zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 04:43 Uhr

"Ich ertrage diese Isolation nicht"

vom

svz.de von
erstellt am 23.Sep.2010 | 12:14 Uhr

Boizenburg | Erschöpft und blass lehnt Samari Alireza an der Wand. "Ich kann nicht mehr, ich bin zu erschöpft", sagt er auf die Frage unserer Redaktion, wie lange er seinen Hungerstreik fortsetzen will. Mit seiner Protestaktion hat der 26-jährige Afghane das Zentrale Aufnahmelager für Asylbewerber in Nostorf/Horst bei Boizenburg wieder in die Schlagzeilen gebracht. Damit hat er sein Ziel erreicht. Er hat die Aufmerksamkeit, die er sucht.

Der Hungerstreik hatte Organisationen wie "Pro Asyl" und Flüchtlingsverbände mit ihrer in der Vergangenheit immer wiederkehrenden Kritik an der Einrichtung in Nostorf/Horst erneut auf den Plan gerufen. Dabei ging es um die Verpflegung, medizinischen Betreuung und Unterbringung. Gestern trat das angegriffene Schweriner Innenministerium die Flucht nach vorn an. Kurzfristig wurden die Kritiker, Journalisten, Politiker und Vertreter von Kirchen zu einem Besuch eingeladen, um mit den Betroffenen vor Ort reden zu können.

Samari Alireza schildert seine Probleme, die weniger mit der Verpflegung und medizinischen Betreung zu tun haben, dafür mehr mit der Unterbringung in einem Lager mitten im Wald und weitab jeder Großstadt. Ein Dolmetscher übersetzt. Samari Alireza kommt aus dem umkämpften Kandahar. Über Norwegen erreichte er Deutschland. Seit vier Monaten lebt er in diesem "Camp", wie er sagt. Ein Ende sei nicht abzusehen. Immer nur warten.

"Wir sind hierhergekommen, um etwas zu lernen, etwas aus unserem Leben zu machen. Das geht in Horst nicht", sagt der Afghane. Er will nach Hamburg, und dort selbst für sich sorgen. Ein Iraki, der bereits seit zehn Monaten in der Einrichtung lebt, will in das 70 Kilometer entfernte Hamburg: "Ich ertrage diese Isolation nicht länger."

Nostorf/Horst ist nach den ausländerfeindlichen Krawallen 1992 vor dem Zentralen Asylbewerberheim Rostock-Lichtenhagen bewusst in die Einöde verlegt worden, damit sich die Konflikte von damals nicht wiederholen. Seit 2006 nutzt auch Hamburg die Nostorfer Einrichtung für die Erstaufnahme seiner Flüchtlinge. Von den 377 Asylbewerbern, die sich gegenwärtig in dem Lager bei Boizenburg aufhalten, kommen 111 aus der Hansestadt. Familien mit Kindern dürfen laut Koalitionsvereinbarung zwischen der Hamburger CDU und Grünen nicht nach Mecklenburg-Vorpommern. Die gegenwärtigen Verstöße dagegen begründete Behördenleiter Ralph Bornhöft mit der gestiegenen Zahl von Flüchtlingen. Die Aufnahmekapazitäten seien in der Hansestadt erschöpft.

Die derzeit steigende Anzahl von Asylbewerbern setzt auch Nostorf/Horst unter Druck auch wenn die Kapazität von 600 Plätzen noch längst nicht ausgelastet ist. Noch vor einem halben Jahr waren nur etwa hundert Flüchtlinge dort untergebracht. Innenstaatssekretär Thomas Lenz (CDU) kündigte an, dass ein zusätzlicher Arzt für die medizinische Versorgung gesucht wird. Bislang arbeiten in der Einrichtung eine Ärztin an zwei Tagen und zwei Schwestern. Landtagsabgeordnete Gabi Mestan (Linke) fordert, dass auch auch die Zahl der Betreuer erhöht wird.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen