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Interview mit Platzeck-Nachfolger Dietmar Woidke : "Ich bin kein Schönredner"

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SPD-Innenminister Dietmar Woidke tritt die Nachfolge von Ministerpräsident Matthias Platzeck an. Er will in die Fußstapfen des Sympathieträgers treten und eigene Vorstellungen durchsetzen, betont er im Interview.

svz.de von
erstellt am 04.Aug.2013 | 08:59 Uhr

Eigentlich wollte Dietmar Woidke seinen Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff bis zurück nach Hamburg mitmachen - ein Geschenk für die Schwiegermutter zum 70. Geburtstag. Doch am Sonntag vor einer Woche musste der 51-jährige SPD-Innenminister in Trondheim von Bord. Er wird Kapitän in Brandenburg - tritt die Nachfolge von Ministerpräsident Matthias Platzeck an. Er will in die Fußstapfen des Sympathieträgers treten und eigene Vorstellungen durchsetzen, wie er im Gespräch mit Johannes M. Fischer, Benjamin Lassiwe und Christian Taubert betonte.

Herr Woidke, wie erging es Ihnen, als Sie die Nachricht erhielten, Nachfolger von Matthias Platzeck zu werden?
In der ganzen Tragweite habe ich diese Nachricht zunächst nicht begriffen. Es ging ja nicht nur um die kommenden Aufgaben. Sondern vor allem darum, dass sich die enge Zusammenarbeit mit Matthias Platzeck nicht fortsetzen wird. Das war für mich ein überaus emotionaler Moment, dem dann noch am Montag die Sitzung des erweiterten SPD-Landesvorstandes und der Fraktion folgte. Es gab Standing Ovations für Matthias Platzeck, und es sind Tränen geflossen. Erst seit Mittwoch stehe ich wieder mit beiden Füßen auf der Erde.

Was nehmen Sie aus der jahrelangen Arbeit mit dem Sympathieträger Platzeck für sich mit?
Die Offenheit und Ehrlichkeit, wie er mit den Menschen umgeht, sie ernst nimmt und ihnen zeigt, dass er für die Brandenburger da ist - trotz Termindruck und politischer Schwierigkeiten. Er stellt sich den Leuten und ist ehrlich zu ihnen - auch das versuche ich aus seiner Zeit mitzunehmen. Das hat der Brandenburger Politik gut getan. Die Menschen wollen keine Schönredner und Schönfärber.

War und ist das auch Ihr Anspruch?
Ich will in diese Fußstapfen treten. Obwohl ich weiß, dass es sehr große Schuhe sind. Dass ich kein Schönredner bin, habe ich gerade bei der Polizeireform gezeigt. Ich habe ernst genommen, was die Leute vor Ort mir mit auf den Weg gegeben haben. So sind wir zu einer Polizeistruktur gekommen, die den Herausforderungen der kommenden Jahre gerecht wird. Und dafür danke ich ausdrücklich auch dem Koalitionspartner.

Wovor haben Sie am meisten Bammel?
Kein Bammel. Aber die größte Herausforderung für Brandenburg ist die demografische Entwicklung, gefolgt von der kurzfristig zu lösenden Aufgabe, den Flughafen BER an den Start zu bringen. Das ist das wichtigste Infrastrukturprojekt, das unsere Entwicklung der nächsten Jahrzehnte prägen wird.

Aber Sie wollen nicht in den BER-Aufsichtsrat.
Richtig, aber es gibt auch andere Möglichkeiten, sich für dieses Projekt einzusetzen. Und nicht zu vergessen den Landtagsbeschluss und das Anliegen des angenommenen Volksbegehrens für mehr Nachtruhe am BER. Dieses Ziel gilt auch für mich. Als Aufsichtsratsmitglied, das den Interessen der Gesellschaft verpflichtet ist, würde ich vielleicht da eher in Konflikt geraten. Und zum anderen: Wir sind mit dem BER in der letzten Runde. Es wird aller Voraussicht nach in diesem Jahr ein Eröffnungstermin festgelegt. Da bleibt aus meiner Sicht nicht die Zeit, dass ich mich kompetent in die für das Projekt wichtigste Entscheidung einarbeiten kann.

Welchen Maßstab legen Sie beim BER an?
Der kann nur sein: Was bringt dieses wichtigste Berlin-Brandenburger Projekt so schnell wie möglich an den Start. Politische Fingerhakeleien sind kein Maßstab.

Im Berliner Umland, auch rund um den BER boomt es. Wie sehen Sie die Situation im Rest des Landes?
Die Strahlkraft des Berliner Umlandes ist unbestritten. Darüber sollten wir froh sein. Aber es gibt mehr Regionen, denen man eine solche positive Entwicklung nicht zugetraut hat. Etwa die um das Autobahndreieck Wittstock. Oder die Lausitz mit der hohen Energiekompetenz, Eisenhüttenstadt und Schwedt. Ich stehe zu den Entscheidungen der 1990er-Jahre, die industriellen Kerne im Land zu erhalten und um sie herum Wirtschaftsansiedlung zu konzentrieren. Und auch die spätere Bildung von Wirtschaftskernen war richtig. Nur als Industrieland hat Brandenburg Zukunft.

In Medienberichten hieß es, dass Dietmar Woidke mit der CDU besser zurechtkäme als mit den Linken?
Darüber habe ich mich gewundert. Gesagt habe ich das nicht, das wurde mir eher unterstellt. Natürlich hat es 2009 Skepsis gegenüber Rot-Rot gegeben. Aber was diese Koalition leistet, das hat ihr kaum jemand zugetraut. Ich habe damals nicht für möglich gehalten, dass wir mit der Linken so schnell ein Vertrauensverhältnis aufbauen würden. Heute schon ist der Koalitionsvertrag nahezu umgesetzt. Für mich hat Rot-Rot unser Land vorangebracht.

Bedeutet dies, dass die SPD eine Koalitionsaussage für 2014 lange zurückhalten wird?
Es wird vor der Wahl keine Koalitionsaussage der SPD geben. Das haben wir seit 1990 immer so gehalten. Zuerst hat der Wähler das Wort und dann wird abgewogen, was das Beste fürs Land ist.

Ist die CDU mit dem neuen Vorsitzenden Michael Schierack wieder koalitionsfähig geworden?
Sie haben recht: Mit Frau Ludwig an der Spitze hätte man das ausschließen können. Das ist kein Geheimnis. Persönliche Angriffe dürfen nicht inhaltliche Debatten ersetzen. Wo persönliche Verletzungen zurückbleiben, ist vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht möglich. Ich glaube aber übrigens, dass bei den Christdemokraten noch immer nicht alle Konflikte ausgestanden sind.

Was verstehen Sie unter Macht?
Wir sind alle auf Zeit gewählt. In allen bisherigen Ämtern habe ich meine Kraft dafür eingesetzt, dass das Beste für das Land und die Menschen herauskommt. Macht ist verliehen und vergänglich.

Hat das Losungsbuch auf Ihrem Schreibtisch eine Bedeutung?
Nicht täglich, aber ab und zu nutze ich es. Ich bin ein fröhlicher Evangele. Wie viele evangelische Christen gebe ich zu: Ich freue mich nicht immer an meiner Kirche, aber jeden Tag an meinem Glauben.

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