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Instrumente made in Mecklenburg : Himmel voller Geigen

vom
Aus der Onlineredaktion

Schweizer baut in Herrnburg historische Instrumente neu. Inzwischen ordern Künstler aus aller Welt Geigen aus MV

Dem Holz lebendige Töne entlocken – diesen Traum lebt der Schweizer Instrumentenmacher Bernhard Ritschard seit 2013 in Herrnburg in Nordwestmecklenburg vor den Toren Lübecks. In seiner Werkstatt im früheren Pfarrhaus fertigt der 44-Jährige historische Geigen und Bögen neu an. Der Virtuose im Violinenbau orientiert sich an der Kunst alter italienischer Meister wie Nicola Amati (1596-1684), dessen Schüler Antonio Stradivari (1644-1737) oder Giuseppe Guarneri del Gesù (1698-1744).

Seine Vorbilder hatten ihre Werkstätten am Flussufer des Po in der alten norditalienischen Geigenbauerstadt Cremona, wie Ritschard erzählt. Dort lernte er seinen Beruf.

„Eine Schule fürs Leben“, sagt der Wahl-Mecklenburger. Seit der Kindheit spiele er Kontrabass, als Jugendlicher habe er sich Instrumente selbst gebaut. In Italien erwarb er das Handwerk. Mit seiner ersten Barockgeige ging er 2003 auf Reisen durch Südeuropa und erfuhr viel Zustimmung. Inzwischen zählen Profimusiker aus Europa und Asien zu seinen Kunden.

Ritschard fühlt sich dem Jazz zugetan und spielt in einer Bigband. Er liebe das freie Improvisieren, so wie es zu Zeiten von Johann Sebastian Bach (1685-1750) üblich war. „Diese Lebendigkeit der Musik im Barock fasziniert mich.“ Mit modernen Streichinstrumenten sei solche Leichtigkeit nur schwer zu erzielen. Das habe ihn inspiriert, alte Instrumente neu herzustellen. Bis zu drei Neubauten schaffe er im Jahr, dazu 20, 30 Bögen. Der Bedarf sei da, es gebe immer mehr Ensembles, die Barockmusik spielen. Für die Musikhochschule Lübeck baute er 2013 eine Violone, den barocken Vorläufer des Kontrabasses.

Allerdings sei das Kopieren historischer Geigen und Bässe alles andere als einfach. Die alten Meister hätten nichts schriftlich hinterlassen und ihre Methoden mit ins Grab genommen. Von diesem Manko kann auch Dorte Weishaupt-Moinian, Geigenbauerin bei Schwerin, ein Lied singen. Die Instrumentenbauer früher hätten dem Zunftzwang unterlegen, ihre Techniken kaum weitergegeben, erklärt sie.

Sie gründete 1998 die Initiative „Klanggestalten“ mit, in der 20 europäische Geigen- und Bogenbauer gemeinsam an ihrem Handwerk feilen. Teamgeist ersetze die Geheimniskrämerei früherer Jahrhunderte, sagt die Meisterin.

Nach Ansicht von Experten wächst der Bedarf an neuen Geigen weltweit. Viele Solisten spielen sie, um die nur noch wenigen historischen zu schonen. „Die Qualität einer Stradivari ist im modernen Instrumentenbau erreichbar“, meint Weishaupt-Moinian.

„Neue Geigen sind kein Qualitätsrisiko mehr, sie haben deutlich aufgeholt“, sagt auch Susanne Conradi aus München, die die Arbeitsgruppe Neubau beim Verband deutscher Geigenbauer und Bogenmacher betreut. „Der Geigenbau heute ist so weit, weil Austausch stattfindet und nicht jeder seine Geheimnisse für sich behält“, sagt Bernhard Ritschard.

Dennoch schwört der Herrnburger auf die Kunst der Baumeister des Barock. „Ich will eine Lanze für die alten Handwerkstraditionen brechen, die aufwändiger aber oft qualitativ besser sind als moderne Techniken.“ Das betrifft die verwendeten „Tonhölzer“ – Fichte, Bergahorn und tropisches Schlangenholz für die Bögen – ebenso wie den Lack. Den bereite er selbst zu aus natürlichen Harzen, Ölen und Farbpigmenten. „Historisch korrekt, so will ich es haben.“

Tiefgründige Recherchen gehen Ritschards Instrumentenbau voraus, denn für barocke Violinen, Violoncelli oder die großen Violonen gibt es keine Produktionspläne. Er stütze sich auf Gemälde wie die detailreichen Stillleben mit Musikinstrumenten des italienischen Malers Evaristo Baschenis (1617-1677). Eine Fundgrube an Bauanleitungen sei das 2014 erschienene Buch „The Girolamo Amati Viola in the Galleria Estense. Treasures of Italian Violin Making.“ Es enthält Mikro-Computertomographien, dreidimensionale Röntgenaufnahmen, die ein 400 Jahre altes Instrument Schicht für Schicht darstellen.

Grit Büttner

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