Diskussion : Hitler im Unterricht?

In den Räumen vom Institut für Zeitgeschichte in München sind Ausgaben von „Mein Kampf“ ausgelegt.
In den Räumen vom Institut für Zeitgeschichte in München sind Ausgaben von „Mein Kampf“ ausgelegt.

Die Politik erwägt die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ in den Schulen zu verwenden. Doch dort ist man noch nicht vorbereitet

svz.de von
07. Januar 2016, 12:00 Uhr

70 Jahre war es tabu – das Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Nun könnte es schon bald in Mecklenburg-Vorpommern zur Schullektüre werden. Das schlägt zumindest Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) vor (wir berichteten am 30. Dezember) und erntet dafür in den Landtagsfraktionen viel Zustimmung. Die Schulen im Land fühlen sich hingegen nicht vorbereitet.

„Seitdem es das Internet gibt, können wir gar nicht mehr entscheiden, ob junge Menschen Hitlers ‚Mein Kampf‘ lesen oder nicht“, sagte Brodkorb in unserer Zeitung. Google liefere nach 0,27 Sekunden viele Links, unter denen das Buch kostenfrei heruntergeladen werden könne. „Wir können uns also nur entscheiden, ob wir Kinder und Jugendliche das Buch alleine lesen lassen oder ob wir sie in der Schule dabei begleiten und das Buch gemeinsam mit ihnen kritisch reflektieren.“

Da dieses Machwerk eines Irren ja durch das Internet sowieso verfügbar ist, halte ich es für sinnvoll, das Thema in der Schule zu behandeln.

CARSTEN WAßMANN, 41

Industriemechaniker, Suckow

Es ist doch  egal, ob sie das Buch als kommentierte Ausgabe in den Unterricht bringen, denn es ist eh im Internet frei zu bekommen.

FALKO RENNER, 22

Student aus  Rostock

Das Buch sollte im Unterricht behandelt werden. Die Schüler müssen begreifen, was Hitler für Ansichten hatte, um aus der Geschichte zu lernen.

TORSTEN LANGBERG, 52

Rostock

Morgen stellt das Institut für Zeitgeschichte eine kommentierte Neuauflage von „Mein Kampf“ in München vor. Das Buch soll etwa 2000 Seiten haben und 59 Euro kosten. Schon deshalb sieht auch Helmut Holter, Fraktionschef der Linken, eine Einbindung des Buchs in den Schulplan als richtig an. „Es ist jetzt öffentlich zugänglich. Da ist es richtig, junge Leute zielorientiert und aufklärend heranzuführen.“ Ansonsten könnten sich die Schüler ein falsches Bild machen, das sich vielleicht unkommentiert in den Köpfen festhake.

Gerade junge Menschen haben noch keine richtige Meinung zu dem schwierigen Thema. Die Idee mit der schulischen Aufarbeitung ist richtig.

ELISABETH BEESE, 18

Schwerin

Das Buch gehört verboten. Die Veröffentlichung schüttet Wasser auf die Mühlen der Neonazis. Meine ganze Familie ist der Meinung.

JUTTA LANGE, 70

Rostock

Irgendwie kommt man eh an das Buch heran, wenn man denn möchte. Aufklärung statt Totschweigen ist für mich hier die Maßgabe.

DAVID PUSCH, 27

Azubi Bützow

Es sei verständlich, dass das Buch im Nachkriegsdeutschland verboten war, um die junge Demokratie zu schützen, meint Marc Reinhard von der CDU-Landtagsfraktion, doch „die Behandlung religiöser und auch politischer Propaganda im Unterricht ist doch viel besser, als das schwerverständliche Buch unkommentiert stehen zu lassen“, sagte er auf Nachfrage unserer Redaktion. Eine kommentierte Taschenbuchausgabe von „Mein Kampf“ für den Schulunterricht in Mecklenburg-Vorpommern zur Verfügung zu stellen, hält auch Andreas Butzki, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, für richtig: „Das ist pädagogisch sinnvoller, als wenn Schülerinnen und Schüler ohne Begleitmaterialien mit der Hetzschrift konfrontiert werden.“ Einigkeit unter den Fraktionen – nur die Grünen wollten sich zu dem Vorschlag Brodkorbs vorerst nicht äußern.


Schulen sind auf „Mein Kampf“ nicht vorbereitet


Uneinigkeit herrscht unter den Schulen. Kurz vor der Veröffentlichung von „Mein Kampf“ haben sich viele Schulen in Mecklenburg-Vorpommern noch nicht damit beschäftigt, wie und ob überhaupt mit der Propaganda-Lektüre im Unterricht umgegangen werden soll. Das ergab eine telefonische Umfrage unserer Zeitung. Viele Einrichtungen fühlten sich überrollt. Auf eventuelle Fragen von Schülern müssten schlichtweg die entsprechenden Lehrer Antworten finden, hieß es mehrfach. Reinhard Maas, Schulleiter des Goethe-Gymnasiums in Schwerin bringt es auf den Punkt: „Das Buch war bis jetzt noch kein Thema an unserer Schule und wir sind darauf auch noch gar nicht vorbereitet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es im Unterricht behandelt wird. Höchstens Auszüge, um im Geschichtsunterricht zum 2. Weltkrieg Bezüge herzustellen.“

Als Historiker bin ich dafür, dass das Thema in Schulen behandelt wird. Denn die Angst vor der Sache trägt nur zum Mysterium bei.

ROBERT THIES, 26

Geschichts-Student, Rostock

Meiner Meinung nach ist es wichtig, Jugendlichen die Geschichte zu erklären. Ich halte das Thema ab den Klassen 9 und 10 für sinnvoll.

ULRICH LÜBEN, 70

Panstorf

Wir haben den Zweiten Weltkrieg erlebt. ,Mein Kampf’ sollte nur unter pädagogischer Anleitung reflektiert werden.

HANNELORE STERNBERG, 77

Rostock

Der Schulleiter Dietmar Kittner vom Albert-Einstein-Gymnasium in Neubrandenburg ist ebenfalls kein großer Befürworter von Brodkorbs Vorschlag: „Ich denke, das Buch wird überbewertet. Es ist mehr Mythos, als dass es irgendetwas erklärt. In der zehnten bis zwölften Klasse wird sich intensiv mit der deutschen Geschichte auseinander gesetzt. Da ist das Thema nur ein kleiner Bestandteil. Es sollte nicht zu hoch gespielt werden.“

Das Buch gehört zur deutschen Geschichte. Ich  finde einen angemessenen Umgang mit dem Thema wichtig. Nicht in der Grundschule, aber später.

FRANKISKA WENDT, 28

Fachangestellte, Rostock

Besonders Jugendlichen muss die Geschichte immer wieder in die Erinnerung gerufen werden. Ich finde den Ansatz daher richtig.

TOBIAS BARTEL, 28

Schwerin

Das Buch ist Blödsinn, die Auseinandersetzung damit richtig. Allerdings sehe ich eine gewisse Gefahr, dass Schüler Hitlers Werk als ,richtig‘ ansehen.

ROBERT SCHUMME, 28

Schwerin

Andere Schulen befürworten zwar eine Thematisierung von „Mein Kampf“ im Unterricht, weisen aber gleichzeitig auf die hohe Verantwortung hin. Voraussetzung sei, dass es an den Schulen auch gute Geschichtslehrer gebe, die die Ausgabe kommentieren und auf demokratischer Basis diskutieren könnten, meint Karsten Hill, Schulleiter der Regionalen Schule Zehna. „Gerade angesichts des aktuellen Geschehens am rechten Rand der Gesellschaft kann eine solche Auseinandersetzung mit rechtsextremistischem Gedankengut sehr hilfreich sein. Es gibt so viel Müll, mit dem die Schüler ohnehin konfrontiert sind, dass so eine klar geführte Debatte auch für Klarheit in den Köpfen sorgt.“

Das Thema ist nicht einfach. Ich finde, man sollte den Massenmördern wie Adolf Hitler damit jetzt nicht noch eine Plattform geben.

KONRAD MARCKWARDT, 27

Pflegehelfer, Neustrelitz

Das Buch ist ein Teil unserer Geschichte. Auch wenn es nicht den schönsten Teil unserer Geschichte betrifft, muss man darüber reden.

SILVIA ROESNER, 44

Rostock

Das Buch gehört auf jeden Fall in den Unterricht, damit man einen kritischen Blick darauf bekommt und  Lügen enttarnen kann.

ANNEMARIE LANGE, 24

Studentin aus Rostock

Auch Thilo Kreimer, Schulleiter des Schulzentrums „Felix Stillfried“ in Stralendorf bei Schwerin fordert ein entsprechendes Rahmenprogramm. „Wenn solch ein Thema im Unterricht vernünftig vorbereitet und nachbereitet, sprich aufgearbeitet wird, ist es sicherlich sinnvoll. Dazu muss es jedoch auch einheitlich im Kernkolloquium der Schüler eingebunden sein und vorher besprochen werden.“

Mit dem Vorschlag einer wissenschaftlich kommentierten Taschenbuchausgabe von „Mein Kampf“ für den Schulunterricht steht Bildungsminister Matthias Brodkorb unterdessen bundesweit nicht alleine da. Auch in Bayern, Berlin und Rheinland-Pfalz wird derzeit diskutiert, das Buch von Hitler im Schulunterricht einzusetzen.


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