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Südbahn : „Hier rollen bald nur noch Büsche“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Südbahn zwischen Parchim und Malchow wird eingestellt - wir fragten nach, was das für die Bevölkerung bedeutet

von
erstellt am 21.Okt.2014 | 11:50 Uhr

„Eine ganze Region wird abgehängt. Hier rollen bald nur noch Büsche und keine Züge mehr“, steht auf einem Plakat an der Zug-Haltestelle in Malchow. Mit einem grünen Filzstift hat jemand darunter gekritzelt: „Das ist der Osten. Unglaublich. Alles liegt brach.“ Dabei ist die Haltestelle in Malchow ganz neu. Für zirka eine halbe Million Euro wurden der Bahnsteig sowie Rollstuhlrampen, Wartehäuschen und ein Parkplatz in Altstadtnähe gebaut. Im Dezember ist das erst zwei Jahre her. Ebenfalls im Dezember soll jedoch auf dieser Strecke der letzte Zug rollen. Die Südbahn auf dem Abstellgleis? Wir haben uns auf den Weg gemacht um selbst mit dem Zug von Parchim bis nach Malchow zu fahren und mit den Menschen zu sprechen, die auf die Verbindung angewiesen sind.

Montagmorgens um 7 Uhr auf dem Bahnhof in Parchim. Das Regenwasser sammelt sich im Gleisbett. Die ersten Pendler stehen schlaftrunkenen Blicks mit dampfenden Kaffeebechern in der Hand und Musik auf den Ohren in den Wartehäuschen. Einer von ihnen ist André Ditloff. Seit vier Jahren fährt der Landschaftsarchitekt täglich mit der Südbahn nach Karow. Ein Auto hat er nicht. „Als ich gehört habe, dass die Strecke eingestellt werden soll, war ich platt. Wie komme ich dann zur Arbeit?“ Ditloff blickt in die Ferne. „Ich brauche etwa 40 Minuten mit der Bahn bis nach Karow. Da muss ich in den Bus umsteigen bis nach Plau. Früher gab es da auch eine Zugverbindung, aber die wurde schon lange eingestellt.“ Dass nun auch die Strecke zwischen Parchim und Malchow eingestampft werden soll, kann er nicht verstehen: „Am Freitag war es so voll, da mussten wir stehen und mittags fahren hier immer 20 Mann mit.“

Doch das wäre zu wenig, argumentiert das Land. Durchschnittlich sitzen einem Gutachten des Landes zufolge beispielsweise weniger als 14 Personen in einem Zug auf der Strecke zwischen Parchim und Lübz. Als Vergleich: auf dem Abschnitt Bützow – Schwaan sind es durchschnittlich werktäglich 2 773 Reisende. Eine Weiterbetreibung der Südbahn würde sich ökologisch und wirtschaftlich nicht rentieren. Ab dem 13. Dezember will die Verkehrsgesellschaft Mecklenburg GmbH, die Südbahn von Parchim bis nach Waren durch Busse ersetzen.

Eine Glocke läutet. Kurz darauf schließen sich die Bahnschranken und die Odeg rollt langsam ein. Mit Ditloff steigen an diesem Morgen nur sechs weitere Personen in den Zug. Schon in Lübz, der nächsten Station steigen drei von ihnen wieder aus. Die gleiche Anzahl hinzu.

Einer von ihnen ist Andy Kroll. Der 21-Jährige möchte nach Teterow, wo er in einem Seniorenheim ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. „Viele Schüler nutzen die Strecke um nach Parchim zu kommen. Der Busbahnhof dort ist jedoch sehr weit von der Berufsschule entfernt. Das ist ein Problem“, meint er. Auf die Bahn verzichten, möchte er nicht: „Die Busse sind sehr oft in einem schlechten Zustand. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es billiger wäre, neue Busse zu beschaffen, statt Züge zu unterhalten.“

Doch genau das ist es, erklärt sich Energieminister Christian Pegel (SPD): „Wir müssen entscheiden, wie wir die knappen Mittel im Personenverkehr einsetzen. Wenn ein Bus die Fahrgäste aufnehmen und behindertengerecht transportieren kann, auch Fahrräder, dann ist das sinnvoller.“

Sind barrierefreie Busse, für Gehbehinderte eine Alternative zur Südbahn? Maérry Lehmann aus Röbel bezweifelt das. Sie streckt ihre Beine aus. Ihren Rollator hat sie neben sich auf den breiten Gang der Odeg gestellt. „Für mich ist die Bahn viel besser. Hier habe ich mehr Platz. Mit dem Bus würde ich nicht fahren. Da muss ich so lange sitzen und hier kann ich auch mal aufstehen und rumgehen.“. Wie es dann weitergehen soll? Die Renterin schaut zu einer Frau in einer roten Jacke, dann aus dem Fenster. Die Landschaft zieht an ihr vorbei: „Das weiß ich noch nicht.“

10,5 Millionen Euro würde das bestehende Angebot der Südbahn jährlich kosten. Die Einnahmen der Bahn und die Regionalisierungsmittel vom Land könnten diese Kosten schon jetzt nicht decken, erklärt Steffen Wehner, Pressesprecher vom Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung MV. Außerdem wären Investitionen in die Infrastruktur nötig, da Teilstrecken der Bahn marode sind. Allein zwischen Parchim und Waren müssten laut Wehner 47 Millionen Euro investiert werden. „Vor diesem Hintergrund wäre es unverantwortlich, Leistungen zu bestellen, die nicht genügend nachgefragt werden und bei denen das Geld nicht effektiv genug ausgegeben wird.“

8 Uhr morgens in Malchow. Fast genau eine Stunde braucht der Zug bis hier. Der Bürgermeister Joachim Stein wartet bereits auf uns: „Das ist unsere Anbindung nach Hamburg und nach Berlin. Wir wollen die Bahnstrecke auch in Zukunft erhalten“, sagt er. Ob die Südbahn tatsächlich stillgelegt wird, soll das Schweriner Verwaltungsgericht entscheiden. Die Landkreise Ludwigslust-Parchim und Mecklenburgische Seenplatte haben Klage eingereicht, um die Stilllegung zu verhindern. Das Land verstoße damit gegen seine eigenen Vorgaben zur Infrastruktur, so der Vorwurf. „Wir geben nicht auf“, meint Stein. Hinter ihm hängt ein nasses Laken am Geländer. Die Schrift darauf ist vom Regen ganz verwaschen. „Südbahn erhalten“ steht dort.

Verkehrskonzept Mecklenburgische Südbahn ab 2015  

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