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Kirchen in MV : Höllischer Stress im Auftrag des Herrn

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Von der Gebäudesanierung bis zur Beerdigung – Pastoren in Mecklenburg kümmern sich um fast alles

Die Pastorin Anke Güldner aus Klinken gleicht einer Musikerin auf Tournee. Um ihre Gottesdienste in den vielen Kirchen der Gemeinde abhalten zu können, braucht sie einen gut organisierten Tourplan. Sie betreut elf Kirchengebäude mit zehn Friedhöfen in 19 verschiedenen Ortschaften. Sie ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Die Pastoren im Land geraten an ihre Leistungsgrenzen.

Die evangelischen Gemeinden wuchsen in den letzten Jahren flächenmäßig enorm an. Im Jahr 2010 existierten im Kreis Mecklenburg 266 Kirchgemeinden. 2015 waren es noch 252. Das Vorgehen war immer gleich – je geringer die Mitgliederzahlen, desto mehr Gebiete legte die Kirche zusammen.

Pastorin Anke Güldner arbeitet zur Zeit in einer provisorischen Pfarrstelle in Garwitz. Ihr Hauptsitz in Klinken wird gerade renoviert. „Der Umbau ist so ein Beispiel. Ich spiele Bauherrin, obwohl ich vom Bauwesen nichts verstehe“, sagt sie.

Auch ihre elf Kirchen benötigen Heizungen, neue Leitungen oder müssen instand gehalten werden. Die Pastorin schreibt Anträge für Fördergelder, macht Abrechnungen, führt Kassenbuch und verwaltet einen finanziellen Haushalt. „80 Prozent meiner Arbeit hat nichts mit Seelsorge zu tun“, sagt sie.

Zwischen 2010 und 2015 verlor die Kirche in Mecklenburg fast 10 000 Mitglieder. Weniger Mitglieder bedeutete weniger Einnahmen. Der finanzielle Engpass zwang die Kirche, ihre Kreise zu erweitern, bis die Mitgliederzahlen wieder stimmten.

Der Rückgang veränderte die praktische Arbeit der Pastoren. Mehr Zeit für Verwaltung bedeutete weniger Zeit für die Seelsorge. Und weniger Mitglieder, weniger Kirchensteuer. Um diesen Teufelskreis zu stoppen, versuchen Pastoren wie Anke Güldner sich den schwierigen Bedingungen anzupassen. Getreu dem Motto: Wenn das Dorf nicht in die Kirche geht, kommt die Kirche zum Dorf. Besonders an Feiertagen gleicht sie einem reisenden Apostel. „Am Totensonntag versuche ich in jedem Ort, in dem jemand verstorben ist, einen Gedenkgottesdienst zu organisieren“, erzählte Güldner. Sie bietet sogar ein „Hausabendmahl“ für Gläubige an, die selbst nicht mehr mobil sind.

Für die Pfarrstellen in Mecklenburg gibt es beim Personal kaum noch Spielräume. Ist der Pastor krank, fiel die Gemeindearbeit oft komplett aus. „Wir haben zumindest vier Vertretungspfarrstellen eingerichtet, die im Krankheitsfall einspringen“, sagt Christian Meyer, Sprecher des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg. Doch mit Aushilfen ist den Gemeinden langfristig nicht geholfen.

Dies hieße „Strukturen hoffnungslos zu überdehnen und Haupt- und Ehrenamtliche zu überfordern“, sagt Bischof Andreas von Maltzahn. Trotzdem sollen gerade Ehrenamtliche noch mehr in die Kirchenarbeit eingebunden werden. Das sieht das neuste Konzept mit dem Namen „Erprobungsregion“ vor. Pilotprojekte gibt es in Ludwigslust-Dömitz und Mirow-Wesenberg. In den Erprobungsregionen übernehmen Ehrenamtliche sogar Leitungsfunktionen. Die Kirche erhofft sich mehr Freiraum für die Gemeindearbeit ihrer Pastoren. In Vorpommern beschloss die Kreissynode vergangenes Wochenende soagr eine Aufstockung ihrer Pfarrstellen. „Ich mache auch gerne neue Dinge, die ich nicht gelernt habe“, meint Pastorin Anke Güldner. „Aber dazu braucht es Zeit.“

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erstellt am 21.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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