Wissen : Honigvögelein und fliegende Nymphen

Gibt es irgendwo reichlich Nektar und Blütenstaub, teilen das die Bienen ihren Stockgenossinnen durch einen speziellen Tanz mit. Foto: dpa
1 von 2
Gibt es irgendwo reichlich Nektar und Blütenstaub, teilen das die Bienen ihren Stockgenossinnen durch einen speziellen Tanz mit. Foto: dpa

Seit Jahrtausenden faszinieren sie die Menschen: Bienen sind unsere kleinsten Nutztiere, können 750 Düfte unterscheiden, haben eine Landkarte im Kopf – viele Künstler haben sich von ihnen inspirieren lassen.

svz.de von
25. Mai 2012, 04:39 Uhr

Auf Blumen und Blüten summt es und brummt es. Jetzt zu Pfingsten fliegen sie wieder: die Bienen. Ihr Honig ist beliebt, ihr Fleiß legendär. Um ihren kleinen Honigmagen einmal zu füllen, muss so ein Tierchen 1500 Kleeblüten anfliegen. Für ein Glas Honig macht das vier bis sieben Millionen Blütenkelche. Und bis ein ganzes Kilo des goldenen Saftes zusammenkommt, legt die Arbeiterin eine Wegstrecke zurück, die das Dreieinhalbfache des Erd umfanges beträgt. Das ist nur ein Grund, warum dieses emsige, zur Ordnung der Hautflügler gehörende Insekt die Menschen seit Jahrtausenden fasziniert.

Ein anderer Grund ist natürlich der goldgelbe Honig. Bevor im 17. Jahrhundert das Zuckerrohr aus Übersee nach Europa kam, war Honig der einzige Süßstoff (Zuckerrüben wurden erst im 19. Jahrhundert kultiviert). Schon vor 12 000 Jahren sammelten unsere Vorfahren den Honig der wilden Bienen, wie Felsmalereien in Spanien belegen. Vor 7000 Jahren in der Jungsteinzeit begannen die Bewohner Zentralanatoliens, Bienenvölker zu halten. Die Kuh gibt Milch, die Imme Honig und Wachs. Sie ist so das kleinste Nutztier des Menschen. In der Antike galt sie als fliegende Apotheke. War Honig seiner antiseptischen Wirkung wegen doch lange Zeit auch ein vielseitig verwendetes Heilmittel.

Ein Pheromon, das nach reifen Bananen riecht

Der in Heidelberg lebende Ralph Dutli hat mit seinem Buch "Das Lied vom Honig" (Wallstein Verlag, 208 Seiten, 14,90) jetzt eine "Kulturgeschichte der Biene" geschrieben. Eine Hommage an die Honigbiene. Und es ist in der Tat erstaunlich, was dieses Insekt alles drauf hat und wie sehr es die Menschen beschäftigte. Mehr als 750 Düfte können Bienen unterscheiden. Sie haben eine Landkarte im Kopf, teilen die Futterquelle ihren Artgenossen durch einen Tanz mit, sind matriarchalisch und streng hierarchisch organisiert. Ihr Staat diente so manchem Denker als Vorbild für den der Menschen.

Anders als oft vermutet, sterben Bienen nicht, wenn sie ein anderes Insekt stechen, sondern nur, wenn sie ihren Giftstachel in elastische Haut wie die des Menschen versenken. Übrigens sondern sie dabei ein Pheromon aus, das nach reifen Bananen riecht. Damit alarmieren sie die anderen Bienen ihres Volkes vor der drohenden Gefahr. Deshalb sollte man besser nie auf die Idee kommen, in der Nähe eines Bienenkorbes eine Banane zu essen!

Ihren Stachel sollen sie dem griechischen Dichter Äsop (620-560 v. Chr.) nach von Zeus persönlich bekommen haben. Weil die Menschen ihnen immer den Honig klauten, fragten die Bienen den Göttervater, ob er ihnen nicht eine Waffe geben könne? Der fand das kleinlich und gab ihnen zur Strafe einen Stachel, der sie beim Stechen sterben ließ. Zeus selbst übrigens wurde als Kind von Milch und Honig ernährt, als er in einer Grotte auf Kreta vor seinem Vater Kronos versteckt wurde, der ihm nach dem Leben trachtete. Fliegende Nymphen sollen ihn gefüttert haben. Manche Philologen vermuten, damit sind Bienen gemeint.

Fast in allen Kulturen kommt den Bienen eine besondere Stellung zu. Die alten Ägypter glaubten, die Tiere seien aus den Tränen des Sonnengottes Re entstanden. Vielleicht haben die Priester ihnen sogar das Mumifizieren abgeschaut. Dringt nämlich eine Maus in einen Bienenstock ein, stechen die Wächterbienen diese tot. Weil sie den Kadaver nicht aus dem Stock schaffen können, schließen sie ihn mit Harz luftdicht ab, um die Infektion zu vermeiden. Auch die Mumien der Ägypter wurden an Mund, Ohren, Augen und Nase mit Wachs bestrichen. In Indien hingegen, wo die blaue Biene eine Inkarnation des hinduistischen Gottes Vishnu darstellt, schmiert man bei manchen Hochzeitsbräuchen Honig auf Mund, Stirn und Schamlippen der Braut: "Süß sollen sie sein, die Orte der Liebe."

Wilhelm Busch wollte Bienenzüchter werden

Keuscher ist da schon das Christentum. Dort verkörpern Bienen bis heute Fleiß, Tugend, Reinheit und Jungfräulichkeit. Weil die Arbeiterinnen im Staat sich nicht fortpflanzen, galten sie als grundanständig. Da der Hochzeitsflug der Königin sich in luftigen Höhen abspielt, konnten die Menschen ihn nicht beobachten. Im Mittelalter und in der Antike glaubten sie darum, es handle sich um eine jungfräulich-mysteriöse Art der Fortpflanzung - wie bei der ehrwürdigen Jungfrau Maria. "Sie kennen keine Männer, die Blume ist ihr Bräutigam", schrieb der Kirchenvater Augustinus (354-430), der selbst Imker war. Nicht nur er. Auch Vergil, Tolstoi und Wilhelm Busch, der als junger Mann sogar nach Brasilien auswandern wollte, um Bienenzüchter zu werden, hatten dieses Hobby.

Überhaupt herrscht unter vielen Kulturschaffenden rege Begeisterung für die Bienen. Schon Lucas Cranach verdiente in Wittenberg mit Bildern der "Venus mit Amor als Honigdieb" gutes Geld. Wohl eher weniger der Tierchen wegen, sondern weil sich die Menschen für nackte Tatsachen begeisterten. Waren unbekleidete Frauen damals auf Gemälden doch sonst eher die Seltenheit. Selbst Joseph Beuys huldigte 1977 mit seiner "Honigpumpe" den fleißigen Bienlein. Unter Literaten war die Faszination noch größer. Seneca (4 bis 65 n. Chr.) riet den Lesern, sie sollten das Gelesene wie die Bienen den Nektar sammeln und es wie diese "weiterverarbeiten". Im Barock besang Martin Opitz in seiner "Wabe voller Gedichte" die fleißigen "Honigvögelein". Und Waldemar Bonsels "Biene Maja", die vor 100 Jahren erschienen ist, wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt zum Welterfolg.

Rainer Maria Rilke nannte Dichter einmal die "Bienen des Unsichtbaren". Sein Kollege John Keats dagegen glaubte von sich eher, Blume als Biene zu sein: "Den Blumen gleich wollen wir unsere Blütenblätter öffnen, passiv und empfänglich sein, geduldig unter Apolls Auge blühen und der Weisungen der feinen Flügelwesen harren, die uns mit ihrem Besuch beglücken." Die Muse trägt demnach schon mal Hautflügel. Es ist schon entzückend: Ausgerechnet Künstler, diese nach Freiheit strebenden Individualisten, träumen vom Bienenwesen, diesem durch und durchorganisierten Sozialstaat, in dem jeder seine Aufgabe hat.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen