zur Navigation springen

Frührehabilitation : „Ich musste fast alles neu lernen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Plau am See werden schwerstgeschädigte Patienten wie Manuel Helch in der Rehaklinik wieder zurück ins Leben geholt

svz.de von
erstellt am 03.Apr.2016 | 09:00 Uhr

Auf den ersten Blick ist es ein alltägliches Bild: Ein Mann bewegt sich über die Flure von Krankenhaus und Rehaklinik in Plau am See. Er geht langsam, manchmal schwankt er – und doch kommt er unaufhaltsam und vor allem ohne Hilfsmittel voran. Sein Lächeln verrät, wie stolz er darauf ist.

Manuel Helch, der Mann, der sich tastend zurück ins Leben bewegt, lag monatelang im Koma. Unverschuldet war der heute 35-Jährige, der in Schwentinental bei Kiel zu Hause ist, vor zweieinhalb Jahren auf dem Weg von der Arbeit nach Hause in einen Verkehrsunfall verwickelt worden. Schädelbasisbruch, ein epidurales Hämatom – eine Blutung zwischen Knochen und harter Hirnhaut – und daraus resultierend das Koma und eine Lähmung der linken Körperhälfte waren die Folgen.

Aus den ersten Monaten nach dem Unfall weiß der gelernte Einzelhandelskaufmann nur das, was ihm seine Frau, Ärzte, Schwestern und Therapeuten erzählt haben. Sowie er transportfähig war, wurde Manuel Helch damals aus Kiel nach Plau am See verlegt – in die Klinik für Frührehabilitation Phase B des Mediclin-Krankenhauses.

Dort werden unter Intensivbedingungen neurologisch schwerstgeschädigte Patienten betreut. Das können, wie Manuel Helch, Menschen mit Hirn- oder Rückenmarksschädigungen nach Unfällen sein, Schlaganfallpatienten, aber auch Muskelkranke, die sich nicht mehr allein bewegen, zum Teil auch nicht einmal mehr allein atmen können.

„Ich musste fast alles neu lernen“, erinnert sich Manuel Hech an diese Zeit. Verständlich zu sprechen, ein Glas oder eine Tasse zum Mund zu heben und daraus zu trinken ohne zu kleckern, auf den eigenen Beinen zu stehen und ohne Hilfsmittel zu laufen – all das ist für den 35-jährigen Familienvater seit dem Unfall keine Selbstverständlichkeit mehr. Manchmal hat er auch heute noch das Gefühl, einen Tennisball im Mund zu haben. Und mit links die Tasse zum Mund zu führen, gelingt erst im dritten oder vierten Anlauf – oder wenn die rechte Hand mit zugreift.

„Entscheidend ist, dass es ein Besserungspotenzial gibt“, erläutert Prof. Dr. Erich Donauer, Ärztlicher Direktor des Plauer Krankenhauses und Chefarzt der Klinik für Frührehabilitation, das wichtigste Aufnahmekriterium für die Frührehabilitation. Ziel sei es, den Patienten wieder all jene Kompetenzen zu vermitteln, die sie brauchen, um ihren Alltag allein zu bewältigen. Dabei, so Prof. Donauer, gehe es darum, Restpotenziale aufzuspüren oder neue zu erschließen. „Das Gehirn kann sich nicht regenerieren, aber es kann Reserven mobilisieren, also umlernen“, erläutert der Neurochirurg. Denn normalerweise schöpfe das menschliche Gehirn gerade einmal zehn bis 15 Prozent seines Potenzials aus.

Wichtig ist, dass die Umlernprozesse so schnell wie möglich angeschoben werden, erläutert Stationsarzt Patrick Jonas. Ebenso schnell muss die körperliche Mobilisierung beginnen, damit es nicht zu gefürchteten Folgeerkrankungen wie Lungenentzündungen oder Druckgeschwüren kommt. Den Therapeuten stünde dazu in der Klinik für Frührehabilitation eine Vielzahl von Geräten und Hilfsmitteln zur Verfügung, mit denen sie zum Beispiel selbst dann die Muskeln eines Patienten kräftigen könnten, wenn dieser ihre Bewegungen willkürlich überhaupt (noch) nicht beeinflussen kann, so Jonas.

Bereits seit 1997 gibt es in Plau am See eine Akutkrankenhausstation für Frührehabilitation. „Angefangen haben wir mit zwölf Plätzen, schon bald wurden aufgrund der großen Nachfrage 20 daraus“, erinnert sich Prof. Donauer. Seit gut einem Jahr gibt es nun sogar eine zweite Frühreha-Station im Krankenhaus, sodass insgesamt 48 Betten mit schwerstgeschädigten neurochirurgischen Patienten belegt werden können. Vier weitere Betten auf der Intensivstation stehen ebenfalls für die Frührehabilitation zur Verfügung. „Es ist unser großer Vorteil, dass wir sowohl die diagnostischen als auch die operativen Möglichkeiten aller Stationen hier im Krankenhaus für unsere Frühreha-Patienten mit nutzen können“, betont Prof. Donauer.

Patienten, die aus der Frühreha entlassen werden, sollen weitgehend unabhängig von fremder Hilfe und von Hilfsmitteln zurechtkommen, erklärt Stationsarzt Patrick Jonas. Manuel Helch brauchte zwar noch einen Rollstuhl – „aber im vertrauten Terrain komme ich inzwischen ohne zurecht, zu Hause und hier in der Klinik sogar schon ohne Gehilfen“, freut er sich. Knapp zwei Jahre ist es inzwischen her, dass er in der Frühreha zurück ins Leben geholt wurde. Seitdem übt er an jedem Wochentag mit verschiedenen Therapeuten in Kiel. Zurzeit ist er zur Auffrischung wieder in Plau – allerdings nicht im Akutkrankenhaus, sondern in der benachbarten „normalen“ Reha-Klinik. Hier arbeitet er vor allem am selbstständigen Gehen. „Mein Ziel ist, dass ich spätestens in zwei, drei Jahren wieder arbeiten gehen kann“, sagt der vom Schicksal so gebeutelte Mann tapfer. „Und am liebsten wieder voll.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen