zur Navigation springen

Geschichte : Hölle von Schwerin – vergessene Befreier

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tausende Kriegsgefangene verhungerten in Lagern – an ihr Schicksal erinnert heute so gut wie nichts mehr

von
erstellt am 07.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Der Rentner Christian Raettig lässt nicht locker. Er nimmt am 25. Januar 1961 allen Mut zusammen und meldet sich beim Staatssicherheitsdienst am Schweriner Demmlerplatz. Er habe Angaben zu einem Verbrechen zu machen, sagt der 75-Jährige zum Wachhabenden. Es gehe um den Mord an mehreren hundert Menschen. Er habe Kenntnis von Massengräbern am Rande der Stadt, mehrere hundert Meter südlich vom neuen Tierpark, am Grünen Tal. Ganz in der Nähe gab es zwischen 1940 und 1945 ein Kriegsgefangenenlager.

Der Alte erzählte weiter, dass er bereits 1954 bei der Volkspolizei eine Strafanzeige zu dem genannten Sachverhalt gestellt habe. Erfolglos. Im Dezember 1960 sei er dann schließlich zu den Genossen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft gegangen. Dort habe man ihm auf die Schulter geklopft und einen Kaffee angeboten. Dann sei er wieder gegangen.

Der Rentner Christian Raettig sollte Recht behalten. Die Stasi will den Fall aufklären, weil sie Kriegsverbrecher sucht, die im Westen untergetaucht und möglicherweise erpressbar sind. Bei der Öffnung der sieben Massengräber im März 1961 findet eine Kommission aus Gerichtsmedizinern und Historikern Berge von Skeletten und einige Erkennungsmarken, die Kriegsgefangenen gehörten. Im Abschlussbericht geht die Kommission von 450 bis 500 Toten aus. Etwa 300 Sowjetsoldaten waren getrennt von 200 Franzosen, Polen und Belgiern in den Gräbern gestapelt worden – ohne Respekt und Würde.

Raettig sagt am Ende der Vernehmung einen bemerkenswerten Satz: „Mir ist unverständlich, dass die Massengräber nicht schon 1945 als solche kenntlich gemacht und gepflegt wurden.“ Das Protokoll befindet sich heute im Schweriner Landeshauptarchiv.

Die Zahl der tatsächlich in den Kriegsgefangenenlagern um Schwerin Getöteten liegt vermutlich um ein Vielfaches höher. Nach Zeitzeugenberichten, die ebenfalls im Landeshauptarchiv aufbewahrt werden, ist von mehr als 1000 Opfern allein unter den sowjetischen Kriegsgefangenen auszugehen.

Bis heute ist allerdings wenig über die Kriegsgefangenenlager auf dem heutigen Gebiet von Mecklenburg-Vorpommern bekannt. „Es gibt kaum Quellen in den hiesigen Archiven, die Wehrmacht hat die Lager gut abgeschirmt“, berichtet Berndt Kasten, Leiter des Schweriner Stadtarchivs. Wenn jedes Jahr am 8. Mai im Nordosten der Befreier und der Opfer der Nazi-Diktatur gedacht wird, spielt das Schicksal der Kriegsgefangenen kaum eine Rolle. „Lücken in unserer Erinnerungskultur“ stellt Martin Klähn, pädagogischer Leiter im Verein „Politische Memoriale e. V. Mecklenburg-Vorpommern“ dazu fest.

Allein in und um Schwerin gab es etwa 15 000 Kriegsgefangene, davon 10 000 Franzosen und 4000 sowjetische Soldaten. Zeitzeugenberichte zeichnen ein erschütterndes Bild. Karl Heiden aus Serrahn bei Güstrow bewachte als Angehöriger des Landesschützen-Bataillons 276 das Außenlager Stern-Buchholz. Bei der Vernehmung durch die Stasi sagte er 1961: „Es war im Frühjahr 1943, als ein Transport Kriegsgefangener im Lager eintraf. Von etwa 400 sowjetischen Gefangenen waren in kurzer Zeit 300 dem grausigen Hungertod erlegen.“

Hermann Tempke, Gastwirt in Consrade bei Schwerin, wurde ebenfalls zur Bewachung der Gefangenen im Außenlager Stern-Buchholz eingeteilt. Er berichtet von einem „Transport mit 55 sowjetischen Soldaten“, die so ausgehungert waren, dass sie versuchten, sich bei ihrer Ankunft mit „Gras und rohen Pilzen zu ernähren“.

Im so genannten Russenlager Stern-Buchholz waren 400 bis 600 Angehörige der Roten Armee untergebracht, weil sie in der nahen Munitionsfabrik und in den verbunkerten Munitionslagern arbeiten sollten. Im Oktober 1942 war das Lager errichtet worden.

Täglich starben Gefangene, berichtet Tempke. Mitleid gab es nicht. Ein Polier Clausen von einer Plater Baufirma arbeitete 1943 im Lager Stern-Buchholz und wurde als Hilfswache eingeteilt. Er erlaubte sowjetischen Kriegsgefangenen, Schlingen zu legen, um Kaninchen zu fangen. „Clausen wurde dafür zu einem Jahr Gefängnis verurteilt“, erinnert sich Tempke.

Theoretisch garantierte die Genfer Konvention von 1929 den Schutz aller Kriegsgefangenen. Demnach sollten die Internierten genug zu essen bekommen und human behandelt werden. Die Sowjetunion unterschrieb die Konvention nicht, was Deutschland zur Begründung für die unmenschliche Behandlung der sowjetischen Gefangenen zum Anlass nahm. Der wahre Grund lag allerdings im Rassenwahn der Nazis – für sie waren die Soldaten der Roten Armee nicht lebenswerte „bolschewistische Untermenschen“. Von den 5,5 Millionen sowjetischen Gefangenen in deutscher Hand starben 3,5 Millionen. Umgekehrt ging es vielen deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischen Lagern kaum besser. Zwischen 1941 und 1945 gerieten 3,15 Millionen Soldaten der Wehrmacht in Kriegsgefangenschaft der Roten Armee. 1,11 Millionen von ihnen kamen um.

Das Schweriner Hauptlager Stalag II e befand sich am Rande des heutigen Stadtteils Großer Dreesch zwischen Crivitzer Chaussee und Grünem Tal und war bereits im November 1940 für etwa 400 französische, belgische und serbische Kriegsgefangene auf dem 2400 Quadratmeter großen und eingezäunten Gelände eines ehemaligen Munitionsdepots eingerichtet worden. „Die sieben Baracken waren in schlechtem Zustand “, sagt 1961 Förster Paul Schümann, der Heizer im Lager war. Die Gefangenen wurden dort registriert, verpflegt und in Arbeitskommandos für Landwirtschaft, Betriebe oder Stadtreinigung eingeteilt und in Außenlager gebracht.

1942 wurde das Stalag II e um ein Russenlager für 600 bis 800 sowjetische Gefangene direkt neben dem Grünen Tal erweitert. Auch hier war der Tod zu Hause. „Weihnachten 1944 brach im Lager Flecktyphus aus, viele starben“, berichtet der Heizer Schümann.

Moskau hatte die eigenen Soldaten in deutscher Gefangenschaft auch lange nach der Befreiung 1945 nicht geehrt. Unter ihnen vermutete die stalinsche Führung Feiglinge, Verräter, Kollaborateure und Spione. Auch die ostdeutschen Behörden taten in den Jahren nach dem Krieg nichts, um die Erinnerung an das Schicksal der Befreier hinterm Stacheldraht zu bewahren.

Es ist der Hartnäckigkeit des Rentners Christian Raettig zu verdanken, dass seit den 70er-Jahren im Schweriner Grünen Tal ein Denkmal steht. In Stern-Buchholz, wo später NVA und Bundeswehr stationiert waren, erinnert nichts an die Gefangen.

Neue Funde in russischen Archiven geben allerdings Hinweise, dass in Stern-Buchholz unbekannte Massengräber existieren. Nach Kriegsende waren umfangreiche Unterlagen der Wehrmachtsverwaltung mit Karteien und Listen über registrierte Kriegsgefangene ins Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums in der südlich von Moskau gelegenen Stadt Podolsk gelangt. Das Material ist inzwischen für Forschungszwecke zugänglich. Aus diesem Archiv stammen Listen, mit Namen und anderen Angaben sowie Fotos zu 243 sowjetischen Soldaten, die 1942 in Schwerin zu Tode kamen. Die Listen wurden von einem russischen Traditionsverein im Internet veröffentlicht. Als Begräbnisort hatte die Wehrmacht auf den Dokumenten ausdrücklich Stern-Buchholz angegeben. Dort ist aber heute nichts über einen Friedhof oder ein Gräberfeld bekannt.

In der Landesgeschäftsstelle des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. hatte man bislang keine Kenntnis von unbekannten Massengräbern südlich von Schwerin. Landesgeschäftsführer Karsten Richter zuckt nur mit den Schultern: „Wo sollen wir heute noch suchen, nach mehr als 70 Jahren?“

 

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen