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Freiwilliges Jahr : „Hier hat niemand auf ‚meine Hilfe‘ gewartet“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Maria Neugebauer arbeitet für ein Jahr in Tansania.

von
erstellt am 15.Okt.2014 | 12:00 Uhr

Maria Neugebauer aus Schwerin ist seit September in Tansania, um dort auf der Kinderstation einer Klinik ein freiwilliges Jahr zu absolvieren. Im Nachbarland Kongo sind bereits über 2000 Menschen an der Infektionskrankheit Ebola gestorben. In Tansania gibt es noch keine bekannten Todesfälle. Für ihre Heimatzeitung berichtet die junge Frau von ihren ersten vier Wochen in Afrika. Hygienestandards und der Umgang mit den Kindern bereiten ihr Sorgen.

Ich bin Maria Neugebauer, 24 Jahre alt, und habe von September 2010 bis August 2013 eine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin an den Helios-Kliniken Schwerin absolviert. Anschließend arbeitete ich für ein Jahr auf der neonatologischen Intensivstation. Seit dem 3. September verbringe ich ein Jahr als Freiwillige in Tansania. Genauer gesagt in Dar es Salaam, wo ich auf einer Früh- und Neugeborenenstation im Amana-Hospital arbeite.

Wie schnell doch die Zeit vergeht. An meinem ersten Arbeitstag betrat ich perfekt ausgerüstet mit meinem extra angefertigten Maria-Kasack die Neonatologie. Doch es hat hier niemand auf mich und „meine Hilfe“ gewartet. Der erste Eindruck war für mich erschreckend.


Weit und breit kein Desinfektionsmittel

Es gibt keine KinderSchwester-Einteilung wie ich es aus Deutschland kenne und auch niemanden, der sich meiner annahm. Ich sah mir die Station erst einmal genauer an und musste schnell feststellen, dass es einen gewaltigen Unterschied zum Umgang mit der Hygiene gibt. Abgesehen von den umherkrabbelnden Kakerlaken, gibt es weit und breit kein Desinfektionsmittel auf der Station und auch die Zubereitung von Medikamenten und Infusionen ist unzureichend.

Die Vermutung, dass diese Situation an einem Materialmangel liegen könnte, bestätigt sich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich bin positiv überrascht, wie viel Zubehör den Schwestern zur Verfügung steht. Es ist eher die Unwissenheit des Personals über Hygiene, Desinfektion und so weiter schuld.

Was mir auch zu schaffen macht, ist der grobe Umgang mit den Kindern. Hier scheint es üblich zu sein, die Babys am Arm oder Bein zu packen, um sie dann in der Luft baumelnd hochzunehmen. Die Kinder liegen zu dritt, viert oder zu fünft in einem Bett. Die zu früh geborenen Babys sowie Kinder mit Asphyxie liegen alle zusammen in einem Raum, der auf ca. 34 Grad geheizt wird.


Es ist üblich, dass täglich ein Kind stirbt

Einige der Kinder sehen sehr sehr schlecht und krank aus. Ich denke, dass einige von ihnen am nächsten Tag sicher nicht mehr hier sein werden. Es ist üblich, dass mindestens ein Kind täglich stirbt – manchmal auch unbemerkt. Letzte Woche kam ein sehr kleines Frühchen auf die Station. Ich schätzte es auf eine 26. Schwangerschaftswoche. Leider fühlt sich keiner für das Kind verantwortlich. Ich kümmere mich also täglich darum , das Bettlaken zu wechseln und Begrenzungen zu basteln. Ich habe das Baby dann auch mit einem von mir mitgebrachten Feuchttuch saubergemacht.

Muss ein Kind reanimiert werden, geschieht das hier sehr inkonsequent und mit einer gefährlichen Ruhe. Jeden Morgen suche ich die Betten nach bekannten Gesichtern ab. Die Mütter kommen alle drei Stunden zu ihren Kindern, um sie zu wickeln und zu stillen. Sind die Babys zu schwach oder noch zu klein, wird die Muttermilch in einen Becher ausgestrichen. Mit diesem werden die Babys dann gefüttert oder über eine Magensonde ernährt. Flaschen gibt es nicht.


Heimlich entsorge ich eklige Sonden


Die Sonden werden eingeweicht und mehrmals benutzt. Heimlich entsorge ich aber sehr eklig aussehende. Die Schwestern legen hier sogar die Flexülen selbst. Falls die Nadel einmal zu Boden fällt, wird sie einfach weiter benutzt.

So viel Neues und Unbekanntes ist auf mich eingeströmt. Heute, rückblickend auf die letzten Wochen, kann ich sagen, dass sich schon eine Menge verändert hat. Ich war sehr erleichtert, dass die für mich zuerst verwirrenden Abläufe doch eine gewisse Routine und Struktur ergeben. Ich bin trotz der riesigen Umstellung ganz zuversichtlich, dass ich mich gut anpassen werde. Es war ja zu erwarten, dass hier vieles anders ist. Meine eigenen Vorstellungen zwecks Hygiene und Umgang mit den Kindern behalte ich jedoch selbstverständlich bei.

 

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