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Schriftdolmetscher tippen für Gehörlose : Hören mit den Augen

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Von Berufs wegen verleiht Sandra Kanschat ihre Ohren. Regelmäßig sitzt sie in norddeutschen Hochschulen und lauscht angestrengt wissenschaftlichen Vorträgen in Biologie, Kunst oder Mathematik.

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erstellt am 25.Sep.2013 | 11:21 Uhr

Schwerin | Von Berufs wegen verleiht Sandra Kanschat ihre Ohren. Regelmäßig sitzt sie in norddeutschen Hochschulen und lauscht angestrengt wissenschaftlichen Vorträgen in Biologie, Kunst oder Mathematik. Simultan tippt die Mecklenburger Schriftdolmetscherin für Gehörlose die Reden wortwörtlich mit Hilfe einer speziellen Stenografie-Tastatur blitzschnell in den Laptop. Eine Software wandelt die Short-Cut-Eingaben in lesbare Langschrift um und macht die Sprache fast in Echtzeit auf dem Monitor sichtbar. So kann auch ein tauber Student im Hörsaal die Vorlesung direkt verfolgen, wie die junge Frau erklärt.

In Deutschland leben laut dem Gehörlosen-Bund etwa 80 000 taube Menschen. 16 Millionen Bundesbürger gelten als schwerhörig. Gehörlose haben seit Anerkennung der Gebärdensprache im Sozialgesetzbuch 2001 das Recht, für öffentliche Belange bei Ausbildung, Studium und Arbeit, beim Arzt, Arbeitsamt, im Gericht oder in Behörden Dolmetscher zu beauftragen. Die Kosten übernehmen Krankenkassen, Arbeitgeber, Ämter oder Rentenversicherer.

Der Internationale Tag der Gehörlosen, 1951 vom Weltverband World Federation of Deaf (WFD) ins Leben gerufen, wird seit Mitte der 70er Jahre auch in Deutschland jeweils am letzten Sonntag im September begangen. Er macht auf die besondere Situation tauber Menschen aufmerksam und wirbt für die Gebärdensprache. Aktionen und Veranstaltungen gibt es in vielen Bundesländern.

Bundesweit arbeiten laut Gehörlosen-Bund nur rund 500 Gebärdensprachdolmetscher, sodass Betroffene oft wochenlang auf eine Kommunikationshilfe warten müssten. Sandra Kanschat, gelernte Kauffrau für Bürokommunikation, fand in ganz MV keinen Gebärdensprachkurs. So absolvierte sie eine zweijährige Ausbildung zur Schriftdolmetscherin, wie sie erzählt. Die Computer-Stenografie sei aus dem Amerikanischen übernommen worden und werde erst seit etwa zehn Jahren in Deutschland angeboten.

Mittlerweile arbeiteten vielleicht ein Dutzend deutsche Schnellschreiber als Simultanübersetzer für Gehörlose. Eine von ihnen ist Sandra Kanschat. Die 34-jährige zweifache Mutter gründete vor fünf Jahren in Groß Trebbow bei Schwerin ihren Dolmetscherservice "Mitschrift". Mit dem Steno-System schaffe sie bis zu 400 Silben in der Minute- das Drei- bis Vierfache dessen, was mit einer normalen Tastatur getippt werden könne, sagt sie.

Der Vorteil solch einer Simultan-Mitschrift: Komplizierte Sachverhalte oder Vorträge können - anders als mit Gebärdensprache - wortwörtlich übertragen und sofort mitgelesen werden sowie für späteres Nachlesen, Überarbeiten und Lernen gespeichert und ausgedruckt werden. Auch würden viele Betroffene, die erst als Erwachsene durch einen Unfall oder eine Krankheit ihr Gehör verloren haben, gar keine Gebärdensprache beherrschen, erklärt Kanschat.

Insgesamt drei selbstständige Übersetzerinnen sind für "Mitschrift" tätig. Die Computer-Stenografen stehen aber längst nicht nur Studenten als Hör-Hilfe bei. Auch auf politischen und kulturellen Veranstaltungen, Betriebsversammlungen großer Firmen, bei Gerichtsverhandlungen, Arztbesuchen und Behördengängen tippen die Stenotypisten jeden Redeschwall in Sprechgeschwindigkeit in den Laptop: So zaubern sie das gesprochene Wort als lesbaren Text auf Monitore oder Großleinwände.

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