Interview mit Joachim Löw : „Ich setze oft alles auf eine Karte"

<strong>Bundestrainer Joachim Löw</strong> hat bei der EM Großes vor. Foto: Foto: Andreas Gebert/dpa
Bundestrainer Joachim Löw hat bei der EM Großes vor. Foto: Foto: Andreas Gebert/dpa

Während landauf, landab aller Augen bereits voller Spannung auf die am Freitag beginnende Fußball-EM gerichtet sind, fand der Bundestrainer noch Zeit für Fragen, auch wenn sie nicht immer mit der EM zu tun haben.

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12. Juni 2012, 09:33 Uhr

Schwerin | Während landauf, landab aller Augen bereits voller Spannung auf die am Freitag beginnende Fußball-EM gerichtet sind, fand Bundestrainer Joachim Löw noch Zeit für die Fragen von Nele Marie Bock, auch wenn sie nicht immer direkt mit der EM zu tun haben.

Die EM steht vor der Tür - Herr Löw, worauf freuen Sie sich am meisten?

Löw: Ich freue mich darauf, dass es endlich losgeht. Das ist vergleichbar mit einer Prüfung: Man bereitet sich vor, man arbeitet hart - und dann kommt der Moment, an dem man zeigen will, was man gelernt hat bzw. wie man sich vorbereitet hat.

Zehn Minuten vor Anpfiff des ersten EM-Spiels gegen Portugal am 9. Juni in Lwiw. Was tun Sie da?

Ich gehe davon aus, dass ich einen Espresso trinke und mich in aller Ruhe auf das Spiel konzentriere. Hektik darf nur entstehen, wenn sich ein Spieler beim Warmlaufen verletzt.

Ihr Rezept für eine gute Kabinenansprache vorm Spiel?

Das hängt immer von der sportlichen Lage, dem Gegner und der eigenen Mannschaft ab. Aber das wird oft überbewertet. Bei der WM 2006 haben wir die allerletzte Kabinensprache kurz vor Anpfiff von Ersatzspielern machen lassen.

Neben Angela Merkel werden Sie in den vier Wochen während der EM die wichtigste Person Deutschlands sein. Verstehen Sie sich dann als Außenminister? Fühlen Sie sich persönlich politisch verpflichtet?

Ich fühle mich nicht als so wichtig und keinesfalls als Außenminister, da fühle ich mich völlig überbewertet. Aber wir wissen, wie viele Leute mit uns fiebern und wir wissen auch, dass wir bei jedem Auftritt unser Land repräsentieren. Wir fühlen uns nicht politisch verpflichtet - aber wir fühlen uns mit unserem Auftreten unserem Land, unserem Verband und den Fans gegenüber verpflichtet.

Wären Sie heute noch Trainer des DFB, wenn Sie 2008 Europameister und 2010 Weltmeister geworden wären?

Das ist eine hypothetische Frage. Aber ich denke eher ja. Denn diese Mannschaft ist noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung - völlig unabhängig von der Platzierung bei einer Meisterschaft.

Sie werden an Sieg und Niederlage gemessen - können Sie gut verlieren?

Ich glaube, dass es auf diesem Niveau des Sports keinen gibt, der gut verlieren kann. Man muss wissen, dass man als Trainer nicht alles beeinflussen kann. Aber eine optimale Vorbereitung unter den vorgegebenen Bedingungen - das ist wichtig, um eine Niederlage zu verarbeiten.

Sind Sie risikofreudig?

Ich denke schon. Auch als Trainer spiele ich gerne mit Risiko und setze oft alles auf eine Karte. Ich bin nicht so der Mensch, der auf Sicherheit baut, Dinge verwaltet - nicht im Fußball und nicht privat. Ich verändere mich auch gerne. Ich bin in meinem Leben häufig umgezogen, ich war in fernen Ländern. Ich habe immer Fernweh. Abenteuerreisen, so was reizt mich. Ich war ja auch schon auf dem Kilimandscharo. Das hat mich fasziniert.

Was war als Kind Ihr Berufswunsch?

Ich war von Anfang an stark auf Fußball fokussiert. Ich habe zwar eine Berufsausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht, aber seit ich meinen ersten Profivertrag als Spieler beim SC Freiburg unterschrieben habe, weiß ich, dass ich Fußball am besten kann.

Worin besteht die größte Stärke des DFB-Teams 2012?

Es ist insbesondere die Spielfreude, der Spaß sowie die optimistische und positive Herangehensweise. Aber die größte Stärke ist meines Erachtens, dass diese Mannschaft aufgrund ihrer Altersstruktur noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung ist. Wir haben Spieler, die können noch zwei Welt- und Europameisterschaften spielen - und sind dann immer noch keine 30.

Das schönste Kompliment, das Sie je von einer Frau bekommen haben?

Vielleicht nicht das schönste, aber doch ganz lustig: Beim Urlaub in Baiersbronn sagte eine Frau zu mir: Ich kenne sie aus dem Fernsehen. Sie sind doch der Herr Magath. Da wusste ich, dass ich am richtigen Ort zum Urlauben bin.

Neben Ihrem Job sind Sie auch "Pflegecoach" einer Männerkosmetik-Marke. Der 54er-Weltmeistermacher Sepp Herberger wäre in einer solchen Rolle schwer vorstellbar…

Das hat nichts mit der Persönlichkeit Sepp Herberger zu tun, sondern liegt einfach an den gravierenden Veränderungen des Fußballs, die es insbesondere in den vergangenen Jahren gegeben hat. Das gesamte Umfeld hat sich verändert: Medienarbeit, Sponsoren, Verband, Stadien, Zuschauerstruktur. Spieler und Trainer üben nicht nur ihren Sport aus, sie repräsentieren auch ihren Verein, den Verband, Sponsoren, ihr Land.

Früher reiste man im Trainingsanzug und Turnschuhen, heute ist es wichtig, dass eine Mannschaft als Repräsentant verschiedener Institutionen geschlossen und gut angezogen auftritt.

Sie achten sehr auf Ihr Äußeres, wie eitel darf ein Fußball-Mann sein?

Fußball hat in den vergangenen Jahren eine solche Stellung eingenommen, dass gepflegtes Auftreten und ein wenig Eitelkeit einfach dazugehört. Ich persönlich nehme jeden Tag Gesichtspflege, Männerprodukte sind ja lange nicht mehr uncool.

Wenn ein Sponsor aus der Wirtschaft an Sie herantritt, wonach entscheiden Sie, ob Sie zusammenarbeiten werden?

Ich muss mich zu 100 Prozent mit der Marke identifizieren, sie im Alltag selbst benutzen und Vertrauen in die Produkte haben. Mit Nivea bin ich quasi aufgewachsen. Wir Jungs wurden immer damit eingecremt. Ein wenig erinnert mich die blaue Dose daher auch an meine Kindheit.

Wer gibt in der DFB-Elf modisch die Richtung vor?

Das läuft viel einfacher als man denkt. Das ist weder Strategie noch Marketing-Gag, wir ziehen an, was uns gefällt und worin wir uns wohlfühlen. Wir reden im Trainerteam kurz vor Abreise ins Stadion: T-Shirt, Hemd, blauer Pulli, roter Pulli, Jacket?

Schon mal verkatert zur Arbeit erschienen?

Wenn sich die Frage auf Alkohol bezieht: Nein. Allgemeine Verkaterung: Ja. Nach der Niederlage gegen Italien im WM-Halbfinale 2006 war ich zum Beispiel relativ verkatert - aber nicht wegen Alkohol.

Was tun Sie während der EM im Mannschaftsquartier, während der Rest des Teams vor der Playstation hockt?

Bitte keine Klischees. Es ist nicht so, dass die halbe Mannschaft vor der Playstation sitzt. Die Spieler beschäftigen sich mit vielen Dingen - auch mit dem nächsten Gegner. Als Trainer hat man während eines Turniers so gut wie keine Freizeit. Fast immer müssen Entscheidungen getroffen werden. Das Training muss vorbereitet werden, es gibt Videoanalysen im Trainerteam und mit einzelnen Spielern, Pressetermine, viele Gespräche.

Worin sind Sie so richtig schlecht?

Handwerklich bin ich wahrlich kein Experte. Da habe ich meine Probleme. Nagel in die Wand hauen - das geht noch. Aber komplizierter sollte es nicht werden.

Fünf Minuten nach Abpfiff des EM-Finales 2012: Was tun Sie da gerade?

Ich hoffe, dass ich da gerade genieße und mich auf die Siegerehrung vorbereite. Aber ganz ehrlich: Das hoffen derzeit mindestens acht Trainer bei dieser Europameisterschaft auch…

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