Gedenken : „Ich habe zwei Väter“

Jens-Jürgen Ventzki spricht im Landtag über sein schwieriges Erbe.
Jens-Jürgen Ventzki spricht im Landtag über sein schwieriges Erbe.

Erst sehr spät hat Jens-Jürgen Ventzki erkannt, dass er Sohn eines überzeugten Nazis ist

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25. Januar 2018, 21:00 Uhr

Gedenken

Jens-Jürgen Ventzki hat zwei Väter. Auf der einen Seite den liebevollen, familiären Papa, auf der anderen den überzeugten, uneinsichtigen Nazi, „der voll und ganz hinter dieser Ideologie stand“, erzählt Ventzki. Er war gestern aus Anlass einer Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus nach Schwerin gekommen und hatte im Landtag eine Gedenktafel vor der Besuchertribüne enthüllt. Darauf steht: „Zum ehrenden Gedenken an die Abgeordneten des Landtages, die nach 1933 Opfer totalitärer Verfolgung wurden.“

Der Vater, das war Werner Ventzki (1906 - 2004), gelernter Verwaltungsjurist und überzeugtes NSDAP-Mitglied. Er war Gauamtsleiter, Mitglied der Waffen-SS und von 1941 bis 1945 als Oberbürgermeister der polnischen Stadt Lodz einer der wichtigsten Verantwortlichen für das Ghetto Litzmannstadt, wo Hunger und Elend herrschten. Dort wurden Juden, Sinti, Roma und Nazigegner gefangen gehalten und ins Warschauer Ghetto oder in die Konzentrationslager nach Auschwitz oder Treblinka gebracht. Höchstens 7000 der rund 200 000 Bewohner überlebten.

Jens-Jürgen Ventzki, geboren 1944 in Lodz, verbringt seine Kindheit in Bonn und Berlin, heute lebt er in Österreich. Im Alter von 46 Jahren erfährt er zufällig von der Existenz eines Ghettos in Lodz. Beim Besuch einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt (Main) entdeckt er auf einem Dokument die Handschrift und ein Bild seines damals noch lebenden Vaters. Ein Schock und Schlüsselerlebnis zugleich. „Von da an war mir klar, dass mein Vater nicht nur über die Geschehnisse Bescheid wusste, sondern auch selbst involviert war“, sagt er.

Neue Fragen über die NS-Vergangenheit seiner Familie kommen auf. Doch eine Aussprache mit dem Vater gibt es nicht. „Darüber ist zu Hause geschwiegen worden. Eine dunkle Vorahnung hatte ich schon früh, aber ich habe mich nicht getraut nachzufragen, wenn es Gesprächsansätze gab“, sagt er. So erzählte sein Vater einmal, dass er während einer Kundgebung mit Hitler von dessen Auftreten hingerissen war. „Doch meine Mutter bremste ihn, damit er nicht zu viel redete.“ Seine Eltern waren in ihren politischen Ansichten sehr autoritär.

Doch das lange Schweigen und Verdrängen zu brechen, die Opfer nicht zu vergessen, sieht der Sohn nach eigener Aussage als eine Verantwortung und Verpflichtung. In seiner Geburtsstadt Lodz recherchiert er in Archiven, spricht mit Überlebenden, sammelt Fakten. Die tiefgründige Auseinandersetzung mit der Geschichte und Rolle seines Vaters sei schmerzhaft, nehme ihn heute noch mit. Nur langsam habe er die Wahrheit akzeptiert. „Ich bekomme die zwei Bilder in meinem Kopf, in meinem Herzen nicht zusammen. Das belastet mich sehr.“

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