Hundert Meter unter Wasser schweißen

<strong>Taucher Einar Flaa</strong> in Norwegen auf dem Spezialschiff 'Skandi Arctic'. Foto: dpad
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Taucher Einar Flaa in Norwegen auf dem Spezialschiff "Skandi Arctic". Foto: dpad

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13. Juni 2012, 02:28 Uhr

Haugesund | Heavy Metal dröhnt durch die 15 Meter hohe Werkshalle im Hafen des Städtchens Haugesund an der norwegischen Atlantikküste. Männer mit weißen Schutzhelmen stehen scherzend neben mannshohen roten Werkzeugkisten. Vor der Halle liegt das Arbeitsschiff "Skandi Arctic" vertäut, die letzten Vorbereitungen zur Fahrt in die Ostsee laufen.

Auf dem Kai direkt neben dem Schiff wartet ein sieben Meter hohes und 85 Tonnen schweres Stahlgerüst auf seine Verladung. Es sieht aus wie ein riesiges "H" und kann auf dem Meeresboden als hydraulische Hebevorrichtung zu Arbeiten an der Ostseepipeline benutzt werden.

Eine Unterwasser-Schweißstation wurde schon per Kran auf das Deck gehievt.

"Unsere Fahrt wird 47 Tage dauern", sagt Kapitän Nils Baadnes auf der vor blinkenden Lichtern und High-Tech strotzenden Brücke der "Skandi Arctic". Rund 150 Mann sind an Bord des 157 Meter langen Schiffs, das seit seinem Stapellauf vor drei Jahren auch schon an Pipelines und Bohrlöchern im Golf von Mexiko und vor der Küste Brasiliens zum Einsatz kam. Diesmal geht es vor die Küste Finnlands.

Sobald die "Skandi Arctic" den Kilometerpunkt 297 der 1.224 Kilometer langen Pipeline erreicht hat, sollen zwei sich hier treffende Teilstücke der Gasleitung miteinander verschweißt werden.

Ballons bringen Enden in die richtige Lage

Dazu werden drei der sogenannten "H-Frames" in 110 Meter Tiefe hinabgelassen. Mit den vom Schiff steuerbaren Greifvorrichtungen an ihren Mittelbalken können diese das auf dem Meeresgrund liegende Rohr anheben und dann einige Meter nach links oder rechts bewegen.

Dabei helfen Hebesäcke, die wie 4,5 Meter große Luftballons an der Leitung befestigt werden und bis zu 20 Tonnen Gewicht tragen können. Sobald sich die Enden exakt treffen, kommt die Schweißvorrichtung zum Einsatz. Taucher überwachen rund um die Uhr die vom Schiff gesteuerten Aktivitäten. Nach getaner Arbeit steht die gleiche Aufgabe vor der Küste der schwedischen Insel Gotland in 80 Metern Tiefe an.

"In Russland wird das Gas mit einem Druck von 220 Bar hineingepresst und kommt in Deutschland mit rund 177 Bar an", sagt Nicolas Rivet von Nord Stream. "Der Druckverlust sei auf der langen Strecke unvermeidbar", erklärt der Ingenieur. Aber dadurch sei es möglich, die Pipeline in drei Teilstücken mit unterschiedlicher Rohrstärke zu bauen und dadurch Stahl zu sparen. "Die Dicke der Rohre verringert sich von 35 Millimetern im ersten Abschnitt auf 31 Millimeter im zweiten Teilstück und auf 27 Millimeter im letzten Teil" erläutert Rivet. "Pro Pipeline sparen wir so fast 200 Millionen Euro Stahlkosten", rechnet er vor.

Gefährliche Arbeit in 100 Metern Wassertiefe

7,4 Milliarden Euro kostet das Projekt insgesamt. Während die erste Leitung bereits im November 2011 in Betrieb genommen wurde, soll auch durch die zweite Röhre ab Ende dieses Jahres in Sibirien gefördertes Gas von Russland nach Deutschland fließen.

Die Arbeit in 100 Metern Tiefe ist gefährlich und anstrengend. Es ist der Job von Taucher Einar Flaa und seinen Kollegen.

"Meistens ist es so dunkel da unten, dass man seinen Weg praktisch mit den Händen suchen muss", sagt der 44-jährige Norweger auf der Taucherstation im Bauch der "Skandi Arctic". Er zeigt kleine Schläuche im Taucheranzug, durch die warmes Wasser gepumpt werden kann, damit er in der Tiefe nicht auskühlt.

"Bei der Orientierung auf dem Meeresboden helfen die Lichter unserer Taucherglocke, indem sie auf die Stelle blinken, wo wir hintauchen sollen", sagt er.

In der Glocke ist der künstlich erzeugte Druck genauso hoch wie am Meeresboden, ebenso in den Kabinen der Taucherstation im Bauch der "Skandi Arctic", in denen zwölf Taucher leben.

Die einer Raumstation gleichenden, mit Luken verbundenen Kammern mit einem Durchmesser von 2,4 Meter sind so eng, dass man kaum aufrecht stehen kann. "Ich höre meine Kollegen immer atmen", sagt Flaa. Überall hängen Kameras, einige Crewmitglieder tun nichts anderes, als jeden Moment das Wohlergehen der Taucher zu überwachen.

14 Tage lang Leben im Überdruck

Damit die Taucher den Überdruck aushalten, wird der Atemluft Helium beigegeben. Seine Familie habe sich nach 15 Jahren daran gewöhnt, dass es kein Telefonstreich sei, wenn er ab und zu aus der Überdruckkabine zu Hause anrufe. "Unsere Stimmen klingen dann wie die von Donald Duck", sagt er.

"Der Überdruck hier hält uns am Leben", sagt Flaa. Nur so könne er mit seinen Kollegen 14 Tage am Stück in diesen Tiefen arbeiten, ohne dass ihnen die Taucherkrankheit gefährlich werde. "Deshalb müssen wir nach dem Einsatz auch noch mal vier Tage in die Dekompressionskammer".


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