter den Leuten war sehr hoch. Krankheiten wie Durchfall und Typhus breiteten sich aus. Omas Energie und die der Mutter waren scheinbar unerschöpflich.

Je näher wir uns dem Berliner Raum näherten, um so grausamer wurden die Bilder, die sich uns boten. Im Schneematsch und Zickzack durch Munitionsberge, Waffen und immer wieder unzählige tote Soldaten. Wir waren aber bereits so weit abgestumpft, dass wir nur noch Kraft für uns hatten. Nicht einmal der Inhalt eines Tresors, der aufgebrochen am Wegesrand lag, konnte uns interessieren. Ich war erschöpft und kraftlos. Wohl oder übel mussten meine Oma und meine Mutter mich tragen.

In nördlicher Richtung umgingen wir Berlin. Der Gefechtsdonner, der noch in Berlin tobte, war nicht zu überhören. Als Treckführer waren ziemlich alte Leute eingesetzt, die nicht nur schwach waren, sondern auch noch Schwierigkeiten mit dem Lesen der Ortsnamen hatten. Einmal sind wir mehrere Tage im Kreis gelaufen. In diesem ganzen unbeschreiblichen Chaos gab es einen Lichtblick durch das Internationale Rote Kreuz. In jedem Ort, den wir passierten, gab es eine medizinische Impfung. Nur für mich kam diese Maßnahme etwas spät. Mein Zustand verschlechterte sich ständig, ich konnte nicht mehr aufstehen und kaum noch meine Leute erkennen.

Schließlich durften wir in Liepen bei Neubrandenburg bleiben. Nachts machten sich meine Mutter und Tante auf, um Nahrung zu beschaffen. Im Nachbarort Sponholtz fanden beide eine ausgebrannte Zuckerfabrik, in der es noch Sirup zu holen gab. Am Waldrand fanden sie eine Wrucken- und Möhrenmiete, die den Winter unbeschadet überstanden hatte. Zu Hause angekommen wurden Möhren gerieben und mir zu essen gegeben. Alle waren stolz, dass ich etwas aufnahm. Von Mahlzeit zu Mahlzeit ging es besser. Die Wunden vom Typhus heilten ab und ich kam wieder zu Kräften. Es vergingen aber noch einige Wochen, bis ich alleine laufen konnte.

Während dieser ganzen Zeit versuchte Oma immer wieder, Kontakt zu ihrem Mann und dem 14-jährigen Sohn aufzunehmen. Wir blieben ein Jahr in Liepen. Dann fuhren wir im zeitigen Frühjahr 1946 zu Tante Frieda, die uns bat, zu ihr nach Siggelkow im Kreis Parchim zu kommen.

Im September bin ich dann endlich zur Schule gekommen. Dass in diesem Nachkriegschaos überhaupt etwas funktionierte, beeindruckt mich eigentlich bis heute, zum Beispiel, dass die Post überhaupt zum richtigen Adressaten fand. Auch an Wegkreuzungen hatten viele eine Nachricht hinterlassen. Schwerstarbeit leistete das Rote Kreuz mit dem eingerichteten Angehörigen-Suchdienst.

In der neuen Heimat bekamen wir ein Radio vom Typ Volksempfänger geliehen. So erfuhren wir von den Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft, von Onkel Richard und Horst 1948. Die Angaben zur Ankunft waren so genau, dass wir sie pünktlich am Bahnhof empfingen. Erst 1950 erhielten wir über den Suchdienst die traurige Nachricht, dass Opa und sein Sohn im Flüchtlingslager gestorben waren und in Bad Freienwalde beerdigt wurden. Wir erfuhren die Grabnummer und konnten als letzte Ehre wenigstens die Grabpflege in Auftrag geben. Nach mehreren gewollten und ungewollten Umzügen innerhalb des Ortes wurden wir 1953 endlich sesshaft. Es dauerte einige Jahre, bis uns die einheimische Bevölkerung vollständig anerkannte. Kleine wirtschaftliche Erfolge in der Familie halfen uns darüber weg.


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