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70 Jahre Ende 2. Weltkrieg : Hunger als ständiger Begleiter

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Brigitte Schneider hat als Kind am Kriegsende selbst aus der Heimat fliehen müssen – das Schicksal von Flüchtlingen liegt ihr deshalb bis heute am Herzen

svz.de von
erstellt am 09.Mai.2015 | 08:45 Uhr

Schon seit Wochen lassen Brigitte Schneider die Bilder aus Kindertagen nicht los. Wenn vom Elend der Flüchtlinge die Rede ist, die in Deutschland Zuflucht suchen, denkt die 76-Jährige aus Warnemünde an ihre eigene Flucht zurück, die sie zu Kriegsende vor 70 Jahren aus Hinterpommern nach Nordwestmecklenburg verschlug.

„Als meine Mutter 1941 starb, war ich gerade drei Jahre alt“, erzählt Brigitte Schneider, die damals Laude hieß. Der Vater und ihr ältester Bruder seien im Krieg gewesen, die Schwester in Stellung. „Mein jüngerer Bruder und ich wurden deshalb zuerst in ein Kinderheim gebracht.“ Später kamen sie in eine private Pflegestelle. „Frau Minx liebte uns nicht, aber sie hat uns verpflegt und darauf geachtet, dass wir gewaschen waren und zur Schule gingen.“ Im März 1945 marschierte in Kordshagen, das heute in Polen liegt, die Sowjetarmee ein. Schon Wochen zuvor waren die ersten aus dem Dorf geflüchtet. Schließlich forderten Wehrmachtssoldaten auch die letzten Bewohner auf, den Ort zu verlassen. Doch nicht weit vom Dorf entfernt entschloss sich die Pflegemutter, mit den Kindern den Treck zu verlassen. In einem abgelegenen Bauernhaus fanden sie Unterschlupf. Regelmäßig kehrte Frau Minx mit einem oder beiden Kindern zurück ins Dorf, um etwas zu essen zu holen. „Bei einem dieser Gänge wurden wir von zwei sowjetischen Soldaten überrascht. Sie verlangten Alkohol, und weil wir ihnen nichts gaben, machten sie sich selbst auf die Suche.“ Im Keller fanden sie ein paar Flaschen. „Frau Minx wollte ihnen klar machen, dass sie darin Farbreste aufbewahrte, aber sie verstanden sie nicht“, erinnert sich Brigitte Schneider. In ihrer Not hätte die Frau einem Soldaten eine Flasche entrissen und sie auf dem Boden zerschmettert. Doch gerade das wurde ihr zum Verhängnis: Der zweite hob sein Gewehr und schoss, „Frau Minx Blut mischte sich mit der braunen Farbe…“

So schnell es konnte, lief das Mädchen davon. Erst Tage darauf traute es sich zusammen mit seinem Bruder wieder ins Dorf zurück. Denn dort gab es in den Vorratskammern der Geflüchteten Essen und Trinken im Überfluss. Deshalb blieben sie, wochenlang. „Wir konnten tun und lassen, was wir wollten.“ Auch Dinge, für die sie sich heute zutiefst schämt, erzählt Brigitte Schneider. „Wir haben die Spiegel im Gutshaus zerschlagen, im Haus des Schuldirektors Tintenfässer an die Wand geworfen und in der Kirche die Orgelpfeifen und die Glasfenster zerbrochen.“ Heute fragt sie sich, warum sie dazu fähig war. „Tod und Gewalt gehörten für uns zum Leben, waren scheinbar ganz normal“, versucht sie eine Erklärung.

Irgendwann in dieser wilden Zeit endete der Krieg, ohne dass die Kinder etwas davon mitbekamen. Dann kamen wieder Menschen ins Dorf, eine sowjetische und eine polnische Kommandantur wurden eingerichtet. Und eines Tages wurden die Geschwister zusammen mit anderen Kindern nach Koszalin gebracht. Von dort schickte man sie in einem Güterzug voller Flüchtlinge gen Westen. Läuse, Krätzemilben und vor allem der Hunger waren für die Kinder zu ständigen Begleitern geworden, als sie endlich in Schönberg den Zug verlassen durften. „Von dort wurden wir auf Leiterwagen nach Selmsdorf gebracht“, erinnert sich Brigitte Schröder. Auf dem Dorfplatz mussten sich die Kinder aufstellen. „Meine spätere Pflegemutter Therese Schmill hatte damals die anderen Frauen im Dorf aufgerufen, so viele Kinder wie möglich vorübergehend zu sich nach Hause mitzunehmen“, erinnert sich Brigitte Schneider. „Sie war in der Volkssolidarität aktiv, die die Losung ausgegeben hatte ,Rettet die Kinder‘“.

Ein Schlüsselerlebnis in Brigitte Schneiders Leben, die sich auch deshalb bis heute selbst in der Volkssolidarität engagiert. Im Hause der Schmills wurde sie aufgenommen wie eine leibliche Tochter – „obwohl sie selbst nicht viel hatten und nicht satt wurden“. Dort bekam sie, wie sie sagt, die Chance, die Wunden ihrer verletzten Kinderseele zu heilen. Selbst als ihr Vater, der wie die Brüder den Krieg überlebte, sie 1949/50 über das Deutsche Rote Kreuz ausfindig machte, blieb sie in Selmsdorf. Später wurde Brigitte Schneider Pionierleiterin und Lehrerin, bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben arbeitete sie in Rostock in der Lehrerbildung.

Heute – als sechsfache Oma und achtfache Uroma – erinnert sie sich voller Dankbarkeit an die Menschen, die ihr in den schweren Jahren nach Kriegsende halfen, obwohl sie selbst Not litten. „Traurig und wütend macht mich deshalb die Tatsache, dass es Menschen unter uns gibt, die angesichts der großen Flüchtlingsströme in unser relativ reiches Deutschland Hass gegenüber unschuldig in Not geratene schwache Menschen schüren.“ Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, gesät und gewachsen auf deutschem Boden, hätten in der Vergangenheit schon einmal Millionen Menschen das Leben gekostet. „Das darf sich nie mehr wiederholen“, sagt Brigitte Schneider – und sie weiß, wovon sie spricht.

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