Ute Laux rettet Flüchtlinge : „Ich wäre so gern ein Teil von euch“

Die „Sea-Watch“ im Hafen von La Coruna, Spanien.
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Die „Sea-Watch“ im Hafen von La Coruna, Spanien.

Wie die Künstlerin Ute Laux gemeinsam mit Gleichgesinnten einen alten Krabbenkutter nach Lampedusa überführte, um von dort aus Flüchtlinge zu retten

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17. August 2015, 12:00 Uhr

„Es war die Reise meines Lebens“, sagt Ute Laux. Wie alle Reisen begann auch diese daheim. Am 16. April schrieb die Künstlerin eine SMS: „Konnte die ganze Zeit nur an das Schiff denken. Könnte ich mit euch fahren? Ich kann schwimmen, kochen, bauen, putzen, zeichnen oder mich sonst nützlich machen... Wenn man mir nicht das Leben gerettet hätte, als ich 22 war, würde es mich und meine 3 Kinder nicht geben. Ich wäre so gern ein Teil von euch.“

Ute Laux wurde ein Teil dieses Projektes, das sich „Sea-Watch“ – Seewache – nennt. So heißt auch der 100 Jahre alte Krabbenkutter, den die Künstlerin gemeinsam mit sechs Mitstreitern von Hamburg aus auf die italienische Insel Lampedusa überführte. Die Strecke: Hamburg-Helgoland-Brest-Lissabon-Lampedusa. Von dieser Insel aus, die zum Symbol für das Versagen Europas in der Flüchtlingspolitik wurde, fährt die „Sea-Watch“ seit Wochen mit wechselnden Besatzungen Freiwilliger zwischen Malta, Libyen und Italien Patrouille, um Flüchtlingsboote aufzuspüren, den Menschen in höchster Not mit Rettungsinseln, Medikamenten und Wasser zu helfen und dann die Behörden zu informieren.

2800 Seemeilen legte die „Sea-Watch“ in sieben Wochen auf dem Weg nach Italien zurück. Wobei Ute Laux erst in Boulogne-sur-Mer an Bord des 20 Meter langen Kutters kam. Als Köchin und Künstlerin. „Noch nie habe ich so viel über die Technik und Schönheit eines Bootes erfahren. Am Ende der Reise konnte jeder von uns das Schiff steuern. Es war so viel positive Energie an Bord, so viel Kreativität. Alle vier Stunden hatten immer zwei von uns Wache auf der Brücke. Ich habe versucht mit viel gesunder Kost für gute Laune zu sorgen.“ Auch bei Reparaturen halft die Künstlerin und hielt nebenbei mit dem Zeichenstift den Alltag auf der „Sea-Watch“ fest. Und der war ganz und gar nicht der einer lustigen Seefahrt.

„In der Biskaya rollte das Schiff um die 50 Grad, unsere Jacken am Haken standen waagerecht im Raum. Eine Welle hat das Schiff von hinten vollkommen überrollt. Ich musste die Töpfe auf dem Herd festschrauben.“ Auch die anfängliche Seekrankheit bekam die 1964 in Leipzig Geborene schnell in den Griff.

Musste sie auch. Denn abgesehen von den Frühjahrsstürmen, die die Besatzung immer wieder zwangen, für fünf, sechs Tage in Häfen festzumachen, gab es an dem Schiff, das zuvor in Holland jahrelang als Hausboot gedient hatte, noch viel zu tun. Von früh bis spät. „Die ,Sea-Watch‘“ war während der Überfahrt eine Art schwimmende Baustelle. Kranmöglichkeiten zum Aussetzen des 500 kg schweren Beibootes und der 350 kg schweren Rettungsinseln mussten geschaffen, Elektrik und Lüftung Bug bis Heck ausgebessert, die Hydraulik überarbeitet, das Deck gestrichen werden…

Um am Ende der Reise bereit zu sein für das, was sich einige Brandenburger Freunde am Küchentisch ausgedacht hatten. Allen voran der im Dörfchen Tempelfelde lebende Harald Höppner.

Nach dem Besuch einer Ausstellung im November 2014 über DDR-Flüchtlinge, stellte er sich eine einfache Frage. „Und wer hilft den Flüchtlingen heute?“ Aus dem Mittelmeer kamen immer neue Schreckensmeldungen über hunderte ertrunkene Flüchtlinge und in Seenot geratene Menschen aus Syrien, Eritrea oder Somalia. Die italienische Regierung hatte im Herbst 2014 aufgrund gestrichener EU-Mittel ihr Rettungsprogramm „Mare Nostrum“ eingestellt. Obwohl es in nur einem Jahr 100 000 Flüchtlinge gerettet hatte. Die Mission „Triton“ der EU kontrollierte vor allem küstennahe Gebiete. Auf den internationalen Gewässern waren die Menschen auf sich gestellt, starben, verschwanden.

Aus jener Zeit ist von Harald Höppner jener Satz überliefert, der auch für Ute Laux zum Antrieb für diese abenteuerliche Reise wurde: „Wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es mein Leben lang bereuen.“ Als Landratte Höppner, der mit exotischen Geschenken handelt, zum ersten Mal von seiner Idee sprach, einfach ein Boot zu kaufen und loszufahren, dorthin, wo Menschen in Not waren, wurde er von vielen für verrückt erklärt. Noch mehr aber waren begeistert, spendeten Geld, wollten mitfahren. So kauften  Höppner und seine Freunde für 60 000 Euro in Holland den Kutter, bauten ihn im Hamburger Hafen mit Freiwilligen um und legten schließlich am 18. Apri ab. An Bord gemeinsam mit der Schweriner Künstlerin ein Kapitän aus Bosnien, ein 28-jähriger Schiffbaustudent als 2.Kapitän, ein Arzt, der zugleich Techniker und Informatiker war und auch Segler, eine junge flexende und schweißende Soziologiestudentin aus der Schweiz, ein Industriekletter und Techniker mit Green Peace-Erfahrungen, ein Segler und Sozialwissenschaftler, ab Lissabon auch ein Schriftsteller. Der Initiator Harald Höppner steuerte das Schiff von Land aus. Er fuhr den ersten Einsatz im Mittelmeer.

Auf Lampedusa fand die dreifache Mutter Ute Laux in dort gestrandeten Flüchtlingsbooten zurückgelassene Kinderbekleidung, Nuckelflaschen, kleine Rucksäcke. „Eines dieser Boote am Strand war in einem Blau gestrichen, das ich gut kannte. Genau dieses Blau habe ich für meinen Gemäldesyklus ,Tanz des Lebens‘ verwendet. Mit abgeblätterter Farbe aus dem herrenlosen Boot und Fundstücken will die Schweriner Künstlerin, die derzeit mit der Ausstellung „IM LICHT“ in Kloster auf Hiddensee zu finden ist, demnächst arbeiten. Im Moment entsteht ein Zyklus von Radierungen unter dem Titel „Aufbruch Leben“, der auf ihren Erlebnissen an Bord der „Sea-Watch“ beruht. Ihrer Schweriner Kinderkunstgruppe hat sie von ihrer Reise erzählt. Unter einem dieser Holzschnitte, das die „Sea-Watch“ und ein Flüchtlingsboot zeigt, stehen Gedanken der sechsjährigen Merle Dann: „Der Mensch auf dem Boot muss dieselben Haare haben wie der Mensch im Wasser. Ich kann auf dem Boot oder im Wasser sein und wenn ich im Wasser bin, möchte ich auch gerettet werden.“

Die „Sea-Watch“ hat seit ihrer Ankunft in Lampedusa 600 Menschen aus Seenot gerettet. Die jüngste Fahrt musste nach vier Tagen wegen eines Defektes abgebrochen werden. Die Retter wollten zu einem kenternden Boot eilen, konnte n aber nicht helfen. 200 bis 300 Menschen wurden von einem Marineschiff aufgenommen, ebensoviele ertranken. 
 

Spenden:

Bislang sind die Startkosten für das Projekt komplett aus privaten Mitteln finanziert. Um aber einen langen Atem zu haben, um Schiff und die entsprechende Ausrüstung in Ordnung und stets im Einsatz zu halten, um Rettungsinseln nachkaufen zu können, die Crew zu versorgen, die Miete für eine Unterkunft in Lampedusa  und andere verschiedene Unkosten begleichen zu können, ist das Projekt dringend auf Spenden angewiesen.Alle Informationen über die Rettungseinsätze der „Sea Watch“ und auf welchem Wege man direkt vor Ort und an Bord helfen  und wie man spenden kann im Internet unter: www.sea-watch.org
 

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