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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 19:47 Uhr

Nach Tornado in Bützow : Hilfe kommt von oben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwei Tage nach dem Tornado ist Bützow voller Hilfskräfte. Dachdecker Denny Bryx ist einer von ihnen

Mittagszeit in der Kleinstadt Bützow. Wo man auch hinschaut, schwarzgekleidete Handwerker und Dachdecker, die zum Marktplatz pilgern, um sich eine wohlverdiente warme Mahlzeit zu holen. Einer ihrer jungen Kollegen jedoch steht nach wie vor hoch oben auf dem Dach in der Langestraße 46 und versucht zu retten, was zu retten ist. Denny Bryx ist einer der vielen freiwilligen Helfer vor Ort und nimmt seine selbst gestellte Aufgabe sehr ernst.

Erst vor kurzem ist der 27-Jährige nach Wolken, einen Nachbarort Bützows, gezogen. Von dem schweren Unwetter blieb er dort verschont. Doch das er helfen wollte, beschloss er schon in der Nacht des Unwetters. „Ich habe sofort nach dem Tornado angefangen, zwei Autos mit Material zu beladen. Am nächsten Morgen sind wir dann um 5 Uhr aufgestanden und von 7 bis 20 Uhr in Bützow tätig gewesen“, erklärt er. Mit ihm kam beispielsweise auch sein Vater.

Dachdeckermeister Olaf Bryx ist gebürtiger Krakower, war aber viele Jahre mit seinem Betrieb im Seegebiet Mansfelderland in Sachsen-Anhalt ansässig. Erst in diesem Jahr verschlug es ihn zurück in seine mecklenburgische Heimat. Im Vergleich zu früher habe sich die Firma eher verkleinert, aber das vor allem, weil man jetzt „mehr auf Qualität statt auf Quantität setzen“ wolle. Und an Qualitäten mangelt es dem Vater-Sohn-Gespann nicht. Zur Unterstützung für die Bützower brachten sie sogar noch acht Helfer aus einem ihrer Subunternehmen mit. Steuerten also insgesamt zehn Arbeitskräfte bei.

Aber alle Dächer umgehend wieder herrichten könne man nicht, so Bryx Junior. „Die Häuser hier sind allgemein recht marode. Und auch viele der Dachsteine gehen oft schon durch das Abnehmen allein kaputt. Wir nehmen vorerst nur eine Not-Abdichtung vor.“ Und diese werde, so die Erfahrung des Dachdeckermeisters, wohl noch etwas länger bestehen bleiben. „Es zieht sich manchmal über Jahre, bis mit den Versicherungen alles geklärt und das Stadtbild wieder hergestellt ist.“ Er bedauert, dass man eine so schöne Stadt nicht sofort wieder in ihren alten Zustand zurückversetzen könne. Aber es ginge schließlich erst einmal darum, etwas Normalität herzustellen und den Menschen zu helfen, in den Alltag zurückzufinden. „Ein heiles Dach hilft schon.“

Viel Zeit zum Reden hat der junge Dachdecker, der seit acht Jahren im Beruf tätig ist, nicht. „Ich will eigentlich gleich wieder rauf aufs Dach“, sagt er. Dass er mit all seine Kraft hilft, ist für ihn selbstverständlich. „So viel Courage muss es in der Bevölkerung einfach geben. Wer Zeit hat, mit anzupacken, sollte nicht lange überlegen.“ Diese Einstellung kommt vor allem den vielen Hausbesitzern zugute, die noch nicht im Trockenen sitzen.

So auch Jens Neun. Der 47-Jährige wohnt in dem Haus, dessen Dach Denny Bryx gerade sichert. „Die Frau von Bryx Senior lief am Mittwoch die Straße entlang und bot Hilfe an“, erinnert er sich. „Das Beste ist, er ist auch Sachverständiger, also bekommen wir alles aus einer Hand“, freut sich Jens Neun. Wie hoch der Gesamtschaden bei ihm ist, weiß er noch nicht. „Sicher mehr als 10  000 Euro“, schätzt er. Aber es gehe vorerst sowieso nur um Schadensbegrenzung. Um die Kosten wolle er sich erst später Gedanken machen. Vor seinem Haus, das er seit 1995 bewohnt, steht er den halben Tag „Wache“. Denn immer wieder würden Menschen zu nah daran vorbei gehen und Gefahr laufen, von den herunterfallenden Dachziegel-Resten getroffen zu werden. „Die Leute laufen alle blindlings drauf los“, fasst der 47-Jährige seine bisherigen Eindrücke zusammen.

Dachdeckermeister Denny Bryx ist inzwischen dabei, neues Material zum Abdecken aufs Dach zu hieven – Ein Drittel der vorgepackten Ladung hat er bereits verbraucht, „für heute wird es aber noch reichen“, sagt er. Nur ein Haus weiter schwebt die Drehleiter der hiesigen Feuerwehr in der Luft, um letzte lose Teile vom Dach zu holen, bevor sie herunterstürzen können. Berufs- und Freiwillige Feuerwehren aus der ganzen Region, so z.B. aus Bützow, Güstrow, Rostock und Zernin sind dafür vor Ort im Einsatz. Ziel ist es, bis zum Abend um 18 Uhr die Langestraße, die durch die Bützower Innenstadt führt, zu sichern. Und selbst wenn es in dieser Zeit nicht machbar sein sollte, haben alle Beteiligten, Denny Bryx eingeschlossen vor, so lange zu bleiben, wie es dauert. Denn Zeit spielt beim Helfen keine Rolle. 
 

Weitere Artikel über die Unwetterschäden im Land finden Sie auf unserer Dossierseite zu dem Thema: www.svz.de/tornado

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