Jägerinnen in MV : „Ich habe wirklich den Bock geschossen“

Die 23-Jährige ist auf dem Land groß geworden. Die Jagd als Mittel zum Artenschutz, Schutz der Landwirtschaft und zur Weiterverwertung als Lebensmittel ist für sie ganz normal.
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Die 23-Jährige ist auf dem Land groß geworden. Die Jagd als Mittel zum Artenschutz, Schutz der Landwirtschaft und zur Weiterverwertung als Lebensmittel ist für sie ganz normal.

Jenny Fischer ist eine von 12.074 Jagdscheininhabern in MV. Für sie ist die Jagd mehr als nur Schießen

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27. August 2016, 07:30 Uhr

18 Uhr. Die Sonne steht noch hoch am Himmel. Jenny Fischer legt ihren Finger auf den Safe, er öffnet sich mittels Fingerabdrucksensor. Die 23-Jährige holt ihre Waffe und Munition aus dem Tresor, verschließt ihn sorgfältig und geht auf den Hof. In ihrem Pick-up liegen bereits zwei Ferngläser, Mückenspray und eine Flasche Wasser. Ihre Repetierbüchse legt die junge Frau auf den Rücksitz. Dann steigt sie ein und fährt los – zur Jagd. Jenny Fischer ist eine von 12.074 Jagdscheininhabern in Mecklenburg-Vorpommern.

18.15 Uhr. Jenny parkt ihren Wagen auf einem Feldweg in Granzin nahe Boizenburg. Noch bevor sie aussteigt reibt sie Arme, Dekolleté und Knöchel mit Mückenspray ein. „Ohne geht es nicht“, sagt die Mutter einer einjährigen Tochter schmunzelnd. Dann steigt sie leise aus, nimmt ein Fernglas und die Waffe vom Rücksitz und verriegelt das Auto vorsichtig.

18.25 Uhr. Jenny klettert auf einen Hochsitz am Rand einer Wiese. „Ansitzjagd nennt man das“, erklärt sie stolz und setzt sich auf die kleine Holzbank, die im Inneren der Kanzel angebracht ist. Nun heißt es leise sein, die Umgebung im Blick haben und warten.

Ihre Jägerprüfung hat die gelernte Zerspanungsmechanikerin beim Kreisjagdverband Ludwigslust abgelegt. „Mein Mann ist Jäger. Durch ihn ist mein Interesse an der Jagd gewachsen“, erzählt Jenny. Rund 10  000 Euro hätte die Ausbildung inklusive Prüfungsgebühren und der kompletten Ausrüstung gekostet. Acht Monate lang musste sie lernen: Tierarten, Wildbiologie, Wildhege, Wild- und Jagdschadensverhütung, Land- und Waldbau, Führung von Jagdhunden, jagdliches Brauchtum, Behandlung des erlegten Wildes, Tierschutz-, Jagd- und Forstrecht sowie Naturschutz- und Landschaftspflegerecht. „Es war wahnsinnig viel – ich bin froh, dass es geschafft ist.“

Ein Seminar zur Waffenkunde hatte Jenny in der Jagdschule auf Gut Grambow. Dort werden in diesem Jahr 420 neue Jäger ausgebildet. „Etwa 25 Prozent davon sind Frauen“, weiß Hans Martin Lösch, Inhaber des Guts. Noch vor zehn Jahren waren nur etwa zehn Prozent der Absolventen Frauen. „Davor war es eine reine Männerdomäne“, erinnert sich Lösch. Und noch nie würden sich so viele Menschen zum Jäger ausbilden lassen wie heute. 374 084 Personen mit Jagdschein sind in Deutschland unterwegs, doppelt so viele wie in den 60er Jahren. Und Jahr für Jahr kommen rund 10  000 neue hinzu.

19.05 Uhr. Ein Schwarm Kraniche landet auf der Wiese vor Jenny. Auf dem Feld hinter dem Hochsitz tauchen Rehe auf. Jenny inspiziert sie mit dem Fernglas. „Da ist ein Bock dabei“, sagt sie. Doch so lange sich das Tier auf diesem Feld bewegt, darf sie nicht schießen. „Das Land gehört nicht zu meinem Jagdgebiet, die Kanzel steht an der Grenze“, erklärt sie. Die junge Frau hat einen Begehungsschein für die 80 Hektar große Eigenjagd von Ralf Heßler. Nur hier darf sie schießen. „Sonst wäre es Wilderei und ich würde meinen Jagdschein verlieren“, sagt die 23-Jährige und kramt dabei in ihrer Jackentasche. Sie holt einen kleinen schwarzen Gegenstand hervor. Es ist ein Blatter, ein Wildlocker. Jenny streckt ihre Hand aus dem Hochsitz und drückt zu. Ein hoher Ton ist zu hören. „Das Gerät imitiert eine Ricke, die Lust auf einen schönen Bock hat“, erklärt sie. Doch nichts passiert.

19.30 Uhr. Jenny entdeckt einen Fuchs. „Noch ein Jungtier“, sagt sie. Sie atmet tief ein. Hört dem Zwitschern der Vögel zu. „Herrlich ist es hier draußen.“

19.52 Uhr. Etwa 200 Meter entfernt grast ein Reh. „Es ist eine junge Ricke – sie ist erst ab September zum Abschuss freigegeben“, erklärt die Jägerin.

20.45 Uhr. Jenny entlockt dem Blatter noch einmal einen lüsternen Ruf. Und tatsächlich, ein Bock nähert sich dem Hochsitz. Er wird schneller. Zielstrebig quert er das Feld und durchdringt das Gebüsch, welches die beiden Jagdgebiete voneinander trennt. Stille. Jenny nimmt ihre Büchse und legt sie an. Ihr Atmen wird langsamer. „Ich muss mich konzentrieren. Der Schuss muss sitzen, nicht dass der Bock verletzt wegläuft“, flüstert sie.

„Wir Jäger schießen, weil es notwendig ist. Wenn Dam- und Schwarzwild sich unkontrolliert vermehren könnten, würden sie anderen Tieren den Lebensraum nehmen – sie würden aussterben“, sagt Hans Martin Lösch. Die Landwirtschaft habe es so schon schwer, ohne Jäger würde sie gar nicht funktionieren. Die Wildschäden würden katastrophale Ausmaße annehmen. Die Zahlen, die das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz MV vorlegt, beeindrucken: Der Durchschnitt der letzten Jahre zeigt, dass sich der Damwildbestand bei 30 000 Stück allein in MV bewegt. Etwa 10 800 Stück werden jährlich geschossen. Hans Martin Lösch erklärt den hohen Bestand der Tiere so: „Gerade durch den Mais- und Rapsanbau haben die Tiere optimale Bedingungen, um sich fortzupflanzen. Auch die milden Winter spielen eine nicht unerhebliche Rolle.“

20.48 Uhr. Die Sonne versinkt langsam hinter den Bäumen. Ein lauter Knall erschallt. Der Bock macht noch einen letzten Satz. Dann sackt er in sich zusammen. „Mein zweiter Bock“, sagt Jenny stolz. Sie sichert die Waffe, packt ihre Sachen zusammen, klettert den Hochsitz herunter und folgt der Schweißspur. Beim Bock angekommen, wirft sie einen ersten prüfenden Blick auf ihn. Ein Schuss direkt ins Herz. Dann ruft sie Ralf Heßler an. Ein paar Minuten später kommt er vorgefahren. „Waidmannsheil“, ruft er Jenny zu und schließt die Tür seines Wagens. „Waidmannsdank“, erwidert sie seinen Gruß. Nun wird das erlegte Tier aufgebrochen. Das heißt: Der Bock wird aufgeschnitten und die inneren Organe werden entnommen und untersucht, das Tier wird formell erfasst und bekommt eine Marke. „Dieser hier ist etwa drei Jahre alt und kerngesund“, sind sich beide Jäger einig. Dann kommt das Tier in eine Wanne und wird ins Auto verfrachtet. Die Innereien bleiben auf der Wiese zurück. „Davon ist morgen früh nichts mehr übrig – wir haben hier ein Seeadlerpärchen“, erklärt Heßler.

22 Uhr. Jenny und Ralf Heßler spülen den Bock bei ihm zu Hause aus. Dann legen sie ihn auf einen Tisch und stecken ihm einen kleinen abgebrochenen Zweig ins Maul. Dieses Ritual nennen sie „Letzter Bissen“. „So erweisen wir dem Tier die letzte Ehre. Es symbolisiert die letzte Mahlzeit vor dem Tode“, sagt Jenny.

22.27 Uhr. Es ist stockfinster. Jenny ist wieder zu Hause. „Heute habe ich wirklich den Bock geschossen“, erzählt sie ihrem Mann Christopher, der seit fünf Jahren einen Jagdschein hat. Dann legt sie ihre Waffe zurück in den Safe und verschließt ihn sorgsam.

Jagdbrauchtum: Zweige mit Bedeutung

Jäger pflegen ihre Bräuche bei der Jagd seit jeher. Es sind Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die sich bei der Jagd bewähren, aber auch manchmal auf Außenstehende ein wenig ungewohnt wirken.

Bruchzeichen

Brüche sind grüne Zweige bestimmter Baumarten. Seit den dreißiger Jahren gelten Eiche, Erle, Tanne, Fichte und Kiefer als bruchgerechte Holzarten. Brüche dienen der stillen Nachrichtenübermittlung zwischen Jägern oder haben symbolischen beziehungsweise ästhetischen Charakter.

Inbesitznahmebruch

Dieser Bruch wird gestrecktem Schalenwild, also Wild welches auf Hufen steht, auf das linke Blatt gelegt. Bei weiblichen Stücken zeigt die gewachsene Spitze zum Haupt, bei männlichen das abgebrochene Ende.

Letzter Bissen

Der „Letzte Bissen“ wird erlegtem Schalenwild ins Maul gesteckt. Es symbolisiert seine letzte Mahlzeit vor dem Tod.

Schützenbruch

Dieser Bruch wird dem Schützen überreicht. Bei Gesellschaftsjagden macht dies meist der Jagdleiter, er benetzt den Zweig mit dem Schweiß, also dem Blut des erlegten Tieres und übergibt ihn mit „Waidmannsheil“ dem Schützen. Der Erleger nimmt den Bruch, steckt ihn üblicherweise rechts auf seinen Jagdhut. Er dankt mit „Waidmannsdank“ und Händedruck.

 
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