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Holocaust-Überlebende Batsheva Dagan : „Ich lebe. Das ist mein Sieg“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Shoah für Kinder in Worte zu fassen – dieser Aufgabe widmet sich die Holocaust-Überlebende Batsheva Dagan. In Ravensbrück gibt es heute eine Gedenkveranstaltung.

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erstellt am 16.Apr.2016 | 16:00 Uhr

45554. Diese Zahl bedeutet für Batsheva Dagan Glück – wenn auch über viele Umwege. Sie ist in krakeliger Handschrift auf ihren linken Arm tätowiert. Diente einst zur Identifikation und als Ersatz für ihren eigentlichen Namen. Denn die heute 90-Jährige ist eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau – von dort stammt auch die Tätowierung ihrer Häftlingsnummer. Im Gegensatz zu manchen anderen Überlebenden, die sich die Male haben entfernen lassen, trägt Batsheva Dagan ihres mit gewissem Stolz. Es ist ein Zeichen für ihr Überleben, eine Erinnerung an ihre Vergangenheit und auch ein ständiger Antrieb für die Aufgabe, der sie sich auch nach all der Zeit noch widmet – dafür zu sorgen, dass der Holocaust nicht in Vergessenheit gerät. Darum wird sie auch bei der zentralen Gedenkveranstaltung heute und morgen im ehemaligen Lager Ravensbrück dabei sein.

Immer wieder wurde die Kinderpsychologin gefragt, was die Nummer auf ihrem Arm bedeute. Ob es eine Telefonnummer sei, die sie immer wieder vergesse. So begann sie schließlich zu erzählen – Geschichten von Menschen, die in Lager gesperrt wurden, Schlimmes erlebten aber sich doch nicht zerbrechen ließen. Geschichten, die sie am eigenen Leib erlebte.

Geboren als Isabella Rubinstein im polnischen Lódz, verbrachte die heute 90-Jährige eine relativ glückliche Kindheit unter acht Geschwistern – bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. An ihrem Geburtstag, dem 8. September 1939, erreichte die deutsche Armee ihre Heimatstadt. Die damals 14-Jährige flüchtete mit den Eltern und zwei Schwestern nach Radom, wo die Familie 1941 in das dortige Ghetto ziehen und unter unwürdigen Zuständen leben musste. Bei der Auflösung desselben 1942 wurden Dagans Eltern und die ältere Schwester nach Treblinka deportiert und vergast.

Sie selbst floh aus dem Ghetto. Ohne ihre jüngere Schwester. Die wurde bei einem späteren Fluchtversuch erschossen – Batsheva Dagan erfuhr davon erst Jahrzehnte später. Für sie ging es „mit gefälschten ,arischen’ Papieren einer polnischen Freundin nach Deutschland“, wo sie Zwangsarbeit verrichten sollte. Es funktionierte, da die 17-jährige Batsheva nicht semitisch aussah mit ihren hellen Augen, der hellen Haut und auch wegen dem perfekten Polnisch, das sie sprach.

Die Zwangsarbeit als Dienstmädchen, die sie beim Landgerichtsdirektor verrichten musste, bindet die Überlebende bis heute an Schwerin. „Das Haus am Slüterufer 12 werde ich wohl nie vergessen“, sagt sie. Kein Wunder, denn es steht noch – wenn auch durch Sanierungen verändert. Allein in der Nähe des Hauses zu sein, ruft Erinnerungen wach. Wie sie täglich Hitlers Konterfei abstauben musste, sich als fromme Katholikin ausgab um nicht erwischt zu werden und „den Kindern der Familie beim blinden Marschieren und Singen von Parolen“ zusah. Während sie über ihre Erlebnisse in Schwerin spricht, wirkt Batsheva Dagan jedoch nicht verbittert oder wütend. Auch nicht, wenn sie von all dem berichtet, was ihr danach widerfahren ist. Nur wenige Monate arbeitete sie in der Landeshauptstadt, bevor sie von jemandem aus Polen denunziert und daraufhin verhaftet wurde. Durch Haftanstalten von Schwerin über Güstrow und Neubrandenburg verlegt, deportierte man sie schließlich mit 18 Jahren in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. „Über Auschwitz wusste ich nur, dass man dort hinein, aber niemals herauskam.“

Batsheva Dagan wurde dort vom Mädchen zum Häftling, bekam ihre Nummer tätowiert. Dort begann ihr Martyrium. Vom Tragen zweier linker Holzschuhe ohne Socken bis zum Brennnesselpflücken ohne Handschuhe. Doch trotz der Entbehrungen und Demütigungen verlor sie eines nicht – ihren Lebenswillen. „Ich musste überleben, um meine Geschichte mit der Welt zu teilen“, sagt sie heute.

Als die Rote Armee schließlich herannahte – die 19-Jährige hatte bis dahin 20 Monate in Auschwitz verbracht – begann die SS das Vernichtungslager zu räumen und auch Dagan wurde auf den Todesmarsch getrieben. Mit gerade einmal 40 Kilogramm am Leib stapfte sie tagelang bei minus 20 Grad durch tiefen Schnee, bevor sie auf Vieh- und Kohlewaggons Richtung Ravensbrück verladen wurde. Das Lager erreichte sie im Januar 1945. Aufgrund von Platzmangel wurde sie im April in das Außenlager Malchow verlegt. Von dort ging es auf den „Evakuierungsmarsch“ Richtung Westen bis sie schließlich im Mai in der Nähe von Lübz von den Briten befreit wurde.

Und trotz all den Grausamkeiten und dem Leid, das sie in ihren jungen Jahren erleben musste, ist es nicht Hass, Trauer oder Resignation, die heute aus ihr spricht. Es ist Hoffnung. Vielleicht, weil Batsheva Dagan ein wenig Versöhnung erleben durfte. „Der Urenkel des Landgerichtsdirektors schreibt mir bis heute ab und zu Briefe“, sagt sie. Auch getroffen haben sich die beiden. Damals wollte der Urenkel sie treffen, um „das zu machen, was schon seine Eltern hätten tun sollen“.

Mit ihren Kinderbüchern möchte die Psychologin die Jüngsten indes lehren, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und ihre Wahl zu treffen. Um ihnen „nicht den Glauben an das Gute zu nehmen“ haben sie alle ein glückliches Ende. Wie die Geschichte um den Jungen Mikash und seine Hündin Chika , die kürzlich verfilmt wurde und am Mittwoch Premiere feierte. Und „Chika, die Hündin im Ghetto“ basiert auf einer wahren Begebenheit. „Mikash ist eine lebendige Person. Heute arbeitet er als Professor in der Kinderchirurgie und ist etwa 80 Jahre alt“, sagt Batsheva Dagan, während sich ein Lächeln auf ihren Lippen breit macht.

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