Leseraktion: Mein Lieblingsbuch : Hoffen auf Solidarität und Liebe

Albert Camus im Jahr 1957
Albert Camus im Jahr 1957

„Die Pest“: Albert Camus und der Kampf gegen das Absurde.

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26. Juni 2018, 12:00 Uhr

Mein Renault schnurrt die schmale Straße hinauf. Es geht ins Gebirge. Luberon heißt der Höhenzug im Süden Frankreichs. Über Wiesen schweben rote Mohnblüten. Zikaden zirpen. Der Himmel spannt seinen blauen Seidenschirm über das Land. Mein Ziel ist Lourmarin, Sehnsuchtsort meines literarischen Idols Albert Camus. Er hatte in dem Dorf mit tausend Seelen ein Haus. Ein gutes Jahr lebte er dort bis zu seinem frühen Tod 1960. Sein Welterfolg „Die Pest“, das Kultbuch des Existenzialismus, ist da schon längst erschienen. In Lourmarin verwirklichte Camus seinen Traum eines mediterranen Daseins, klar, einfach, lakonisch, im Licht des Südens.

An den Tag des Ausflugs nach Lourmarin erinnere ich mich noch genau. Aber ich weiß nicht mehr, wann ich „Die Pest“ zum ersten Mal gelesen habe. Vielleicht habe ich das Jahr vergessen, weil es gerade bei diesem Roman nicht wichtig ist. Denn Camus erzählt im nüchternen Ton einer Parabel die Geschichte von dem Arzt Bernard Rieux, der in der Stadt Oran am Mittelmeer einsam, aber unbeugsam seinen aussichtslosen Kampf gegen die tödliche Seuche kämpft.

Zeit spielt in Parabeln keine Rolle. Als Gleichnis gelten sie immer. Allerdings spielt der politische Hintergrund in dem 1947 erschienenen Roman mit. Die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen stößt seine Landsleute ebenso in Unwirklichkeit und Entfremdung wie die Figuren des Romans. „Aber als die Tore auf einmal geschlossen waren, merkten sie, dass sie alle, auch der Erzähler, in derselben Falle saßen und sich damit abfinden mussten“, heißt es.

Aufruf: Welches Buch ist Ihr bester Freund?

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Ich halte den Wagen an. Ich bin angekommen. Die Häuser von Lourmarin verschachteln sich mit ihren flachen Ziegeldächern wie auf einem kubistischen Gemälde zu einer Kaskade kantiger Formen. Überall stehen knorrige Olivenbäume. Zwischen ihnen leuchtet blau der Lavendel. Schlanke Zypressen schießen mit ihren geflammten Silhouetten empor zur Sonne. Albert Camus preist das Licht, feiert das mediterrane Leben als eigene Daseinsform. In diesem Licht steht auch alles, was er in seinem großen Roman erzählt. Klar und hart klingt die Sprache. Markant und gleichsam schattenlos stellt er die Charaktere wie die Geschichte vor seine Leser hin. Camus verwendet die Pest als Symbol für Besetzung und Exil, für Krieg und Totalitarismus. Aber vor allem sieht er die Seuche als Symbol für die moralische Gleichgültigkeit der Menschen, die von der Krankheit aus ihrer Lethargie gerissen und zu Entscheidungen gezwungen werden.

Camus appelliert an den einzelnen Menschen, vertraut auf dessen Fähigkeit, ein Schicksal zu wenden. Er hofft auf Solidarität und Liebe, nicht auf Ideologien. Heilsbotschaften aller Art weist er zurück. Genau deshalb wendet er sich auch von Jean-Paul Sartre, dem anderen Literaturstar jener Jahre ab. Camus lebt, was er schreibt. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Zigarette im Mundwinkel wirkt der junge Autor wie ein James Dean der Literatur, unangepasst, aufsässig. Ein Idol, ja. Und mit seinem durchdringenden Blick aus dunklen Augen ein Mann mit Charisma. Camus mag den Wirbel um seine Person nicht. In Lourmarin sucht der Literaturnobelpreisträger nach der Sprache für seinen neuen Roman. Nur wenige Monate bleiben bis zu jenem Autounfall, der am 4. Januar 1960 seinem Leben ein abruptes, ein absurdes Ende setzt.

Auf dem Friedhof von Lourmarin, seinem Sehnsuchtsort, ist Camus begraben. In dessen Mitte ragen Zypressen wie Wächter auf. An Camus’ schlichter Ruhestätte steht schon ein Ehepaar aus Belgien, Camus-Fans wie ich. „Albert Camus 1913 1960“. Mehr ist nicht auf dem rauen Stein zu lesen. Wozu auch? An Erlösung hat Camus nicht geglaubt. Die nie endende Reise zum Licht findet für ihn im Diesseits statt.

„Es gibt keine wirkliche Güte oder wahre Liebe ohne die größtmögliche Klarsichtigkeit.“ Es sind Sätze wie diese, die Albert Camus’ „Die Pest“ zu einem Roman fürs Leben machen.

Leseraktion

Ein Kapitän – ein Wal

Mit Freuden las ich in Ihrer Ausgabe vom 19. Juni den Artikel „Das Buch – ein Freund fürs Leben“. Wie wahr! Hier stelle ich Ihnen nun meinen Freund fürs Leben vor: „Moby Dick“ von Hermann Melville Ismail heuert auf einem Walfänger in Nantucket an. Sie kennen die Geschichte? Der Kapitän Ahab, von blinder Wut ob des weißen Wales Moby Dick geschüttelt, da dieser ihm sein Bein im Kampf genommen hat… Sie alle wissen, dass blinde Wut nichts einbringt, dass sie am Ende nur alles zerstört. Sie wissen, dass man irgendwann verzeihen muss und sie wissen, dass nur der Zusammenhalt und die Solidarität in schwierigen Situationen helfen. Halten auch wir in diesen nicht ganz so leichten Zeiten zusammen und lassen Empathie und Solidarität, Freundschaft und Hoffnung in uns wachsen…Und ich werde dieses Buch wieder lesen, immer und immer wieder. Martina Rössel, Rostock

Magische Gabe

Schon als ich dieses fantastische Buchcover von Erfolgsautorin Gesa Schwartz im Buchladen sah, den dazugehörigen Buchumschlag las, da war es um mich geschehen und ich wusste, dass „Scherben der Dunkelheit“ nicht nur mein Lieblingsbuch, sondern auch mit seinen 588 Seiten ein wahrer Seelentröster wird.

Schon alleine, als der mysteriöse Zauberer Rhasgar des geheimnisvollen „Dark Circus“ den atemlosen Satz „Nichts ist wie es scheint...“ der noch ahnungslosen 16-jährigen Anouk bei ihrer ersten Vorstellung tief zuraunte, packte es einen umso mehr. Kathrin Laabs, Hagenow

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