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Flüchtlingstagebuch Teil 7 : Hier fängt Rassismus an

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Vor drei Wochen erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern wartet er auf seine Registrierung. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

von
erstellt am 19.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Welche Sorgen sind begründet, welche nicht? Welche Befürchtungen sind gerechtfertigt? Wo verläuft die Grenze zwischen Angst und Rassismus? Ich weiß es nicht. Doch wenn mir an einer Tankstelle die Tür geöffnet wird, sie aber für einen Syrer geschlossen bleibt, dann stellt sich die Frage nicht. Das ist Rassismus.

Eigentlich will ich mir auf dem Weg nach Hause nur schnell einen Schokoriegel holen. Es ist kurz vor 21 Uhr, also biege ich bei der nächsten Tankstelle ein. Neben den Zapfsäulen steht ein Flüchtling. Zumindest nehme ich an, dass er einer ist. Er hat dunkle Haut, viel zu dünne Sachen an und einen großen Rucksack bei sich. Ich will hineingehen, doch die Glastür öffnet sich nicht. Etwas unbeholfen wedele ich mit den Armen vor der Lichtschranke. Dann macht es „Klick“ und die Türen schieben sich auseinander. Ich gehe hindurch und mit einem weiteren „Klick“ verschließen sich die Türen wieder.

„Ist eigentlich schon der Nachtschalter offen?“, frage ich die Frau hinter dem Tresen, während ich mir einen der Riegel greife. „Nein, das ist wegen dem Syrer.“ – „Wieso? Ist etwas passiert?“ – „Nein, ich will nur nicht, dass der hier rein kommt.“ – „Warum nicht?“ – „Na, die sind doch alle gefährlich.“

Einen Moment lang weiß ich nicht, was ich sagen soll. Dann entgegne ich ihr: „Vielleicht braucht er einfach nur Hilfe!“, und gehe raus. „Do you need help?“ – „Brauchst du Hilfe?“ rufe ich zu dem jungen Mann. Er nickt schüchtern. Sein Englisch ist brüchig, aber ich verstehe, dass er aus Syrien kommt und noch nicht registriert wurde. Sein Bruder sei in Schwerin und wollte ihn am Bahnhof abholen. Offensichtlich ist er zwei Stationen zu früh ausgestiegen. Wohin er will, kann ich nicht verstehen. Also rufe ich Moha an. Er soll übersetzen.

Ich gebe dem Syrer das Telefon. Er und Moha unterhalten sich eine Weile. Dann gibt er mir das Telefon zurück. „Lisa, er scheint ein netter Kerl zu sein. Aber bitte, sei vorsichtig. Auch bei uns gibt es dumme Menschen“, sagt Moha. Dann erklärt er mir, dass der junge Mann vor mir einfach nur registriert werden will. Ich solle ihm ein Taxi rufen. Ich lege auf.

Mir fällt der Name der Straße nicht ein. Ich gehe also zurück ins Verkaufshäuschen der Tankstelle und frage die Frau hinter dem Tresen nach dem Straßennamen.

Sie ist sichtlich sauer. „Nein, ich mach mich doch nicht strafbar. Ich hab die Polizei gerufen. Der bleibt jetzt hier.“ – „Danke, wir rufen jetzt ein Taxi – Ihre Hilfe kommt leider zu spät“, entgegne ich und geh wieder raus.

Die Polizei war schließlich schneller. Als sie kamen, war dem Flüchtling die Angst ins Gesicht geschrieben. Ich versuchte ihm zu erklären, dass er über Nacht auf der Wache bleiben müsse, aber das er nicht verhaftet sei. Morgen würde man ihn in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Horst bringen. Er bedankte sich. Dann war er weg.
 

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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