"Ich lebe bis heute ein Doppelleben"

<fettakgl>Engagiert für die Wahrheit:</fettakgl> Sally Perel kämpft dafür, der Auschwitz-Lüge keinen Raum zu geben. <foto>Sabrina Panknin</foto>
Engagiert für die Wahrheit: Sally Perel kämpft dafür, der Auschwitz-Lüge keinen Raum zu geben. Sabrina Panknin

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22. März 2013, 07:17 Uhr

Lübz | Gespannte Stimmung herrscht im Raum. Hunderte von Augenpaaren sind auf einen einzigen Mann gerichtet. Stille erfasst das Atrium des Lübzer Eldenburg-Gymnasiums. Das Klirren einer he-runterfallenden Stecknadel würde jetzt jeder hören. Nur einer nicht, wie er selbst sagt: Sally Perel, dessen Herz ihm bis zum Halse klopft. "Ich danke den fünf Jugendlichen, die mich so herzlich empfangen haben, mein Lampenfieber ist jetzt verschwunden", sind die ersten Worte, die Sally Perel an seine Zuhörer richtet. Er ist der Autor des Buches "Ich war Hitlerjunge Salomon". Davon wird er im Eldenburg-Gymnasium berichten. Denn er sieht es als seine Pflicht an, weiterhin Aufklärung zu betreiben. Der heutigen Jugend zu sagen, wie leicht es ist, von rechtsradikalem Gedankengut verführt zu werden. Im Buch schreibt er es. Und auch bei der Lesung vor rund 260 Schülern und Lehrern sagt er es. "Ich lebe bis heute ein Doppelleben. Es gibt zwei Seelen in meiner Brust, die sich tödlich gegenüber stehen - der Jude Sally und der Hitlerjunge Jupp", so Sally Perel.

Vor 88 Jahren wird Sally Perel in Peine bei Braunschweig geboren. Mit zehn Jahren wird er von seinem Lehrer nach Hause geschickt, mit den Worten: "Juden werden an dieser Schule nicht mehr unterrichtet." Dem zehnjährigen Jungen wird das Herz gebrochen. "Bis heute habe ich dieses Erlebnis nicht verwunden." Mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern flüchtet er nach Polen, nach Lodz. Doch auch dort wird er nicht lange bleiben, denn am 1. September 1939 marschieren die Nationalsozialisten in Polen ein. "Von meiner Mutter bekam ich den Auftrag: ,Sally, du sollst leben. Das hat mir das Leben gerettet."

Der Jugendliche flüchtet weiter in den Osten, bis er auch dort von Soldaten gestellt wird. In seiner Not vergräbt der heute 88-Jährige seine Ausweispapiere und steht anschließend vor einem Soldaten und sagt: "Nee, ich bin kein Jude, ich bin Volksdeutscher!" Das Wunder geschieht und die Nationalsozialisten glauben ihm. Davon und wie Sally Perel anschließend in der Hitlerjugend zum Nazi selbst wird, berichtet er ausführlich bei der Lesung, hat es in seiner Autobiografie akribisch nach genau 40 Jahren nieder geschrieben.

Eingeladen hatten Sally Perel fünf Gymnasiasten: Tessa Strunk, Vanessa Brade, Barbara von Glasenapp, Jan Zulauf und David Hämmerling. Die Eldenburg-Schüler engagieren sich in verschiedenen Workshops, um das Zertifikat "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" zu erhalten. Die Lesung mit Sally Perel ist eine wichtige Station davon. "Es ist sehr wichtig über das Dritte Reich zu berichten, damit es nicht wieder passiert", verdeutlicht die 16-jährige Barbara. Das ist auch Sally Perels Motiv, warum er noch immer auf Lesereisen geht. "Ich kämpfe für die Wahrheit, damit niemand mehr von der Auschwitz-Lüge reden kann." Nach Deutschland kommt er mittlerweile gern, ist es doch sein "Mutterland" wie er sagt. Sein Vaterland ist Israel, dort lebt er seit 65 Jahren mit seiner Frau, seinen zwei Söhnen und drei Enkelkindern. Den jüdischen Glauben lebt er nicht.

Am morgigen Sonntag reist Sally Perel wieder nach Israel, feiert das Osterfest und bereitet sich auf die nächste große Lesereise vor. Denn noch ist er nicht am Ende seiner Aufgabe. "Vielleicht bin ich der letzte Zeitzeuge, dem ihr je begegnen werdet. Deshalb gebe ich euch den Auftrag, tragt die Wahrheit in die nächsten Generationen, erzählt es den anderen. Ihr seid jetzt Zeitzeugen. Nehmt den Auftrag an - für die Wahrheit." Mit diesen Worten brandet tosender Applaus im Atrium des Eldenburg-Gymnasiums auf. Die Stille ist vo-rüber, die Spannung hat nachgelassen. Und Sally Perel signiert zahlreiche Bücher.

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