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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 10:32 Uhr

Horst Henk, der Polizist von Hiddensee

vom

svz.de von
erstellt am 09.Aug.2012 | 09:54 Uhr

Hiddensee | Langsam tuckert die Fähre in den Hafen von Kloster auf Hiddensee. Auf der Backbordseite ist in der Ferne schon der berühmte Leuchtturm auf dem Dornbusch zu erkennen, an der Kaikante ducken sich ein paar, teils reetgedeckte Häuser. Sobald der Bootsmann die Festmacherleine an Land wirft, rollen Pferdefuhrwerke vor, um einen Teil der Passagiere zu ihren Hotels zu bringen. Die meisten Reisenden aber greifen einfach zum Drahtesel oder zu einem der typischen Handwagen, mit denen die Insulaner und ihre Gäste schon seit ewigen Zeiten Koffer, Kisten und Kartoffelsäcke heimwärts schleppen. Privater Autoverkehr ist hier nicht erlaubt. Handwerker, der Inselarzt, der Inselbus und Inselpolizist Horst Henk - nur sie fahren mit Dienstwagen über die Insel.

Seit sieben Jahren ist der Mann auf dem Eiland an Rügens Westflanke im Einsatz. In der vorpommerschen Stadt Grimmen war er zuvor Verkehrslehrer und Präventionsbeamter. Dann wurde er nach Hiddensee versetzt, um für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Seine erste Tat: Eine Fahrradkontrolle auf dem Deich. "Da sind die Leute ohne Licht gefahren, manchmal mit mehreren Personen auf einem Rad. Die Anhänger hatten viele nicht ordentlich mit der Hängerkupplung befestigt, sondern einfach in die Hand genommen." Henk schüttelt noch heute verständnislos den Kopf, wenn er zurückdenkt. Mit seinem Vorgehen gegen die Übeltäter allerdings machte er sich zunächst keine Freunde. 60 Hiddenseer fanden sich nach der Kontrolle zusammen, um gegen den neuen "Inselsheriff" zu protestieren. "Fahrradfahrer mit Licht nehmen uns die Sternensicht", so stand es auf ihren Transparenten. Weil eine ordentliche Demonstration auch polizeilich abgesichert werden muss und Henks einziger Kollege gerade in Urlaub war, musste er selbst diesen Job übernehmen. Heute winkt er gelassen ab: "Ich mach ja nur meine Arbeit. Inzwischen respektieren die Leute das auch."

Gerade erst ist der Polizeihauptkommissar im Hafen von Kloster aus dem Auto gestiegen, da klingelt sein Handy - Hausfriedensbruch in Neuendorf. Der Mann lässt kurz den Blick über Fähren und Fischerboote schweifen, dann steigt er wieder ein. Wenn man die knapp 17 Kilometer lange Insel Hiddensee aus der Luft betrachtet, dann sieht sie wie überdimensionales Seepferdchen aus. Kloster sitzt im Halsbereich des Tieres, Neuendorf am Übergang vom Bauch zum Schwanz. Nur eine kurze Strecke, möchte man meinen, aber die Höchstgeschwindigkeit beträgt 30 Stundenkilometer und das gilt auch für Horst Henk. In aller Ruhe steuert der Polizist seinen Dienstwagen durch den Hauptort Vitte und weite Heidelandschaften in Richtung Süden. Er grüßt die Menschen rechts und links des Weges, wirft ihnen hier und da noch einen Scherz durch das offene Fenster zu. Sein Credo: "Man muss miteinander reden, dann geht alles." Wenn kein Termin drängt oder wenn er ins Hochland will, zu den steilen, mit dem Auto nicht zugänglichen Kliffkanten des Dornbuschs, dann geht er lieber zu Fuß oder er fährt mit dem grünen Dienstrad.

Unfälle? Doch, die gäbe es auch. Immer mal wieder gehe ein Pferd mit dem Fuhrwerk durch, das sei besonders gefährlich. Und der Polizist gibt regelmäßig Verkehrsunterricht in der Inselschule. Die Arbeit in den kleinen Klassen mit höchstens zehn Schülern macht ihm Spaß. Nur eines ist nicht ganz einfach: Wie soll man Kindern, die auf einer fast autofreien Insel mit nur zwei Kreuzungen und nicht einer einzigen Ampel leben, die ganze Welt des Straßenverkehrs nahebringen? Horst Henk zuckt die Schultern. "Ich sag den Schülern immer, irgendwann seid Ihr auch mal auf einer anderen Insel unterwegs und da gibt es dann auch Verkehrszeichen."

In Neuendorf stehen die Häuser verstreut auf einer großen Wiese, beinahe so, als wären sie wie eine Handvoll Würfel zufällig dorthin gepurzelt. Trampelpfade ziehen sich durch das Grün und verraten die meistgegangenen Strecken im Ort. Horst Henk parkt sein Dienstauto vor einer kleinen Pension. Deren Eigentümer kommen ihm mit betretener Mine entgegen. Am Morgen, als sie eines ihrer Zimmer für die nächsten Gäste vorbereiten wollten, hätten sie das Bett zu ihrer Überraschung schon belegt vorgefunden. Henk verschwindet im Haus und vernimmt die fremde Frau, die versichert, sie wisse selber nicht, wie sie nach einem abendlichen Kneipenbummel dorthin geraten sei. Der Polizist nimmt alles zu Protokoll und atmet tief durch. "Ich sag den Leuten immer wieder, sie sollen ihre Türen abschließen."

Die Schliekers, die Sieblers, die Familien Gau, Schluck oder Thürke... Horst Henk kennt sie fast alle. Verschmitzt kommentiert er: "Zum Glück gibt es hier ja nur ganz wenige Nachnamen, die man sich merken muss. Die meisten sind ja doch miteinander verwandt und verschwägert." Seit der Ordnungshüter in das kleine Büro im Rathaus von Vitte kam, hat er sich gut eingelebt. Zunächst musste er sich daran gewöhnen, dass man die Insel bei Sturm und Frost nicht ohne Weiteres verlassen kann. Auch amüsierte er sich anfangs, dass es nötig ist, alle 14 Tage mit der Fähre nach Bergen zu fahren, um dort zu tanken oder das Büro-Laptop an den zentralen Polizeirechner anzudocken. Doch inzwischen winkt er fröhlich ab: "Es gibt ne Menge Papierkram zu erledigen, aber Mord und Totschlag haben wir hier zum Glück nicht." Die Versetzung auf das kleine, gemütliche Eiland jedenfalls bereut er bis heute nicht.

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