Treffen politischer Ex-Häftlinge in Schwerin : „Ich dachte, ich komme da nie mehr raus“

Hans-Jürgen Jennerjahn lebt heute in der Nähe von Dannenberg.
Foto:
1 von 3
Hans-Jürgen Jennerjahn lebt heute in der Nähe von Dannenberg.

Der gebürtige Schweriner Hans-Jürgen Jennerjahn musste fünf Jahre lang als politischer Häftling in Workuta nördlich des Polarkreises schuften

von
04. Juni 2016, 16:00 Uhr

„Als wir in Russland ankamen, habe ich mich ernstlich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, zum Tode verurteilt worden zu sein.“ Hans-Jürgen Jennerjahn muss schlucken, wenn er daran zurückdenkt. „Heute weiß ich, dass ich unrecht hatte. Aber damals dachte ich, dass ich lebendig nicht mehr aus Workuta herauskomme.“

Workuta, nördlich des Polarkreises gelegen, beherbergte die berüchtigtesten der sowjetischen Zwangsarbeiterlager. Zeitweise mussten dort mehr als 70 000 Menschen unter furchtbaren Bedingungen schuften - in Bergwerken, auf Holzplätzen und im Gleisbau. Viele fanden unter den harten und menschenunwürdigen Bedingungen den Tod. Auch Kriegsgefangene und politische Häftlinge aus Deutschland wurden in die eisige Tundra deportiert. Hans-Jürgen Jennerjahn war einer von ihnen – fünf Jahre verbrachte er im Lager Workuta Schacht 8.

Wegen Spionage, antisowjetischer Propaganda und illegaler Gruppenbildung hatte ein sowjetisches Militätribunal Jennerjahn und elf andere, darunter auch seine Verlobte Erika, am 19. Oktober 1950 verurteilt – nur wenige Tage nach dem 22. Geburtstag des gebürtigen Schweriners. 25 Jahre Straflagerhaft sollte er verbüßen. Dabei hatte Jennerjahn nie spioniert, von den anderen „Gruppenmitgliedern“ kannte er nur vier, die wie er selbst in der Liberaldemokratischen Partei (LDP) aktiv waren.

Jennerjahn war der LDP bereits 1946 beigetreten – „weil sie die einzige Partei in der sowjetischen Besatzungszone war, die in ihrem Programm nicht den Sozialismus als Ziel zu stehen hatte.“ Er übermalte Plakate mit dem Schriftzug „Nieder mit der SED“ und verteilte Flugblätter, auf denen Freiheit gefordert wurde – manchmal half ihm seine Verlobte dabei.

Als Kreis- und später Stadtjugendsekretär seiner Partei stand der junge Mann durchaus im Licht der Öffentlichkeit. Mehrfach trat er an der Seite des liberalen Vordenkers Arno Esch auf. Als der 1949 verhaftet und später von der sowjetischen Justiz zum Tode verurteilt und erschossen wurde, trat Jennerjahn aus der LDP aus -– doch da war er schon längst im Visier der Sicherheitsbehörden.

Noch ganz genau erinnert er sich an den 5. Juli 1950, als die Staatssicherheit in den väterlichen „Tante-Emma-Laden“ kam. Den Offizier, der ihn verhaftete, kannte er, erst wenige Tage zuvor hatten sie sich noch auf der Geburtstagsfeier von Jennerjahns künftigem Schwager unterhalten. „Ich hatte ihm danach eine Flasche Essig besorgt – und dachte nun, er wäre wiedergekommen, weil er noch eine haben wollte.“

Niemand bekam mit, dass Jennerjahn abgeholt wurde. „Ihr Auto hatten die Stasi-Leute extra ein paar Häuser weiter abgestellt.“ Nur ein Ring, den er an diesem Tag am Finger trug, blieb in der elterlichen Wohnung zurück. „Den brauchst du da, wo wir dich hinbringen, nicht mehr“, hatte der Stasi-Mann ihm gesagt.

Erst später erfuhr Jennerjahn, dass am selben Tag noch elf andere junge Leute verhaftet worden waren, auch Erika. Nach drei Tagen übergaben der deutsche sie in Handschellen an den russischen Geheimdienst. Drei Monate lang wurden die Gefangenen am Schweriner Demmlerplatz verhört, dann fiel das Urteil. Für drei der Männer war es das Todesurteil, „wegen ihrer Jugend“ wurden sie zu Straflagerhaft begnadigt.

Weil er jung und kräftig war, kam der 22-jährige Hans-Jürgen Jennerjahn in Workuta ins Bergwerk. „350 Meter unter der Erde hatten wir zwar auch nur 6 Grad Celsius – aber das war natürlich kein Vergleich zu den minus 30 oder minus 40 Grad draußen“, erzählt der heute 87-Jährige. Viele, die im Freien arbeiteten, erlitten Erfrierungen – auch er selbst, als er für 14 Tage, in denen seine Schulter schmerzte, einen „Schonplatz“ auf dem Bau bekam. „Ich würde den perfekten Dieb abgeben“, kann Jennerjahn heute über seine erfrorenen Fingerspitzen scherzen. „Denn Fingerabdrücke von mir zu nehmen wäre schwierig.“

Wieder ernst, erzählt er, wie sehr die Männer im Lager darunter gelitten hätten, womöglich nie wieder nach Hause zu kommen. Ein Sprengmeister hätte ihm erzählt, dass er seine sechs Jahre Lagerhaft zwar abgesessen hatte, die Entlassungpapiere wären aber nur für die Stadt Workuta ausgestellt worden. „Und bei uns im Lager war die ganze Zeit ein Leibarzt Maxim Gorkis, der nach dessen Tod 1936 deportiert worden war, weil er Gorki angeblich falsch behandelt hatte.“

Immerhin sei das Kohlebergwerk ein vergleichsweise privilegierter Arbeitsplatz gewesen: „Die Bergwerksverwaltung verlangte von der des Lagers, dass wir ordentlich behandelt werden, damit wir auch etwas schaffen.“ Ordentlich, das hieß, dass sich „nur“ 100 im Bergbau beschäftigte Gefangene eine Baracke teilen mussten, „die über Tage arbeiteten, waren 200 in der gleichen Baracke“, erinnert sich Jennerjahn. Das Essen sei karg gewesen: Kohl oder Kohlsuppe, Kascha – ein grober, von Spelzen durchsetzter Haferbrei – und einen Laib wässriges Brot zählt Jennerjahn auf. Zucker und Fett bekamen die Gefangenen nur wenige Gramm im Monat – „erst später, nach Stalins Tod im März 1953 , als wir für unsere Arbeit bezahlt wurden, konnten wir etwas dazukaufen: Die 300 Rubel im Monat reichten für 300 Gramm Margarine…“

Erst in dieser Zeit durften die Gefangenen auch nach Hause schreiben – so lange wussten Jennerjahns Eltern nichts über seinen Verbleib. 1951 hatte sein Vater an Wilhelm Pieck geschrieben und gefragt, ob er wisse, wo sein Sohn sei. Erst nach einem Vierteljahr antwortete der DDR-Präsident: Er wisse nichts, wahrscheinlich sei Jennerjahns Sohn in den Westen gegangen.

Der Vater verstarb 1954, ohne seinen Sohn noch einmal wiederzusehen. Jennerjahns Verlobte Erika, die in einem anderen Lager interniert war, kam bereits 1953 nach Hause. Ihr schrieb er, sie solle ihr Leben in die Hand nehmen und neu anfangen – ohne ihn. Denn dass er selbst jemals wieder entlassen würde, glaubte er bis zuletzt nicht.

Und doch: 1955 wird Jennerjahn aus Workuta abtransportiert, kommt im Oktober 1955 schließlich wieder nach Deutschland. Hier setzt er sich über Westberlin nach Hamburg ab. Dort lernt er seine spätere Frau kennen, mit der er heute im Landkreis Lüchow-Dannenberg lebt. Sie kennt mittlerweile die Details seiner Zeit in Workuta – „aber es hat lange gedauert, bis er darüber sprechen konnte“, erinnert sich Gisela Jennerjahn. Mit den eigenen Söhnen habe er bis heute kaum darüber geredet. Aber er hätte öfter Schulklassen aus jener Zeit erzählt. „Anfangs waren die Kinder meist unruhig, aber spätestens nach fünf Minuten war kein Mucks mehr zu hören.“ Jetzt ließe seine angeschlagene Gesundheit das nicht mehr zu. Zu den Treffen der ehemaligen Workutaner aber wolle er auch weiterhin fahren – solange es noch geht.

Erst 1996 wurde Hans-Jürgen Jennerjahn durch die Militärhauptstaatsanwaltschaft in Moskau rehabilitiert, zusammen mit den früheren Mitangeklagten. Genugtuung aber kann er darüber nicht empfinden. Zu tief sind die Narben, die die Straflagerhaft hinterlassen hat – nicht nur an seinen Händen.

Diskussion um Lenin & Co.
Das Treffen der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion findet in diesem Jahr in Schwerin statt. Unter dem Motto „Erlebt – Erinnern – Vermitteln“ diskutieren ehemalige politische Häftlinge sowjetischer Zwangsarbeitslager noch bis morgen darüber, wie sie ihre Erfahrungen an nachfolgende Generationen weitergeben können.
Ein Schwerpunkt der diesjährigen Tagung ist der Umgang mit den Denkmalen einer Diktatur. In Schwerin befindet sich im Neubaugebiet Mueßer Holz eines der letzten Lenindenkmäler des ehemaligen Ostblocks außerhalb Russlands.
Die Mitglieder der Lagergemeinschaft sind sich darin einig, dass Lenin mit die Verantwortung für die Errichtung der kommunistischen Gewaltherrschaft trägt. Tausende Frauen und Männer aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR waren zwischen 1945 und 1955 nach ihrer Verurteilung durch sowjetische Militärtribunale im Lagerkomplex um Workuta inhaftiert. Die auf Befehl Lenins von 1918 an eingerichteten „Konzentrationslager“ gegen die Feinde der Sowjetunion wurden von Stalin zu einem mächtigen Repressionssystem ausgebaut, unter dem Millionen Menschen zu leiden hatten.Die Auseinandersetzung mit diesem Thema möchte die Lagergemeinschaft öffentlich führen. Daher wird zu den Programmpunkten am heutigen Sonnabend die interessierte Öffentlichkeit eingeladen. Ab 9.30 Uhr hält der Historiker Dr. Andreas Hilger im Hotel Amedia Plaza Schwerin einen Vortrag zum Thema „Lenin - Überlegungen zum Verhältnis von historischer Persönlichkeit und Erinnerungskultur“. Um 10.45 Uhr schließt sich eine Podiumsdiskussion über „Hinterlassene Denkmale einer Diktatur“, mit Dr. Andreas Hilger und Dr. Jörg Morré, dem Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, an. Ab 14.30 Uhr treffen sich Tagungsteilnehmer und andere Interessierte am Lenindenkmal (Kreuzung Hamburger Allee/Plater Straße) in Schwerin.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen