"Ich liebe es, meinen Körper zu formen"

<strong>64 Kilo reine Muskelmasse</strong>: Susanne Bock  hat 1989 die DDR verlassen und  ihre Liebe zum Bodybuilding entdeckt. <foto>Dana Bethkenhagen</foto>
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64 Kilo reine Muskelmasse: Susanne Bock hat 1989 die DDR verlassen und ihre Liebe zum Bodybuilding entdeckt. Dana Bethkenhagen

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31. Juli 2012, 12:18 Uhr

Kiel/Sternberg | "Männer haben Angst vor mir. Und Respekt", sagt Susanne Bock. Sie weiß um ihre Wirkung. Ihre Arme sind aufgepumpt, Adern ziehen sich am Unterarm entlang. An ihrem Rücken folgt ein Muskel dem anderen, ihr Bauch ist stahlhart. Es scheint kein Gramm Fett am Körper der 42-Jährigen zu sein. Wer Susanne Bock sieht, schaut zweimal hin. Die 1,72 Meter große Frau gehört zu den erfolgreichsten deutschen Bodybuilderinnen der vergangenen Jahre. Aufgewachsen ist sie in Sternberg.

Ihr Training beginnt meist um 6 Uhr in der Früh. Eineinhalb Stunden, länger braucht Susanne Bock nicht, um jede Partie ihres Körpers zu formen. Gerade ist sie wieder im Training - für den Wettbewerb "Arnold Schwarzenegger Classics", der im Oktober in Madrid stattfindet. Hier wird sie die einzige Deutsche in ihrer Klasse sein. Kurz vor dem Wettbewerb - in der heißen Phase - wird sie bis zu sechsmal in der Woche die Gewichte stemmen und ihre Muskeln in Form bringen. "Ich liebe es einfach, meinen Körper zu formen", sagt sie. Hinzu kommt auch immer eine strenge Diät, bestehend aus viel Protein und wenig Kohlenhydraten. Dass sie eine Einladung von Schwarzenegger bekommen hat, macht sie stolz. Noch immer sei er ein Idol einer ganzen Szene.

Urlaub auf Mallorca ändert alles

Eigentlich hat sich Susanne Bock nie für Bodybulding oder Kraftsport interessiert. Als jüngste Tochter einer sechsköpfigen Familie ist sie in Sternberg geboren und aufgewachsen. Nach ihrem Realschulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Kosmetikern und Friseurin. "Mit Öffnung der Grenze bin ich auf und weg." Allein, nur mit ihrem Gesellenbrief in der Tasche, machte sich die damals 19-Jährige auf den Weg zum Schweriner Hauptbahnhof. "Ein richtiges Ziel hatte ich eigentlich nicht vor Augen. Ich kaufte einfach ein Ticket nach Hamburg. Ohne Rückfahrschein." Dort angekommen landete sie wie die meisten Ostdeutschen, die keine Unterkunft hatten, bei der Bahnhofsmission des Deutschen Roten Kreuzes. Über Umwege landete sie in Kiel. "Alles was ich hatte, waren die 100 Mark Begrüßungsgeld und 15 Mark im Portemonnaie", erinnert sich Bock. Zwei Tage später hatte sie einen Job bei einer Friseur-Kette, die erste eigene Wohnung in Kiels Innenstadt folgte.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem Susanne Bock mehr wollte und so holte sie ihren Führerschein nach, machte an der Abendschule eine Weiterbildung und landete letztendlich im Vertrieb eines Optikers. In all der Zeit lernte sie auch ihren Partner kennen, mit dem sie 1993 gemeinsam nach Mallorca reiste. Ein Wendepunkt in ihrem Leben, an den sie sich noch heute erinnert. "Wir haben Bekanntschaft mit einem Pärchen geschlossen, das sehr aktiv in der damaligen Bodybuilder-Szene war", erzählt sie. Als sie die beiden bei einem Wettkampf besuchen, ist es um Susanne Bock geschehen. "Die Körper haben mich fasziniert. Ich dachte ’Wow - das sieht super aus’ und ich wollte es auch ausprobieren." Von da an stellte Susanne Bock ihr Leben radikal um, begann mit dem Training, änderte ihr Essverhalten. Fünf Jahre stemmte sie Gewichte, bis sie bei ihrem ersten Wettkampf teilnehmen konnte und sofort den ersten Platz belegte.

Ein Gesamtprojekt - so bezeichnet Susanne Bock heute ihre Entwicklung zu einer Profi-Athletin. An ihrem Vorhaben habe sie nie gezweifelt, im Gegenteil. "Die Disziplin und das Durchhaltevermögen waren immer das Wichtigste", sagt sie. Generell sei sie ein sehr organisierter Mensch, ohne diese Eigenschaft könne man so eine Verwandlung auch nicht schaffen. Diese Disziplin zeigt sich vor allem in ihrer Ernährung. Nur Sonntags genehmigt sie sich, worauf sie Lust hat. Da könnte auch schon mal ein Stück Pizza dabei sein. Die Zufuhr von Kohlenhydraten schraubt sie bis zum Wettkampf immer weiter runter. Am liebsten isst sie Gerichte aus dem Wok und Fisch. Und wenn sie kein weißes Fleisch mehr sehen kann, dann mache sie sich eben Geflügelfrikadellen. Und auf den Sonntag freue sie sich immer.

Noch vier Kilo müssen runter

Umso schöner waren die Momente, als sie erste Erfolge feststellen konnte. Als sich die ersten Muskeln abzeichneten und ihr Körper immer straffer und fester wurde. Das Training wurde eine Art Sucht - nach noch mehr Erfolg in Form von Muskeln. "Nur die Klamotten haben irgendwann nicht mehr gepasst", sagt Susanne Bock. Einiges musste sie ändern lassen, in vielen Sachen passte sie einfach gar nicht rein. Kritik von außen habe sie nicht erlebt, weder von Freunden noch von der Familie. Auch in der Öffentlichkeit habe sie nur positive Erfahrungen gemacht.

Dass Susanne Bock damals gleich von null auf hundert, von einer ganz normalen Frau zur Bodybuilderin wurde, liegt daran, dass es damals keine weiteren Unterklassen gab. Im Gegensatz zu heute. 2011 wechselte sie in die Klasse namens Pro Figure. Hier zähle vor allem das harmonische Zusammenspiel zwischen den einzelnen Proportionen, der Fokus liegt auf Bauch, Beine, Po und weniger auf dem Oberkörper. Deswegen musste Susanne Bock ihre Muskeln heruntertrainieren. Und das sei fast noch schwieriger gewesen, als sie aufzubauen. Anstatt schwere Gewichte zu heben, geht es für sie vorerst aufs Laufband. "Die Hanteln liegen zu lassen, fällt mir noch immer schwer", sagt sie. Noch habe sie zu viel drauf, wiegt 64 Kilo. Für die Schwarzenegger Classics will sie auf 60 Kilo runterkommen. Und noch etwas änderte sie: Während sie sonst nur auf der Bühne stand und ihre Muskeln präsentierte, ist sie seit 2011 auch als Kampfrichterin tätig. "So kann ich dem Sport treu bleiben, auch wenn ich nicht mehr an Wettkämpfen teilnehme", sagt sie. Den vorerst letzten hat sie im Oktober in Madrid. Wenn sie unter die Top drei kommt - und dass ist ihr festes Ziel - ist sie automatisch für die Wettbewerbe 2013 in Las Vegas gesetzt. Ansonsten wird sie nur noch vor der Bühne beim Punkte verteilen zu sehen sein. "Ich bin 42. Irgendwann ist Schluss."

Seit Kurzem trainiert Susanne Bock in ihrem eigenen Fitnessstudio am Kieler Ostufer. Ein Traum, den sie sich jetzt erfüllt hat. Dort kann sie andere an ihren Erfahrungen Teil haben lassen. Überall hängen Medaillen und Auszeichnungen, die von ihrem Erfolg erzählen. Auch Poster bekannter Bodybuilder hängen dort. Sie zeigen extrem trainierte Männer, eingeölt und gebräunt. "Die Weltspitze der Jungs verdient Millionen. Trotzdem - so einen möchte ich nicht zu Hause haben", sagt Susanne Bock.

Trotz des Kraftsports ist Susanne Bock immer eine Frau geblieben, und das zeige sie auch gern. "Ich liebe es, mit meinen Mädels auszugehen, zu tanzen oder einfach nur einen Film im Kino zu schauen. Dass sie damals ihren Heimatort Sternberg verlassen hat und nicht mehr zurück gekommen ist, bereut Susanne Bock nicht. "Ich habe so viel von der Welt gesehen. Ich habe Freunde auf dem ganzen Globus verteilt", sagt sie. Mit dem Training wird Susanne Bock wohl nie aufhören. "Wenn Geist und Muskeln eins werden - das liebe ich. Ich bin gerne schön."

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