„Ich hatte trotz allem sehr viel Glück"

Paul Wohlgemuth heute: Seine Erinnerungen an die Gefangenschaft schrieb er erst vor rund zehn Jahren auf. Dennoch sind diese sehr detailreich. Fotos: Susann Matschewski
Paul Wohlgemuth heute: Seine Erinnerungen an die Gefangenschaft schrieb er erst vor rund zehn Jahren auf. Dennoch sind diese sehr detailreich. Fotos: Susann Matschewski

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06. Juli 2012, 09:10 Uhr

Wittenberge | Wenn Paul Wohlgemuth zurückblickt auf die Jahre in sowjetischer Gefangenschaft zwischen 1945 und 1949, denkt er vor allem an Zeiten der Entbehrung und an die Sehnsucht nach der Heimat: Die Jahre waren geprägt von harter Arbeit, ständigem Hunger und eisiger Kälte. Aber auch der große Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft, die unter den Gefangenen herrschten, fallen ihm ein.

Damit seine vielen Erinnerungen nicht in Vergessenheit geraten und er sie mit Freunden und Familie teilen kann, hat der heute 89-Jährige zu Papier gebracht, was er als Soldat in den letzten Kriegstagen an der Front und später in Kriegsgefangenschaft erlebt hat. Entstanden ist ein Tagebuch, das "den Wahnsinn von Kriegen deutlich" machen soll. Es sei "keine Verherrlichung des Krieges", sondern soll vielmehr "unseren nachfolgenden Generationen zur Mahnung dienen, um die Unsinnigkeit von Kriegen zu demonstrieren", wie es zu Beginn des Buches heißt.

Wie durch ein Wunder blieb Paul Wohlgemuth unversehrt

Wohlgemuth schildert, wie er im letzten Kriegsjahr als Teil der Panzer-Grenadier-Division "Großdeutschland" im Samland an der Ostsee kämpft. Dort wird die Truppe von der Roten Armee eingeschlossen und befeuert. Während viele verwundet oder tödlich getroffen werden, bleibt Wohlgemuth wie durch ein Wunder unversehrt. Zusammen mit seinem Kameraden Günter Bouillon gelingt ihm die Flucht. Doch weit kommen sie nicht: In einem nahe gelegenen Kartoffelfeld werden sie von Rotarmisten eingekreist und gefangen genommen. Es ist der 16. April 1945 - für den damals 22-jährigen Paul Wohlgemuth der Beginn einer langjährigen Kriegsgefangenschaft.

"Die erste Zeit war die schlimmste", sagt Wohlgemuth. Auf dem langen Fußmarsch Richtung Insterburg, von wo aus die Gefangenen in die Sowjetunion transportiert wurden, kamen sie an vielen zerstörten Dörfer vorbei. "Ich kann mich noch an die vielen toten und vergewaltigten Frauen erinnern, die überall auf der Straße lagen", erinnert er sich. Zudem litten die Gefangenen an Hunger und Erschöpfung. Doch "Schlappmachen bedeutete den sicheren Tod". An Flucht war ohnehin nicht zu denken. In Insterburg fanden die Untersuchungen auf Arbeitstauglichkeit statt. "Dazu kniff einem die Ärztin ins Gesäß, es ging zu wie auf dem Pferdemarkt", so der Autor. Damit Wohlgemuth mit seinen Kameraden Günter Bouillon und Erwin Gensicke zusammenbleiben konnte, tricksten sie ein wenig: "Wir gingen alle mit angespannten Gesäßmuskeln zur Untersuchung, daraufhin bekam jeder von uns die höchste Arbeitstauglichkeit zugeschrieben."

Von Insterburg aus ging es für die drei erst in Quarantäne ins estnische Kothla-Järve zur Feldarbeit, und schon nach wenigen Wochen weiter nach Tallinn. Dort erging es Wohlgemuth ein wenig besser: "Wir lebten im Hafenlager und waren hauptsächlich zuständig für den Hafenaufbau." Später arbeitete er dort in der großen Reparaturwerft "Morskoi Sawod". Ende 1946 trafen im Hafen regelmäßig Ladungen mit Zuckersäcken ein. Aus den defekten Säcken durften die Kriegsgefangenen essen. Lukrativ war zudem der Zuckerverkauf auf dem Schwarzmarkt: "Für ein Kilo Zucker wurden 150 Rubel gezahlt", erinnert sich Wohlgemuth. "Indem wir unsere Hosentaschen präparierten versuchten wir, so viel Zucker wie möglich ins Lager zu schmuggeln, was offiziell ja verboten war."

Kontakt nach Hause hatten Wohlgemuth und die anderen Gefangenen nur über die Rote-Kreuz-Karten. So erfuhr er durch seine Frau Brunhilde vom Tod ihrer gemeinsamen Tochter Karin. "Meine Frau teilte mir mit, dass sie auf der Flucht an Hunger gestorben ist und in Danzig-Oliva in einem Grundstücksgarten in einem Pappkarton begraben wurde", erinnert er sich an die schreckliche Nachricht. Eine weitere Hiobsbotschaft erreichte ihn: "Meinen Bruder haben die Sowjets mit 16 Jahren in den Ural verschleppt, wo er in einem Bergwerk arbeitete. Er kam 1947 unterernährt und mit offener Tuberkulose zurück und verstarb im Jahr darauf. Meine Frau erzählte mir, dass er sich vor seinem Tode noch gern mit mir unterhalten hätte."

Die einigermaßen erträgliche Situation in "Morskoi Sawod" hält bis Weihnachten 1948. Weil das Versprechen, zum Jahresende in die Freiheit entlassen zu werden, vom zuständigen General nicht gehalten wurde, beginnen die Gefangenen am 2. Januar 1949 einen Hungerstreik. Die Bestrafung erfolgte umgehend: "Wir wurden daraufhin in Viehwaggons in ein Lager nach Mokry in die Ukraine gebracht, arbeiteten dort im Steinbruch und waren für den Straßenbau zuständig." Durch einen Arbeitsunfall gelangt Paul Wohlgemuth dort ins Lazarett, wo er nach seiner Genesung als Feldscher (Wundarzt) und später als Frisör arbeitet.

Schließlich - Wohlgemuth hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben - wird er entlassen: Am 21. Dezember 1949 steigt er in den Zug Richtung Heimat und kommt am Silvestertag im mecklenburgischen Malliß an.

"Plötzlich flog mir meine Frau um den Hals"

"Meine Frau Brunhilde fuhr an diesem Tag von Schwerin nach Hause und saß zufällig im selben Zug wie ich. Aber das wussten wir beide zu dem Zeitpunkt nicht", erinnert sich Wohlgemuth. Sie hörte jeden Tag im Radio, wenn die Namen der Heimkehrer durchgesagt wurden. Doch ausgerechnet an diesem Tag hatte sie seinen Namen verpasst: "Auf dem Schweriner Hauptbahnhof war es so laut, dass sie die Radiostimme nicht hören konnte." In Malliß angekommen, stiegen beide aus dem Zug. "Erst als der Bahnsteig leer war, stieg ich aus. Kaum stand ich draußen, flog mir plötzlich meine Frau um den Hals", erzählt Wohlgemuth lächelnd. So waren beide nach langen Jahren der Trennung wieder vereint.

Im Nachhinein und aus Erzählungen anderer Kriegsgefangener ist sich Wohlgemuth heute bewusst: "Trotz all der schrecklichen Sachen, die ich mit ansehen musste oder selbst erlebt habe, hatte ich noch sehr viel Glück. Die Esten waren den Sowjets eher abgeneigt, daher war Tallinn damals nicht der schlechteste Ort für deutsche Kriegsgefangene. Es hätte viel Schlimmer kommen können. Ich hatte viele Schutzengel."


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