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Kino : „Ich hätte für Dietl alles gespielt"

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Eben erst ist Michael „Bully" Herbig aus Hollywood zurückgekehrt, wo er in einer Komödie neben Jim Carrey seinen Einstand gegeben hat. Hierzulande ist er in der Hauptrolle der Helmut-Dietl-Satire „Zettl" zu erleben.

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erstellt am 01.Feb.2012 | 11:27 Uhr

Eben erst ist der beliebte Komiker, Regisseur und Schauspieler Michael "Bully" Herbig ("Der Schuh des Manitu") aus Hollywood zurückgekehrt, wo er in einer Komödie neben Jim Carrey seinen Einstand gegeben hat. Hierzulande ist der 43-jährige ab morgen in der Hauptrolle der Helmut-Dietl-Satire "Zettl" zu erleben. Gestern gab es die Weltpremiere in München. André Wesche sprach mit Herbig.

Herr Herbig, gestaltet sich die politische Realität derzeit nicht noch grotesker, als die Fiktion in "Zettl" zeigt?

Herbig: Ganz ehrlich? Wenn mir jemand ein Drehbuch mit dieser Geschichte auf den Tisch gelegt hätte, die wir gerade erleben, hätte ich gefragt, was er denn mit dem langweiligen Kram will. Ich bin jemand, der sich sehr schnell langweilt. Das Ganze geht jetzt schon fünf oder sechs Wochen und füllt noch immer Fernsehsendungen, Illustrierte und Zeitungen. Ich finde das, was bei Zettl stattfindet, wesentlich spannender. Und ob es nun um Guttenberg geht oder um anderes: Ich habe die Theorie, dass es in den letzten Jahrzehnten immer schon so war. Es hat nur keiner mitbekommen.

Wie groß ist die Schnittmenge von Fiktion und Realität im Film?

Das fragt man mich häufig und ich kann es nicht sagen. Ich wollte bei einem Helmut Dietl-Film dabei sein und ich habe gespielt, was im Drehbuch steht. Dass das alles jetzt zu so einer Riesennummer wird, habe ich nicht geahnt. Natürlich ist das Timing unterm Werbeaspekt toll für den Film. Aber als ich vor zehn Jahren mein erstes Gespräch mit Helmut Dietl geführt habe, war es nicht der Plan, den Filmstart so zu setzen, dass wir gleichzeitig mit der Wulff-Affäre ins Kino kommen. Ich hätte für Dietl alles gespielt.

Was ist das Besondere an Dietl?

Ich bin mit "Kir Royal" und "Monaco Franze" aufgewachsen. "Schtonk!" ist einer meiner größten Favoriten aller Zeiten. In Deutschland gibt es nur wenige Filmemacher vom Kaliber eines Helmut Dietl. Im Grunde genommen geht es mir immer darum, mit 70 auf einer Parkbank zu sitzen und sagen zu können: "Ja, mit dem habe ich auch gedreht!"

Sie beide sind Regisseure, die mit Humor arbeiten. Wie unterscheidet sich dieser Humor?

Humor kann man schwer definieren. In Deutschland unterscheidet man gern zwischen Satire, Kabarett, Comedy oder Stand-Up. Das gibt es in Amerika gar nicht, dort gibt es Comedy. Entweder man lacht oder man lacht nicht. Ich finde es auch immer schön, wenn Journalisten sagen, sie haben sich "unter ihrem Niveau amüsiert". Ich weiß nicht, was das für eine Aussage ist. Habe ich mich amüsiert oder nicht? Wenn etwas nicht mein Niveau hat, amüsiere ich mich auch nicht. Es gibt ja auch den bekannten Humor unter der Gürtellinie. Aber die Gürtellinie ist bei Menschen unterschiedlich angesetzt. Die einen tragen sie am Hals, die anderen an den Wadeln.

Ist Zettl ein Sympathieträger?

Das wollte Dietl immer, es ist sozusagen eine Regie-Anweisung. Er wollte diese neue Generation der Moral personifizieren. Da ist jemand, der ist unmoralisch, er merkt es aber nicht. In Helmuts Augen, in diesem Film, ist das durchaus eine Anspielung auf die Art, wie Menschen heute miteinander umgehen.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ich halte mich mit Aussagen zurück. Ich freue mich, wenn ich die Menschen unterhalten kann. Wenn ich ein ausgeprägter politischer Mensch wäre, dann wäre ich wahrscheinlich in die Politik gegangen.

Sie sind Geschäftsmann, der mit Millionenbudgets umgeht. Ist es heutzutage schwer, den Anstand zu wahren?

Man muss ihn wahren. Und es geht auch. Ich weiß nicht, warum es Leute nicht tun. Im Zweifelsfall hat das auch etwas mit Erziehung zu tun. Ganz simpel. Am Ende des Tages will man sich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken. Es ist immer ein Bauchgefühl, keine Strategie.

Wenn jemand zur Tür reinkommt, bilde ich mir ein, nach fünf oder zehn Sekunden sagen zu können, ob ich ihn mag oder nicht. Ich gehe Leuten aus dem Weg, von denen ich das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt.

Ist Filmbusiness ein Haifischbecken?

Ich weiß nicht. In einem Haifischbecken geht es ums Überleben. Wann bekomme ich meinen nächsten Job, meine nächste Rolle? Es kommen ja auch immer wieder junge Talente nach. Ich selbst habe das Geschäft nicht als Haifischbecken erlebt. Aber ich habe mein eigenes Becken aufgemacht. Darin geht es gemütlich zu und es gibt nur hübsche und harmlose Tiere. Und viele Clown-Fische.

Der Film
„Zettl“ ist der Film, den Deutschland verdient

Helmut Dietls Filme "Late Show" und vor allem "Vom Suchen und Finden der Liebe" waren nicht das, was sich das Publikum vom Meister der geschliffenen Worte erhoffte. Vielleicht besann sich der Regisseur auch deswegen auf einen seiner größten Erfolge, den legendären TV-Sechsteiler "Kir Royal" rund um den Society-Reporter Baby Schimmerlos und die Münchner Schickeria. Die Satire "Zettl" ist keine echte Fortsetzung von "Kir Royal", wohl aber ein Update des Stoffes für das 21. Jahrhundert.

Die Berliner City ist der natürliche Lebensraum des Chauffeurs Max Zettl (Michael "Bully" Herbig), der die Reichen, Mächtigen und Schönen durch die Hauptstadt kutschiert und dabei immer wieder delikate Informationen aufschnappt. Zettl ist mit allen Wassern gewaschen und befriedigt gern ausgefallene Bedürfnisse seiner hochrangigen Fahrgäste. Dann soll in Berlin ein Online-Magazin aus dem Boden gestampft werden. Der in Mediendingen bis dato unbeleckte Zettl wird Chefredakteur - und erweist sich als Naturtalent. Die Machtmenschen und die Möchtegerns fühlen sich bedroht und es wird Ränke geschmiedet, bis der Arzt kommt…

Helmut Dietl hat sich fürs Drehbuch Benjamin von Stuckrad-Barre ("Soloalbum") an seine Seite geholt. Der 37-jährige Schriftsteller und Journalist kennt Berlin, die neuen Medien und ist näher dran am jüngeren Publikum. Das Wiedersehen mit einigen "Kir Royal"-Helden macht viel Spaß, die neuen Figuren (u. a. Karoline Herfurth, Dagmar Manzel) sind ein Gewinn. Michael "Bully" Herbig überzeugt als Titelheld. Lustvoll stürzt der Regisseur seine Figuren in absurde Situationen. Dass das Gesamtpaket lustig, aber reichlich belanglos daherkommt, ist keine Schwäche des Drehbuchs, es ist ein Zeichen der Zeit. "Zettl" schürft nicht in der Tiefe, die Figuren agieren karikaturenhaft, Klischees warten allerorten - Deutschland hat anno 2012 den Film bekommen, den es verdient. Man sollte ihn nicht verpassen.


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