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Einbürgerung : „Ich habe mich immer deutsch gefühlt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Etwa 400 Menschen werden jedes Jahr in MV eingebürgert - Wir haben vier von ihnen gefragt: Wie fühlt es sich an, plötzlich deutsch zu sein

von
erstellt am 20.Apr.2016 | 11:45 Uhr

Noch einmal zupft Alisina Darwish seinen beigen Anzug zurecht. Wie schon die letzen zehn Minuten. Viel zu früh sind er und sein Bruder Maiwand im Rathaus Schwerin eingetroffen. Doch zu so einem Ereignis will man auch nicht zu spät kommen. Heute nämlich überreicht ihm Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) seine Einbürgerungsurkunde. Denn Alisina gehört zu den 61 Zuwanderern, die im vergangenen Jahr in Schwerin die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben. Was ist das für ein Gefühl?

„Die Papiere haben mich nicht deutscher gemacht. Ich habe mich schon immer deutsch gefühlt“, meint Alisina. Als er zwölf war, floh seine Mutter mit ihm und seinem jüngeren Bruder Maiwand vor dem Krieg in Afghanistan nach Deutschland. Sein Vater war schon eineinhalb Jahre vorher gegangen. „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie der erste Tag war“, erzählt sein Bruder. Damals war er erst fünf Jahre alt. „Es hat geregnet. Genauso wie heute“, sagt der Gymnasiast. „Wir konnten die Sprache nicht. Das Erste, was wir gelernt haben, war das Wort ‚danke‘.“ – „Ja, stimmt“, erinnert sich auch Alisina. Die beiden Brüder lachen. Doch es war nicht immer so einfach. Alisina verbrachte die eine Hälfte seines Lebens in Deutschland, die andere Hälfte in Afghanistan. Fünf Jahre lebte er mit seiner Familie bei Neustrelitz in einem Asylbewerberheim. Damals prallten für ihn zwei Welten aufeinander. In der Schule war er der einzige Ausländer. Doch der heute 24-Jährige kämpfte sich durch, machte seinen Realschulabschluss und absolvierte eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Inzwischen arbeitet er in der Gastronomie. Weg will er aus Schwerin nicht mehr, sagt er. „Ich fühle mich sehr wohl.“

Alisinas Geschichte ist nur eine von 61, die an diesem Tag erzählt werden. Nach und nach kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern in den Demmlersaal. Marokko, Rumänien, Türkei, Brasilien, Kuba, Finnland... . Der jüngste neue deutsche Staatsbürger ist ein Jahr, die älteste dafür 80 Jahre alt. Einbürgerung, das ist kein Spaziergang, macht Angelika Gramkow bei ihrer Ansprache deutlich. „Sie haben einen langen Atem bewiesen.“

Es reiche nicht der Wille allein. Zu den wichtigsten Voraussetzungen zählt, dass der Zuwanderer im Regelfall mindestens einen achtjährigen Aufenthalt in Deutschland vorweisen kann, den Einbürgerungstest bestanden hat und über gute Sprachkenntnisse verfügt. In MV haben im vergangenen Jahr etwas mehr als 400 Menschen diese Herausforderung gemeistert. Allein in Rostock waren es 140 Menschen aus 37 Nationen. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim wurden 52 Zuwanderer eingebürgert. In Nordwestmecklenburg 39; in der Mecklenburgischen Seenplatte 31 und in Vorpommern-Rügen 24.

Ayouba Bachirou hat eine ganz besondere Verbindung mit dem Schweriner Rathaus. Im vergangenen Jahr war er schon einmal zu einem sehr wichtigen Termin hier, erzählt er. Vielleicht noch wichtiger als der heutige. Damals heiratete er seine Frau. Sie machte sein Glück komplett. „Ich bin angekommen“, sagt der 42-Jährige heute. Vor 14 Jahren kam er aus politischen Gründen aus Togo nach MV. Er fand einen Job und machte schließlich den Einbürgerungstest.

Ganz anders ist es bei Anna Logan. Ihre Eltern kamen aus Russland. Doch die 17-Jährige wurde in Wismar geboren. Dass sie bisher kein deutscher Staatsbürger war, wissen sogar viele ihrer Freunde nicht. Warum auch? „Ich bin hier aufgewachsen. Russisch spreche ich nur mit deutschem Akzent“, erzählt die Schülerin. Sie sei zwar schon oft in Moskau gewesen, doch die Heimat ihrer Eltern sei ihr fremd. „Mit dem deutschen Ausweis“, erzählt Anna „darf ich endlich einen Nebenjob haben.“

Dann ist es soweit. Alisina geht freudig nach vorne, um sich seine Urkunde abzuholen. „Wir sind stolz, dass sie zu uns gehören“, hatte Angelika Gramkow in Richtung aller neuen Staatsbürger zuvor gesagt. Stolz ist auch Maiwand. Voller Vorfreude sehnt er sich die Einbürgerungsfeier im nächsten Jahr herbei. Dann bekommt auch er seine Urkunde überreicht. Seinen Ausweis, den hat er aber schon vor zwei Monaten bekommen. Damit ist er schon jetzt offiziell deutscher Staatsbürger. „Für mich bedeutet das viel“, sagt er. „Endlich darf ich wählen und ich kann Polizist werden.“

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