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25 Jahre Lichtenhagen - Teil 2 : „Ich habe stundenlang geweint“

vom
Aus der Onlineredaktion

Nguyen Dinh Khoi glaubte immer an das Gute im Menschen – auch als 1992 Steine auf seine Landsleute flogen

von
erstellt am 23.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Sie nannten ihn „Vietcong“, riefen ihm „Fidschi“ hinterher. Oft genug begegnete Nguyen Dinh Khoi Springerstiefeln und Bomberjacken. Auf dem Weg zur Arbeit, in seiner Freizeit. Oft genug wurde er beleidigt, weil er der „Andere“ war, der „Ausländer“, der versuchte, sich in Rostock ein neues Leben aufzubauen. Er wurde verprügelt, bespuckt, beleidigt. Trotzdem ist Nguyen Dinh Khoi gerne geblieben. „Ich möchte die schlechten Erfahrungen vergessen und nur die schönen in meinem Herzen bewahren. So lebe ich gut und so lebe ich gern“, sagt er.

Nguyen Dinh Khoi kam 1990 in die Hansestadt. Zuvor arbeitete er zwei Jahre in Chemnitz. „Die meisten meiner Kollegen sind nach Vietnam zurückgegangen“, erzählt er. „Ich zog nach Rostock, weil dort ein Jugendfreund wohnte.“ Das Meer und die klare Luft gefielen ihm. Sie erinnerten ihn an die Heimat. An Hanoi und die Atmosphäre in der Halong Bucht. Nguyen Dinh Khoi versuchte sich in Rostock selbstständig zu machen. „Ich brauchte ja Geld zum Überleben.“ Zunächst verkaufte er Spielsachen von der Terrasse, später zog er mit einem Kleider-Stand auf den Neuen Markt. „Fast jeden Tag kamen Skinheads und zerstörten mein Hab und Gut. Für mich war das, was in Lichtenhagen passierte, keine neue Entwicklung.“ Nguyen Dinh Khoi wohnte nicht im Sonnernblumenhaus in Lichtenhagen, er teilte sich in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt eine Wohnung mit seinem Freund. „Ich habe erst einige Tage nach den Ausschreitungen davon erfahren, aber alles nicht so ernst genommen. Denn das, was dort passiert ist, ist seit 1990 in ganz Deutschland passiert. Und generell ist Rassismus kein deutsches Problem.“ Nguyen Dinh Khoi erzählt von Vietnamesen, die zur selben Zeit in Russland regelrecht gefoltert wurden. „Ich liebe Rostock und ich mag die Menschen hier. Ich habe viel mehr gute Sachen mit Deutschen erlebt, als schlechte.“ Obwohl der gebürtige Vietnamese nicht in dem brennenden Hochhaus festsaß, spürte er in den Wochen danach, wie sehr sich die Rostocker von den Krawallen distanzierten. „Ich habe Menschen mit Tafeln durch die Stadt laufen sehen, auf denen ,Ich schäme mich’ stand“, erinnert er sich. „Schon vor den Ausschreitungen kam regelmäßig eine ältere Dame an meinen Stand. Sie kaufte ein, wir erzählten. Nach den Ausschreitungen kam sie täglich. Sie brachte belegte Brote mit.“ Die Geste war eine Entschuldigung, da ist sich Nguyen Dinh Khoi heute sicher. Und ein Zeichen dafür, dass sich der Hass nicht in alle Köpfe gefressen hat.

 

1992 hat der gebürtige Vietnamese, der mittlerweile eine Catering-Firma besitzt, seinen Verkauf auf Obst und Gemüse umgestellt. „Das Geschäft lief sehr gut. Ende August kam eine junge Frau zu mir. Sie schenkte mir Blumen und Geld. Ich habe erst nicht verstanden, was das sollte.“ Als Nguyen Dinh Khoi sie fragte, warum sie ihm Präsente brachte, hätte sie lediglich gesagt: „Wir sind nicht alle so“. Dann sei sie gegangen. „Das hat mich so sehr berührt, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Als ich abends in meinem Wagen saß, habe ich stundenlang geweint.“

Immer wieder hätte Nguyen Dinh Khoi nach den Ausschreitungen von Lichtenhagen besorgte Anrufe aus der Heimat bekommen. „Ich konnte meinen Liebsten versichern, dass es mir gut ging. Überall auf der Welt passieren doch schlimme Dinge. In Deutschland werden diese Dinge wenigstens geahndet. Ich bin dankbar für den Rechtsstaat.“ Anders als viele seiner Landsleute spricht Nguyen Dinh Khoi mit seiner Familie offen über die Vergangenheit. „Sie sollen verstehen, warum ich denke, wie ich denke und warum ich immer das Gute im Menschen sehe.“

Chronologie: Eskalation der Gewalt

10.12.1990

Es treffen die ersten 120 Asylbewerber in der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen ein, darunter 20 Erstbewerber und 98 bereits in den alten Ländern registrierte und per Quote zugewiesene Flüchtlinge.

1991

Rund 1800 Asylsuchende durchliefen die ZAST. In den Kommunen tauchen die ersten Schwierigkeiten mit der Unterbringung der Bewohner auf. In der ZAST beginnt sich der Bewerberstrom zu stauen.

1992

Im Frühjahr steigen die Zahlen sprunghaft an, insbesondere durch den unkontrollierten Flüchtlingsstrom aus Rumänien. 50 bis 70 Asylbewerber stehen täglich vor der Tür.

Etwa 200 Menschen, zumeist Roma, lagern auf dem Rasen vor der ZAST. Ein Zeltlager am Stadtrand von Rostock wird errichtet. Im Juni-Monatsbericht des Innenministeriums heißt es: „Die in der Gemeinschaftsunterkunft Rostock-Hinrichshagen aufhältigen ausländischen Flüchtlinge konnten durch die ZAST statistisch nicht erfasst werden.“

Juni 1992

Im Juni stehen 394 Quoten-Bewerbern 1364 Erstbewerber gegenüber.

In Lichtenhagen wächst der Unmut der Bevölkerung. Rostocks Innensenator Peter Magdanz (SPD): „Wir hatten ernsthafte Hinweise aus der Bevölkerung, dass es in den nächsten Tagen kracht.“

22. August 1992

Gegen 20 Uhr: Vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle  befindet, versammeln sich rund 1000 Menschen. Etwa 300 bis 400 von ihnen beginnen, das Gebäude mit Steinen zu bewerfen. Anwohner feuern  Randalierer an. Nur wenige Polizisten sind vor Ort, werden selbst angegriffen und ziehen sich daraufhin zurück.

Später Abend und in der Nacht:  Die Polizei stockt ihre Einsatzkräfte auf etwa 150 Beamte auf, kann die Lage aber nicht entschärfen. Gegen 2 Uhr morgens treffen zur Verstärkung Wasserwerfer aus Schwerin ein, aber erst gegen fünf Uhr morgens hat die Polizei die Situation vorläufig im Griff.

23. August 1992

Gegen Mittag rotten sich erneut Gewalttäter vor dem Sonnenblumenhaus zusammen. Sie erhalten Unterstützung von bundesweit bekannten Rechtsextremen, so etwa vom berüchtigten Neonazi Christian Worch.

Nachmittag und Abend: Am Nachmittag greifen die zumeist jugendlichen Täter erneut die Aufnahmestelle und das Wohnheim an. Bis 20 Uhr haben sich rund 800 Gewalttäter versammelt.

Später Abend und Nacht: Die Angriffe mit Steinen und Molotowcocktails gehen weiter. Auch die Polizei wird angegriffen. Um 22.30 Uhr löst Lothar Kupfer, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, landesweiten Alarm aus. Um 2 Uhr nachts können Polizisten aus Hamburg sowie Beamte des Bundesgrenzschutzes die Ausschreitungen stoppen.

24. August 1992

Nachmittag: Rostock-Lichtenhagen beruhigt sich. Die ZAST wird geräumt, der Stein des Anstoßes.

Abend: Jetzt eskaliert die Lage. 1000 Gewalttäter randalieren am Sonnenblumenhaus, werfen Steine und Brandsätze. Dahinter 3000 Schaulustige. Es fängt an  zu brennen.

Später Abend und in der Nacht: 150 Menschen sind in Aufgang 19, dem Wohnheim der Vietnamesen, eingeschlossen. Das Feuer arbeitet sich Stockwerk für Stockwerk hoch. Die Polizei zieht sich zurück.

25./26. August 1992

Die Ausschreitungen  gehen weiter. Rechte und Anwohner lassen ihrer Wut freien Lauf. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Erst am Mittwoch gegen zwei Uhr morgens ist die Lage unter Kontrolle.

Der Verein: Unter einem Dach

Nach den rassistischen Ausschreitungen  in Lichtenhagen beschlossen die in Rostock lebenden  Vietnamesen, den Kontakt zu deutschen  Einwohnern zu suchen. Aus diesem Grund  gründeten sie 1992 den Verein Diên Hông – Gemeinsam unter einem Dach, in dem die vietnamesische Kultur auch heute noch eine besondere Rolle spielt.  25 Jahre nach den Übergriffen  engagieren sich in dem Verein  Migranten verschiedener Herkunft sowie Einheimische, um gemeinsam interkulturelle  Angebote   zu gestalten.Besondere Schwerpunkte des Engagements liegen in der sprachlichen Qualifizierung, der sozialen Integration Zugewanderter, in der Begegnung von Zugewanderten und Einheimischen sowie in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit mit besonderem Bezug zum Land Vietnam.   Seit 2002 ist   der Verein  zudem als  staatlich anerkannter Bildungsträger aktiv. Zu den Zielen der allgemeinen und politischen Weiterbildung zählen auch der Abbau von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit. Insgesamt bemüht sich Diên Hông  um ein besseres Zusammenleben  zwischen Deutschen und Zugewanderten. Am 16. September feiert der Verein seinen 25. Geburtstag im Waldemarhof in Rostock.
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