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Sanierungsarbeiten im Bützower Kirchturm : Holdes Weibsbild auf alten Balken

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"Ich wollte ihm eine Stelle zeigen, die für die Rekonstruktion einer früheren Sanierungsphase wichtig war", sagt Stephan Linde. Dabei seien er und Tilo Schöfbeck auf die Malereien am Glockenstuhl gestoßen.

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erstellt am 05.Mär.2012 | 12:10 Uhr

Bützow | Montagvormittag, Zimmersmannsleute sitzen während ihrer Frühstückspause auf Dackbalken, die für die Fertigstellung des Kirchturms verwendet werden. Derweil laufen Frauen und Mädchen über den Kirchplatz, um Dinge auf dem Markt zu besorgen. Angetan von dem bunten Treiben sowie den hübschen Frauen malt einer der Zimmersleute spontan ein Weibsbild auf die Balken - schließlich ist die Pause ja noch nicht vorbei.

So oder ähnlich könnte die Zeichnung zustande gekommen sein, die der Zimmerer Stephan Linde gemeinsam mit dem Bauforscher Tilo Schöfbeck bei den Sanierungsarbeiten des Kirchturms entdeckte. "Ich wollte ihm eine Stelle zeigen, die für die Rekonstruktion einer früheren Sanierungsphase wichtig war", sagt Stephan Linde. Dabei seien sie auf die Malereien an der Unterseite einer Schwelle des Glockenstuhls gestoßen. Für Tilo Schöfbeck sind diese Malereien eine kleine Sensation. Ihnen beiden sei schnell klar gewesen, dass es sich um mittelalterliche Zeichnungen handeln muss, so der Bauforscher. Die Begründung: Sie sind überkopf an der Unterseite einer Glockenstuhl-Schwelle angebracht, die nur 25 Zentimeter Freiraum zur nächsten Schwelle aufweist. Zudem wurden sie auch von eindeutig bauzeitlichen Ausnehmungen, sogenannten Verkämmungen, für die durchlaufenden Originalbalken durchschnitten. "Das bedeutet, dass die Zeichnungen entstanden, bevor das Holz verbaut wurde", erläutert Stephan Linde. Der Bauforscher geht davon aus, dass der Holzbalken im Laufe des Jahres 1457 verzimmert wurde. Die Dendrodaten, also die Datierung der Baumfällung beziehungsweise -verarbeitung, belegt, dass die Eiche für den Holzbalken im Winter 1456/57 gefällt wurde. "Die Balken, die auf dem Holzplatz vor der Kirche lagen, besaßen eine glattgebeilte Oberfläche, waren also schon schon vorbereitet, also auf die richtige Dimension für eine typische, breitgelagerte Schwelle gebracht", erklärt Tilo Schöfbeck. Aber eben noch nicht verbaut.

Weil die Zeichnung ziemlich einfach gehalten ist, geht der Bauforscher davon aus, dass Zimmerleute oder andere Laien die Balken bemalt haben. Allerdings kann Tilo Schöfbeck nicht genau sagen, was die Zeichnungen darstellen sollen. Bei eingehender Betrachtung des Balkens könne es sich um Männlein beziehungsweise Figuren mit einem Rock oder einer Kutte oder aber mit einfacher Kleidung handeln. "Sie haben einmal Trichterohren, und sind zur Linken überschnitten von einem zweiten Männlein", stellt Tilo Schöfbeck fest. Zur Rechten erkenne er so etwas wie ein Radkreuz, das an ein Weihekreuz erinnere, aber wiederum nicht geschlossen sei. Noch weiter links auf dem Balken befinde sich eine weitere Figur, eine letzte liege etwas versteckt unter Spinnweben und ist angeschnitten. Der Bützower Architekt, Hartmut Böhnke, ist über den Fund ebenso erfreut. "Er besitzt Seltenheitswert, weil er sich über die Jahre erhalten hat".


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