Uni Rostock : Hightech für starke Herzen

Ingenieur Niels Grabow zeigt im Institut in Rostock-Warnemünde einen abbaubaren Stent.
Foto:
Ingenieur Niels Grabow zeigt im Institut in Rostock-Warnemünde einen abbaubaren Stent.

Rostocker Institut entwickelt Implantate für Auge, Ohr und Herz. Derzeit forschen Wissenschaftler an ultradünnen Vliesen aus Nanofasern

svz.de von
01. Juni 2016, 12:00 Uhr

Zwei Jahre, dann ist er weg. Aufgelöst, verschwunden. Hat aber in dieser Zeit ein Leben gerettet. Die Rede ist von einem vier Millimeter kurzen Kunststoff-Konstrukt, das verengte Gefäße im Herzen offenhält – einem sogenannten Stent. In seiner aktiven Zeit hat er nicht nur den Blutfluss garantiert, sondern auch ein Medikament freigesetzt, das ein ungewolltes Gewebewachstum hemmt.

„So wird sichergestellt, dass das Gefäß dauerhaft offen bleibt“, erklärt Dr.-Ing. Niels Grabow vom Institut für Biomedizinische Technik der Uni Rostock. Weltweit wird an solchen abbaubaren Stents gearbeitet – das Rostocker Institut und die benachbarte Cortronik GmbH sind Vorreiter. Der Bedarf wird immer größer, denn je älter die Bevölkerung wird, desto häufiger treten Herzinfarkte und andere Erkrankungen auf, bei denen Stents helfen können. Doch den Blutfluss zu sichern, ist nicht alles.

Derzeit forschen die Warnemünder an ultradünnen Vliesen aus Nanofasern. „Dieses Material wird im Labor erzeugt – unter anderem, um die Stents sozusagen darin einzuwickeln“, erläutert Grabow. „Dadurch werden winzige Risse im Gewebe abgedichtet, die bei der Implantierung oder bei anderen Eingriffen entstehen können. Das verhindert Einblutungen.“ Außerdem werde durch diesen gecoverten Stent die Nachsorge bei Herzpatienten verbessert, die ein Implantat tragen. „Dieses Vlies wird nicht dauerhaft gebraucht, sondern nur für den Heilungszeitraum. Es löst sich ebenfalls auf.“ Die Wissenschaftler arbeiten unter anderem noch an der Faserdicke, der Abbauzeit und der technologischen Umsetzung.

Diese Vliese sollen auch für ein anderes Implantat angewendet werden: bei den künstliche Herzklappen. „Allein in Deutschland leiden etwa drei Millionen Patienten an Erkrankungen, die eine neue Herzklappe erfordern“, sagt Prof. Klaus-Peter Schmitz, Vorstandsvorsitzender des Response-Projektes. „Sind sie älter als 80 Jahre, können sie nicht mehr operiert werden. Wenn unsere Weiterentwicklung funktioniert, könnten wir ihnen ein Weiterleben ermöglichen.“

Eingebettet sind die Forschungen in das Projekt Response, einem Zusammenschluss von insgesamt 30 Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen aus der Medizintechnik. Die meisten davon sind in den neuen Bundesländern angesiedelt. Es geht um Implantate für verengte Gefäße im Herz-Kreislauf-System, aber auch in Auge und Ohr.

„Außerdem entwickeln wir Technologien, um diese Implantate dann auch herzustellen“, erläutert Grabow. „Und wir sondieren den immer größer werdenden Bedarf, beschäftigen uns also mit Demografie und Gesundheitsökonomie. Denn die Betroffenen sind in erster Linie ältere Menschen.“

Dabei werden die Stents immer kleiner: Während die Implantate fürs Herz vier Millimeter groß sind, messen die fürs Auge nur noch einen halben Millimeter. Unter anderem arbeiten die Forscher an formveränderlichen Linsen, sodass Patienten mit grauem Star nach der Operation keine Brille mehr tragen müssen.

Insgesamt neun Vorhaben umfasst das Response-Projekt. Dadurch entstehe eine enorme Wertschöpfung auch für Partner aus kleinen und mittelständischen Unternehmen, so Klaus-Peter Schmitz. „Die Industriepartner in dem Projekt sind wichtig, denn eine Universität kann nicht produzieren.“

Wichtigster Partner ist die Cortronik GmbH, die direkt neben der Forschungseinrichtung in Warnemünde liegt und inzwischen 250 Mitarbeiter beschäftigt. „Letztlich kann kein Implantat so gut sein wie ein funktionierendes biologisches System, aber die Technik hilft heilen“, sagt Niels Grabow. Bis 2020 wollen die Beteiligten so weit kommen, dass vorklinische Tests gemacht werden können. Die Forscher hoffen, dass etwa fünf Jahre später die ersten Patienten mit den neuen Implantaten versorgt werden können.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen