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Till Backhaus im Gespräch mit unserer Zeitung : "Ich beherrsche das Wickeln wieder"

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In den Sommerinterviews befragt unsere Redaktion Spitzenpolitiker in MV. Mit Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) sprach Torsten Roth über sein neues Familienglück und die Zukunft der Landwirtschaft.

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erstellt am 14.Aug.2012 | 09:40 Uhr

In den Sommerinterviews befragt unsere Redaktion Spitzenpolitiker in Mecklenburg-Vorpommern. Mit Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) sprach Torsten Roth.

Erst Hochzeit, jetzt sind Sie noch einmal Vater geworden: Sie leben Ihren Lebenstraum, sagen Sie. Wie sieht der aus?

Ich habe mein Privatleben jetzt so geordnet, dass ich sagen kann: Ich habe eine intakte Familie, auf die ich stolz bin. Ich habe eine tolle Frau, einen tollen Sohn, das passt alles zusammen.

Was hat sich für Sie geändert?

Seit eineinhalb Jahren rauche ich nicht mehr. Unser Lebensstil hat sich geändert. Unser Sohn ist ein Wunschkind. Wir erleben so viel Harmonie miteinander, leben fröhlich, ausgelassen, mit möglichst wenigen Stressmomenten. Und natürlich ist auch der Tagesablauf ein völlig anderer geworden. Inzwischen beherrsche ich das Wickeln wieder, und mache das auch gern.

Minister, Abgeordneter, Jäger, Pferdeliebhaber - da bleibt wenig Zeit. Wer wird bei Ihnen die Gute-Nacht-Geschichte vorlesen?

Ich. Mein Bruder schreibt gerade ein Kinderbuch, die Fuchsgeschichte. Die möchte ich verfeinern und daraus eine eigene Geschichte für unseren Sohn Richard machen. Meine Schwester wird sie illustrieren.

In den letzten Jahren gab es so gut wie keinen Agrartermin ohne Till Backhaus. Wenn Sie mehr Zeit für Ihre Familie haben wollen, schicken Sie jetzt öfter mal Ihren Staatssekretär?

Ich habe einen hervorragenden Staatssekretär und ein sehr gutes Team, auf das ich mich verlassen kann. Insofern werden die Aufgaben künftig mehr verteilt. Alle haben mir ans Herz gelegt, mich mehr um meine Familie zu kümmern. Das werde ich tun.

Kinder verändern die Sicht auf die Dinge: Auffällig ist, dass Sie seit der Schwangerschaft Ihrer Frau einen anderen Blick auf die Landwirtschaft bekommen, auf eine Landwirtschaft mit mehr Tierschutz, mehr Umweltleistungen - aus Verantwortung ihrem Sohn gegenüber?

Es hat tatsächlich einen Sinneswandel bei mir gegeben. Das hängt auch mit meiner Familie zusammen, die sehr ökologisch geprägt ist. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass wir in der Landwirtschaft eine Strategie, die ausschließlich auf Wachstum setzt, nicht durchhalten. Bei Lebensmitteln müssen wir Wert auf Qualität legen. Das geht mit dem hohen Einsatz von Antibiotika nicht. Wir finden heute schon Medikamente im Grundwasser. Wir Menschen sind das Problem, nicht die Natur. Gerade junge Familien entwickeln inzwischen eine neue Identifikation mit Lebensmitteln und dessen Umgang - zurück zur Natur, zurück zur eigenen Küche. Das Wertvollste, das wir haben, sind unsere Kinder. Wir haben als Gesellschaft die Verpflichtung, allen Kindern gesunde Lebensmittel zur Verfügung zu stellen.

Wie kommen die neuen ökologischen Töne bei den Bauern an?

Das ist zweigeteilt. Viele sagen, das geht so nicht weiter. Auch die Landwirte denken inzwischen um. Wir brauchen eine Gesellschaftsdebatte, mit den Landwirten über die Landwirtschaft. Wir haben viele Menschen entwöhnt von der Landwirtschaft. Wenn dann auch noch Antibiotika im Fleisch und Dioxin im Futter entdeckt oder riesige Tieranlagen gebaut werden, dann werden die Menschen verunsichert und wissen nicht mehr, was sie essen können.

Werden Sie nun Mitglied im BUND?

Nein.

Agrarkonzept, das Perspektivpapier "Land hat Zukunft - MV 2020" und jetzt auch noch eine Perspektivkommission Land- und Ernährungswirtschaft und noch einen Masterplan. Was soll jetzt anders werden?

Ich glaube, dass das von uns entwickelte Leitbild und der Masterplan für die Landwirtschaft die Schatzkammer des Landes noch stärker herausstellen sollte: die Verbindung der Land- mit der Ernährungswirtschaft. Dem soll auch das Online-Forum dienen. Wir wollen wissen, wie sich der Verbraucher die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt. Mit dem Masterplan sollen die Schwerpunkte für die neue Förderperiode gesetzt werden.

Welche?

Wir brauchen eine stärkere ökologische Vernetzung. Dazu legen wir z. B. ein Dauergrünlanderhaltungsgesetz auf, mit dem es verboten wird, Grünland umzubrechen. Von den 350 000 Tier- und Pflanzenarten weltweit haben wir in MV immerhin 25 000. Gut ein Drittel dieser Arten ist vom Grünland abhängig. Die Sauerei, dass man Grünland umbricht, um dort Mais anzubauen, muss ein Ende haben. An den großen Straßen wollen wir künftig 30 bis 50 Meter breite waldähnliche Agroforstsysteme mit schnellwachsenden Hölzern aufbauen. Die sehen gut aus, vernetzen die Biotope und man kann sie als nachwachsenden Rohstoff nutzen.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie mit Ihrem neuen Online-Forum nur Bürgernähe vortäuschen und es nur darum geht, das ramponierte Image von Agrarindustrie und Bauernverbandslobby so gut wie möglich zu reparieren.

Die Kritik sehe ich gelassen. Eine solche Einbindung breiter Schichten der Gesellschaft hat es bisher in Deutschland nicht gegeben. Alle Interessengruppen werden sich in dem neuen Masterplan wiederfinden.

In dem Forum wird klar eine Abkehr von der Massentierhaltung gefordert. Wann starten Sie eine entsprechende Bundesinitiative?

Die erste Initiative läuft. Wir haben den Bund aufgefordert, reine industriemäßige Tierhaltungsbetriebe ohne Fläche künftig in Außenbereichen der Dörfer nicht mehr zu privilegieren. Das heißt, solche Anlagen sind dann nicht mehr genehmigungsfähig. Die Initiative soll noch in diesem Jahr in den Bundesrat. Mit dieser Bundesregierung werden wir das Bundesimmissionsschutzgesetz aber nicht mehr geändert bekommen. Doch es muss geändert werden, um Tierbestände zu begrenzen und Auswüchse nicht mehr zuzulassen. Das werden wir nach 2013 tun.

Werden Sie Tierobergrenzen einführen?

Ich bin für eine Begrenzung: Die Frage ist, ob man die Tierbestände begrenzen muss, zum Beispiel 1000 Sauen pro Standort, oder nur noch Ställe zulässt, wenn je Hektar nicht mehr als zwei Großvieheinheiten gehalten werden. Daran haben wir bereits die Förderung gekoppelt. Solche Ställe wie in Medow wird es mit mir nicht geben. In Zukunft wollen wir auch, dass in alle neuen Ställe Filteranlagen eingebaut werden müssen.

Zu einer anderen Landwirtschaft gehört auch die Neuordnung des Beihilfesystems. Worauf müssen sich die Bauern einstellen?

In der Zukunft wird es keine pauschalen Ausgleichszahlungen mehr geben und öffentliches Geld wird nur noch für öffentliche Leistungen gezahlt. Ich glaube, die Gesellschaft akzeptiert Ausgleichszahlungen für gesunde und unbelastete Lebensmittel, die preiswert sind. Aber wir müssen beweisen, warum die Bauern sie bekommen. Dazu gehört auch, sie an Umweltauflagen zu knüpfen, zum Beispiel für den ökologischen Landbau, für eine vernünftige Fruchtfolge oder die Verminderung der Einträge ins Grundwasser. Dafür soll der Bauer Geld bekommen. Wer nur noch Mais anbauen will, hat keinen Anspruch auf Förderung.

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