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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 16:46 Uhr

Hilfe beim Neustart mit leeren Händen

vom

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erstellt am 01.Nov.2013 | 09:54 Uhr

Schwerin | Ob die ersten syrischen Flüchtlinge, die in Mecklenburg-Vorpommern ankamen, oder die Familie des afghanischen Bundeswehrdolmetschers, der vor den Taliban fliehen und in Deutschland politisches Asyl beantragen musste - Anett Kropp war und ist für sie die erste Ansprechpartnerin in der neuen Heimat. Seit Oktober 1991 arbeitet sie als Migrationsberaterin bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Schwerin. Die Sozialpädagogin ist derzeit Fachausschussvorsitzende Migration der LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in MV sowie Landeskoordinatorin des Fachbereichs Migration der AWO.

"2012 haben allein wir hier in Schwerin Menschen aus mehr als 50 Nationen beraten", erzählt sie. Das sei oft nicht einfach, nicht selten müssten gleich mehrere Dolmetscher eingeschaltet werden, um Zuwanderer, die einen besonders seltenen Dialekt sprechen, erreichen zu können. "Da übersetzt eine unserer Kolleginnen zum Beispiel ins Arabische, und eine Migrantin, die diese Sprache versteht, übersetzt dann für ihre Landsleute in eine bestimmte Stammessprache", erklärt Anett Kropp.

Mindestens ebenso problematisch gestalten sich für Zuwanderer oft die ersten Tage in der neuen Heimat: "Sie kommen ja ohne Geld hier an - den Termin beim Jobcenter, wo sie sich registrieren lassen müssen, um eine erste Abschlagszahlung zu bekommen, können wir normalerweise aber erst am Folgetag organisieren. Nur: Wovon sollen die Leute so lange leben?" Zwar sei die Tafel ein verlässlicher Partner, doch könne man gerade bei größeren Familien nicht davon ausgehen, dass sie alles da hat, was für eine Grundausstattung gebraucht wird. Nicht selten würden sie und ihre Kollegin den ersten Einkauf dann aus der eigenen Tasche bestreiten, gesteht Anett Kropp.

Überhaupt sei Einkaufen hier für Zuwanderer eine ganz neue Erfahrung: "Viele Produkte und vor allem viele Lebensmittel kennen sie ja gar nicht. Beschriftungen sind für sie unverständlich - und die Preise in der neuen Währung auch". Dazu kämen, abhängig von der jeweiligen Region, Speisevorschriften, die einzuhalten sind - auf die aber gerade hier in Mecklenburg-Vorpommern mit seinem geringen Ausländeranteil kaum jemand eingestellt ist. "Aber mit den Jahren weiß man, dass zum Beispiel einige Produkte von Wiesenhof-Geflügel ,halal" geschlachtet sind und also von Moslems gegessen werden dürfen", so die Beraterin.

"Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, haben hier nicht wie wir eigentlich alle Verwandte, auf deren Hilfe sie zurückgreifen können", betont Anett Kropp. Wer als Deutscher eine erste eigene Wohnung bezieht, bekommt immer von irgendwem irgendetwas - ein bisschen Geschirr, ein Möbelstück, die alte Waschmaschine. Sein Bettzeug nimmt er mit, und meist auch noch Mutters Reserven aus dem Küchenschrank." Wer aus Afghanistan oder Syrien flüchten musste, steht dagegen mit leeren Händen da. "Da ist es schon eine tolle Sache, dass für die Familie des afghanischen Dolmetschers nach der Veröffentlichung in Ihrer Zeitung so viele Hilfsangebote zusammen kamen", betont Anett Kropp. Das Gros der Flüchtlinge hätte da viel schlechtere Startbedingungen. Die Beihilfe für eine Wohnungs-Erstausstattung, reiche außer für Waschmaschinen und Kühlschrank vielleicht noch für einige wenige Möbelstücke. "Natürlich bemühen wir uns um aufgearbeitete Gebrauchtmöbel - aber zumindest Bettzeug und Matratzen möchten die Familien aus verständlichen Gründen lieber neu haben", so Anett Kropp.

Für sie und ihre Mitstreiter ist "Willkommenskultur" kein leeres Wort. Durch Freundlichkeit und persönliche Zuwendung versuchen sie wett zu machen, was die deutsche Bürokratie Neuankömmlingen zumutet: "Die ersten Tage hier sind ein regelrechter Ämtermarathon", weiß die AWO-Mitarbeiterin. Ausländerbehörde, Jobcenter, Kindergeld- und Krankenkasse, Rentenversicherung, Bank… - selbst dem, der hier zu Hause ist, würde davon der Kopf schwirren. Wie viel Arbeit ihnen die Migrationsberaterinnen abnehmen, können Fremde nicht einmal ahnen. "Wir vergleichen natürlich im Vorfeld schon die Konditionen der Geldinstitute. Und wir haben mit einem Fotografen ausgehandelt, dass er für Flüchtlinge einen Sonderpreis macht - aus ihrem Budget wären biometrische Fotos für die Aufenthaltsgenehmigung sonst gar nicht zu bezahlen." Kinder bekämen zwar aus dem Bildungs- und Teilhabepaket Geld für Schulmaterial - aber mindestens noch einmal so viel müssen die Familien selbst aufbringen. "Auch da zeigt sich wieder der Unterschied zu Familien, die schon immer hier leben: Da schenken die einen Großeltern zur Einschulung den Ranzen und die anderen die Sportsachen. Von Onkels und Tanten kommen Federtasche, Füller und was sonst noch gebraucht wird dazu…" Flüchtlingsfamilien müssten das alles allein stemmen. Da helfe jeder Rabatt beim Schreibwarenhändler. "Aber es wäre natürlich toll, wenn uns noch mehr Firmen unterstützen würden", meint Anett Kropp.

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