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Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 07:39 Uhr

Horst Einbaum, Geburtsdatum unbekannt

vom

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erstellt am 26.Jun.2013 | 12:20 Uhr

Schwerin | Der Patient heißt Horst. Horst Einbaum. So steht es oberhalb der Schichtaufnahme, die der Computertomograph (CT) gerade aufgenommen hat. Ein Geburtsdatum fehlt - aus gutem Grund.

Rund um den Computer hat sich eine Menschentraube versammelt, "so viele stehen hier sonst höchstens bei schwer geschädigten Unfallopfern, wenn Kollegen diverser Fachrichtungen mit hinzugezogen werden", erklärt Dr. Karsten Alfke, Chefarzt des Instituts für Radiologie und Neuroradiologie an den Schweriner Helios Kliniken.

Horst Einbaum allerdings hatte - vermutlich - keinen Unfall. Der Patient, der gestern Abend im CT untersucht wurde, ist ein ca. 1,50 m langes und gut 30 cm breites Stück Holz: entweder der Bug oder das Heck eines Bootes. "Gefunden wurde es im vergangenen Jahr bei Renaturierungsarbeiten am Altarm der Uecker unweit von Pasewalk ", so Dr. Jens-Peter Schmidt vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin. Auch ein ca. 60 cm langer Holzschlegel wurde damals nur wenige hundert Meter von dem Einbaum fragment entfernt geborgen. "Die spannende Frage ist nun, wie alt beide wohl sind", so Schmidt. Andere Funde aus der Uecker, das wisse man bereits, sind der Zeit zwischen 1200 vor und 1000 nach Christus zuzuordnen.

Zur Altersbestimmung der hölzernen Funde zog das Landesamt den Bauforscher Dr. Tilo Schöfbeck hinzu. Seit 1994 gehört die Dendrochronologie zu seinen Spezialgebieten: Die "Lehre vom Baumalter" ermöglicht über den Vergleich der Jahrringfolgen die zeitliche Zuordnung von Hölzern. "Dazu trennt man üblicherweise eine dünne Scheibe von dem zu untersuchenden Holz ab", so Schöfbeck, "oder man nimmt mit einem Kernbohrer eine Probe. Aber mir war es wichtig, die Fundstücke zu untersuchen, ohne sie zu zerstören." Dass dies im CT möglich ist, wusste der Bauforscher durch die Altersbestimmung mittelalterlicher Kunstwerke. Mit alten Hölzern dagegen hatte er es noch nicht ausprobiert.

Allerdings kannte Schöfbeck den jungen Schweriner Radiologen Dr. Rico Badenschier - weil ihre Kinder in denselben Kindergarten gehen. Badenschier war sofort Feuer und Flamme und überzeugte auch seinen Chef in den Helios Kliniken von dem ungewöhnlichen Projekt.

Gestern, am frühen Abend, war es so weit. Die hölzernen Funde, die normalerweise in einer Konservierungslösung lagern, wurden in Frischhaltefolie verpackt ins Klinikum gebracht. "So einen Patienten hatte ich in den 30 Jahren, in denen ich jetzt in dem Beruf arbeite, noch nicht", flachst die medizinisch-technische Assistentin Andrea Borck, die an diesem Abend Dienst hat und sich im "Normalfall" im Spätdienst um Schlaganfallpatienten, Unfallopfer und andere Schwerkranke kümmert.

Vor ihr auf dem Bildschirm ist klar der Querschnitt des Holzes mit seinen Jahrringen zu erkennen. Badenschier und Schöfbeck, die sich neben sie gesetzt haben, atmen auf. "Wir hatten zwar schon einen Probelauf gemacht, aber da war das Holz trocken", so der Bauforscher. "Jetzt, mit dem nassen Holz , hätte es auch schiefgehen können." Eine weitere Unwägbarkeit wäre der Wuchs des Holzes gewesen: "Viele Äste sind ein K.o.-Kriterium", erklärt Schöfbeck.

Doch alles läuft wie erhofft. Lediglich ein kleiner Streifen oben fehlt, Patient Horst Einbaum - den Namen hat ihm Dr. Badenschier verpasst - muss noch einmal umgebettet werden. "Wir brauchen mindestens 50 Jahresringe, um das Alter bestimmen zu können", erklärt Schöfbeck, und fügt hinzu: "Haben wir die Rinde, kennen wir sogar das Todesjahr des Baumes."

Im konkreten Fall allerdings wird er das Alter nicht selbst bestimmen. Die CT-Aufnahmen von Horst, dem Einbaum, werden nach Berlin in ein Speziallabor weitergeleitet. Dort stehen Vergleichsreihen von Jahrringen zur Verfügung, die zum Beispiel für Eichen - und daraus ist Horst wohl "geschnitzt" - 12 000 Jahre zurückreichen.

Ein Ergebnis erwartet das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege frühestens in der kommenden Woche. Erst danach wird darüber entschieden, was künftig aus Horst Einbaum und aus der Holzkeule wird.

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