Husarenstück für den Naturschutz

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11. September 2012, 06:41 Uhr

Greifswald/Berlin | Sie gelten als das Tafelsilber der deutschen Vereinigung und ihre Sicherstellung in politisch bewegten Zeiten kurz vor dem Untergang der DDR als ein Husarenstück deutscher Geschichte. Die Einrichtung von drei Nationalparks, sechs Biosphärenreservaten und drei Naturparken in Ostdeutschland beschloss der letzte Ministerrat der DDR auf seiner letzten Sitzung am 12. September 1990. Im Berliner Christoph Links Verlag veröffentlichten die Pioniere der ostdeutschen Naturschutzgebiete Michael Succow, Lebrecht Jeschke und Hans Dieter Knapp jetzt ihre persönlichen Erinnerungen an eine spannende und dramatische Zeit.

"Es gab ein Dienstfahrzeug, eine Sekretärin und einige Mitarbeiter aus der Wasserwirtschaft", erinnert sich der Greifswalder Biologieprofessor Succow, seinerzeit stellvertretender Umweltminister der DDR und heute Träger des Alternativen Nobelpreises, an die zur Verfügung stehende Unterstützung. Nach der ersten freien Wahl in der DDR zog er mit einem Team engagierter Umweltschützer in das neu konzipierte Ministerium für Umwelt, Naturschutz, Energie und Reaktorsicherheit (MUNER) am Berliner Schiffbauerdamm.

Zuvor habe ihn der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) beschworen, nicht weiter in der Wissenschaft tätig zu sein, sondern der Politik zur Verfügung zu stehen, sagt Succow. Der scheidende DDR-Umweltminister Hans Reichelt habe ihm noch gesagt, er solle es besser machen, denn er habe in falscher Überzeugung vieles falsch gemacht oder machen müssen. Noch ein Jahr zuvor hatte sich Reichelt mit Töpfer getroffen, um das erste deutsch-deutsche Naturschutzprojekt Drömling in Sachsen-Anhalt auf den Weg zu bringen. Doch seine Befugnisse waren gleich Null: Stattdessen hatte Reichelt für die Begegnung die Trinksprüche dem Politbüro-Mitglied Hermann Axen zur Absegnung vorzulegen und dann auswendig zu lernen. Das Treffen sei von der Stasi komplett überwacht worden, erzählte er Succow.

In ihrem Buch beschreiben die Protagonisten, wie ihnen nur wenige Wochen für die gesetzliche Sicherung der Schutzgebiete blieben und welche Bedenken ihnen im Wettlauf mit der Zeit auch aus westdeutschen Einrichtungen entgegenschlugen. In Bonn sei er als Fantast abgestempelt worden, weil er seine Ost-Kollegen nicht davon abgehalten habe, an den Verordnungen zu arbeiten, sagt Arnulf Müller-Helmbrecht, der als West-Beamter dem Ost-Ministerium beratend zur Seite stand. In den letzten Stunden sei das ambitionierte Vorhaben sogar noch beinahe an unbrauchbaren DDR-Landkarten gescheitert, die als Vorlage für das Gesetzblatt dienen sollten, auf denen der Brocken, Wandlitz und der Grenzstreifen aber nur weiße Flecken gewesen seien.

Ausführlich gehen Succow, Jeschke und Knapp auch auf frühere Bestrebungen von Umweltschützern ein, die für wirtschaftliche Nutzungsverzichte in besonders sensiblen Gebieten Deutschlands eintraten. Dabei schlagen sie einen Bogen von der Rettung des Waldes auf der Insel Vilm durch Fürst Malte zu Putbus im Jahre 1812 über Naturwissenschaftler wie Heinrich Göppert (1800-1894), Wilhelm Wetekamp (1859-1945) bis zu Herbert Hesmer (1904-1982), der "Naturwaldzellen" vorschlug. Vorgestellt werden auch viele engagierte Umweltschützer der damaligen DDR. Die Ausweisung der ostdeutschen Naturschutzgebiete, die 4,5 Prozent des DDR-Territoriums ausmachten, fand später in den alten Bundesländern, aber auch in Georgien, der Mongolei, Russland und im Iran Anerkennung und Nachahmung.

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